nahaufnahmen-Filmadvent: 22. Dezember 2010

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“Sennentuntschi” von Michael Steiner

Tuerchen 22

Auch Zangengeburten bringen schöne Kinder hervor – dafür ist Michael Steiners “Sennentuntschi” der beste Beweis. Ehrlich gesag wäre alles andere auch peinlich gewesen. Kein Schweizer Film hatte je so viel Medienpräsenz vor seiner Premiere gehabt – hätte er sich danach als ein weiterer peinlicher Schweizer Kinoflopp entpuppt, wäre das nicht nur Steiners Ende gewesen, sondern wohl auch das Ende aller Hoffnungen auf gute Schweizer Mainstreamfilme.

Aber es kam anders, das “Sennentuntschi” wurde ein Kassenschlager, und das nicht nur wegen besagter Medienpräsenz. Das beste am Film – und ich hoffe, ich spreche hier für die ganze Schweiz – war, dass er nicht in einem Züritüütsch gesprochen war, welches für praktisch jeden neueren Schweizer Film bisher reines Gift war. Stattdessen hat Michael Steiner einem der schönsten Schweizer Dialekte endlich einmal auf die Leinwand verholfen, dem Bündnertüütsch. Dieses funktioniert als Schweizer Kinosprache herrlich und trug wesentlich zur urchigen Atmosphäre des Streifens bei.

sennentuntschi 1

Besagte Atmosphäre war die zweite grosse Stärke an Steiners Film. Das “Sennentuntschi” ist düster, makaber, brutal, ehrlich und stilsicher. Bildgestaltung und Special Effects zeugen davon, dass endlich einmal genug Geld eingesetzt wurde, um das Publikum optisch so richtig zu verwöhnen. Befänden wir uns nicht in der bekannten Schweizer Bergwelt und käme einem die Sprache nicht so verflucht bekannt vor, man würde kaum erraten, dass es sich beim Gezeigten um einen Schweizer Film handelt.

Auch bei der Besetzung hatte Steiner ein goldenes Händchen. Hanspeter Müller-Drossart ist glücklicherweise in einer Nebenrolle untergebracht, für die er tatsächlich geeignet ist, während Andrea Zogg in der Hauptrolle als geiler Senn richtig aufgeht. Über die Leistung der Tuntschi-Darstellerin Roxane Mesquida kann man sich zwar streiten, so schlecht, wie manche Kritiker behaupteten, spielte auch sie nicht. Die wirkliche Überraschung jedoch war Joel Basman als stummer, geistig zurückgebliebener Geissenhirte Albert. Ohne ihn wäre “Sennentuntschi” kaum der Film geworden, der er ist, denn Albert ist klar die spannendste Figur in Steiners Version der Sage.

© Studio / Produzent
© Studio / Produzent

Diese Version – und das darf dem Film als weitere Stärke angerechnet werden – ist eine relativ freie Interpretation der Sage, insofern als sie diese ins 20. Jahrhundert holt und die Sennen die Sage kennen lässt. Diese basteln sich das Sennentuntschi folglich im Wissen um den bösen Ausgang der Sage, was dem Film einen interessanten Twist gibt. Steiners Spiel mit den Zeitebenen mag nicht immer aufgehen und nicht ganz so überraschend sein, wie es eigentlich geplant war, macht den Film aber dennoch zu mehr als einem langweilig-linearen Bergkrimi.

Nach so viel Lob soll allerdings dennoch kurz gesagt sein, dass “Sennentuntschi” nicht alles richtig macht. Im Gegenteil, der Erklärungswahn, welchem der Film in der letzten Viertelstunden verfällt, ist frustrierend, wenn nicht sogar eine Beleidigung jedes halbwegs intelligenten Zuschauers. Über eineinhalb Stunden hinweg lebt der Film davon, dass weder der Zuschauer noch die zwei Sennen wissen, ob das Tuntschi jetzt Geist oder Mensch ist. Warum das am Schluss geklärt werden muss, leuchtet beim besten Willen nicht ein.

Trotzdem, Michael Steiner verdient das viele Lob, welches er für seinen Film bekommen hat. “Sennentuntschi” mag noch nicht der perfekte Schweizer Kassenschlager sein. Aber er ist ein grosser Schritt in die richtige Richtung und ein Augenschmaus, wie wir ihn nicht erwartet hätten.

Lukas Hunziker

Lukas Hunziker ist Gymnasiallehrer für Deutsch und Englisch. In seinem Garten stehen drei Bäume, in seinem Treppenhaus ein Katzenbaum. Er schreibt seit 2007 für nahaufnahmen.ch.

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