Mikael Engström: “Ihr kriegt mich nicht!”

Oliver Twist zu Zeiten des Sozialstaats

Mikael Engström: “Ihr kriegt mich nicht!” (Hörspiel)

Was früher die Armenhäuser, ist heute das Jugendamt. So scheint es zumindest in „Ihr kriegt mich nicht!“, einem Hörspiel, in dem der 12-jährige Mik dafür kämpft, bei seiner Tante in einem klitzekleinen Kaff Nordschwedens leben zu dürfen. – Miks Suche nach ein bisschen Geborgenheit wurde vom SWR geschickt inszeniert und ist so für Gross und Klein ein Gewinn.

Von Sandra Despont.

ihrkriegtmichnichtViel Wut nistet in Miks Bauch. So viel, dass er den alkoholabhängigen Assis nicht bloss ein, zwei Steine auf ihre Bruchbuden werfen will. Nein, totmachen will er sie! – Probleme, nein, so was habe er nicht, auch in seiner Familie sei alles in Ordnung, sagt er, als ihn eine besorgte Lehrerin nach seiner Attacke auf einen Alkoholiker befragt. Doch nichts ist gut. Miks Mutter ist tot, sein Bruder Tony wird ihm immer fremder und sein arbeitsloser Vater versäuft das spärliche Geld. Und die Einsamkeitsschlange, die meldet sich auch immer öfter.

Das Jugendamt findet die perfekte Plagefamilie

Wer sich auch bald meldet, ist das Jugendamt. Als Übergangslösung wird Mik zu seiner Tante in die Arktis geschickt, oder doch zumindest nach Selet, Nordschweden, wo die Schule gerade mal aus dreizehn Kindern besteht, wo es gefährliche Strömungsbrunnen im Eis gibt und wo Problemkinder wie er bestimmt nicht willkommen sind. Doch gegen seinen Willen fühlt sich Mik hier wohl. Bei seiner Tante Lena findet er nach langer Zeit zum ersten Mal wieder Geborgenheit. Jemand, der ihm zuhört, jemand, der ihn ernst nimmt, jemand, der ihm die Welt erklärt, Weihnachten hasst und schallend lacht. Nicht mal die Schule ist schlimm. Er findet sofort Anschluss an das freche Mädchen Pi und deren Freunde und sogar in ihre Entlaufene-Katzen-Geschäftsidee weihen sie ihn ein. Ist alles gut? – Mitnichten! Denn bald hat das Jugendamt die perfekte Pflegefamilie für Mik gefunden. Gerade jetzt, wo Mik sich in dem 160-Seelendorf integriert hat, beginnt ein neuer Albtraum. Ein Albtraum voller glibberiger Grütze und Hundescheisse.

Mikael Engström hat mit „Ihr kriegt mich nicht!“ eine Art modernen „Oliver Twist“ geschrieben. Der 12-jährige Mik ist ein liebenswürdiger Kerl und trotzdem ein Jugendlicher von heute mit Ecken und Kanten. Gerade dass dieser Mik ziemlich keck ist und auch gnadenlos die ziemlich verrückte Erwachsenenwelt um ihn herum beurteilt, macht ihn so sympathisch. Ohne sentimental zu werden, mit trockenem Humor, in einer nüchternen und doch gefühlvollen Sprache wird Miks Odyssee vom disfunktionalem Zuhause, zum Paradies zwischen Hechten und verschrobenen Dorfbewohnern weiter zu seiner fürchterlichen Plagefamilie geschildert. Miks Geschichte zeigt, wie über lauter Paragraphen die Menschlichkeit auch im besten Sozialstaat verloren gehen kann, sie zeigt, wie wenig man Wärme mit Zahlen und Fragen erfassen, dass sich Freundschaft an den unverhofftesten, kältesten Orten finden kann und sich das Kämpfen für ein besseres Leben lohnt. Dabei driftet Mikael Engström nie in jugendbuchuntaugliche didaktische Gewässer ab. Kein moralischer Zeigefinger erhebt sich hier, seine Kinder und Jugendlichen sind genauso ungezähmt und frech wie diejenigen Astrid Lindgrens, ihre Abenteuer sind schlicht und gleichzeitig faszinierend wie eine Bootsfahrt auf dem selbstgebastelten Floss. „Ihr kriegt mich nicht!“ ist eine „Oliver Twist“ – Geschichte für das 21. Jahrhundert und damit, wie die grossen Werke eines Charles Dickens, letztlich zeitlos.

Ein gewaltiges Abenteuer

Auch die beim Audio Verlag erschienene Hörspielbearbeitung des SWR schreit, besonders mit ihrer wenig melodischen Musikkomposition, nach 21. Jahrhundert. Misstöne mischen sich immer wieder in Miks glückliche Momente, bereiten einen auf die kommende Katastrophe vor. Man kann sich Miks Geschichte nicht wie einem längst vergangenen, letztlich jedoch belanglosen Märchen hingeben. Immer wieder bietet diese Hörspielinszenierung Widerstand, sei es durch die Musik, sei es durch geschickt ausgewählte Passagen aus dem Buch, die durch einen einzigen Satz, durch eine prägnante Aussage ins Mark treffen. Die Kürze des Hörspiels lässt die Geschichte an einigen Stellen fragmentarisch erscheinen, doch dies gereicht ihr keineswegs zum Nachteil. Das Hörspiel bleibt durch diese Brüche einerseits dem Buch treu, das ebenfalls konsequent die Perspektive Miks einnimmt und keinen Oberlehrer im Hintergrund die schrägen Dinge gerade rücken lässt, andererseits lässt es den Zuhörer und Zuhörerinnen dadurch auch den nötigen Raum, sich selbst Gedanken zu machen und Schlüsse zu ziehen. Dazu trägt auch bei, dass die Äusserungen einiger Sprecher manchmal etwas gar geschauspielert und nicht völlig authentisch wirken. Zumindest erwachsene Zuhörerinnen lässt dieses Hörspiel nie vergessen, dass man hier einer gemachten Geschichte lauscht, die an der Oberfläche Spannung verspricht, die aber auch eine mehr als aktuelle Wirklichkeit verhandelt und uns dazu aufruft, Miks Geschichte so nicht mehr passieren zu lassen.

Die Stärke dieses Hörspiels ist aber gerade darin zu sehen: Für Kinder und Jugendliche ist Miks Geschichte ein gewaltiges Abenteuer in unserer Zeit, inklusive Begegnungen mit furchterregenden Monstern, bösen Papageienfrauen, unbarmherzigen Plagebrüdern; für Erwachsene ist es eine Erinnerung an ihre Verpflichtung, für Kinder eine gute Welt zu schaffen, in der sie sich frei und ohne Angst entfalten und die Einsamkeitsschlangen nicht länger ihr Unwesen treiben können.


Titel: Ihr kriegt mich nicht!
Autor: Mikael Engström
Übersetzerin: Brigitta Kicherer
Sprecherinnen und Sprecher: Jona Mues, Wyn Laurids Engeholm, Leonie Reichert, David-Noel Grünewald, Benjamin Meyer, Leonie Schindler, Merle Meyer, Niclas Tutsch, Christian Ronge, Ole Meyer, Sascha Icks, Hans Diehl, Nadine Kettler u. a.
Verlag: Der Audio Verlag
Laufzeit: 2 Cds, ca. 113 min.
Richtpreis: CHF 23.50

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