Gesellschaftsspiele der letzten hundert Jahre

Mensch, ärgere dich nicht: Eile mit Weile

Gesellschaftsspiele der letzten hundert Jahre

Titelbild

Das Spiel „Eile mit Weile“ ist bereits hundert Jahre alt. Zu dieser Epoche hat der Konservator des  Spielzeugmuseums Riehen eine retrospektive Sonderausstellung konzipiert. Bei den zurzeit kalten bis eisigen Temperaturen bieten 85 Quadratmeter Ausstellung eine warme Stube an. Die Besucher werden eingeladen, die grosse Vielfalt an Spielen gleich an Ort und Stelle auszuprobieren.

von Graziella Putrino

Kennen Sie Pachisi? Nein? Vielleicht aber die deutsche Variante „Mensch, ärgere dich nicht“, oder die schweizerische „Eile mit Weile“. Die Uridee all dieser Spiele ist das indische  „Pachisi“. Dieses Spiel wurde im Verlauf der letzten hundert Jahren je nach Land und Sprache adaptiert.

Reichtum an Spielen
„Eile mit Weile“ ist nur eines von den insgesamt 800 Spielen im Archiv des Spielzeugmuseums in Riehen. Allein vor fünf Jahren kamen 400 Exemplare zu den Vorhandenen hinzu: Felix Trommen, Spielekritiker bei der „Basler Zeitung“, vermachte vor seinem Tod seine eigene umfangreiche Sammlung dem Museum.

Diesen grossen Reichtum an Spielen, dem Publikum in Form einer Ausstellung zu präsentieren, beschloss der Konservator, Bernhard Graf. „Die Ausstellung ist zudem eine Ehrerweisung an Trommen“, unterstreicht „Le Patron“- wie Graf sich selber nennt.

Interaktion zwischen Ausstellung und Besuchern
„Die Spiele sind nicht nur Ausstellungsstücke hinter Vitrinen“, betont der Konservator. „Zwar dienen sie dazu, eine Vergangenheit zu dokumentieren, sie sollen aber auch vor Ort gespielt werden“. Als Bernhard Graf das Konzept der Ausstellung ausarbeitete, hatte er die klare Vorstellung, dass eine Interaktion zwischen den Belegexemplaren und den Besuchern zu entstehen habe. Für die Gestaltung des Raumes im Nebenhaus des Spielmuseums, wo der Besucher die Sonderausstellung findet, erteilte der Konservator der jungen Firma ZMIK spacial design aus Basel den Auftrag.

Die Gestalter platzierten sowohl an der linken, wie an der rechten Wand des Raumes insgesamt sieben rhomboide Vitrinen. Darin sind nun nach Themen Spiele in der Originalverpackung ausgestellt. In jeder Vitrine sind zusätzlich Würfel oder Spielfiguren aus einzelnen Spielen, als Zeugen des zwanzigsten Jahrhunderts zu bewundern.

Nostalgische Gefühle
In der ersten Vitrine sind „berühmte Spiele“ gesammelt. Da finden die Besucher – nicht wenige mit nostalgischen Gefühlen – „Eile mit Weile“, „Mensch ärgere dich nicht“, aber auch das Gänsespiel, welches ebenfalls indische Vorbilder hat.
Nebst dem Original Monopoly, entdeckt der Besucher das „Anti-Monopoly“. Le Patron berichtet, dass dieses Brettspiel für 2 bis 6 Personen vom amerikanischen Wirtschaftsprofessor Ralph Anspach entwickelt wurde. Als das Spiel im Jahre 1973 erschien, sorgte vor allem sein Name für Furore: Er war Grund für einen zehn Jahre dauernden Rechtsstreit um die Markenrechte am Namen Monopoly. Schliesslich gewann Anspach und sein Spiel durfte den Namen „Anti-Monopoly“ behalten.

Die zweite Vitrine trägt den Titel „Die grosse weite Welt“.  Dort befinden sich eher taktische, strategische Spiele, welche zudem pädagogischen Charakter aufweisen. Die Spielemacher beabsichtigten, dass sich die Spieler nicht nur vergnügten, sondern dabei auch vieles lernen sollten. Diese Spiele tragen Namen wie „Eine Reise durch die Nord- und Ostsee“, „Kreuz und quer durch Europa“, „Reise durch die Hauptstädte Europas“ oder „Rheinreise“.

Unter dem Titel „Politisches“ trifft der Besucher bei der dritten Vitrine auf Spiele, die ein politischer Spiegel ihrer Zeit sind. Der Besucher erinnert sich beim Betrachten möglicherweise an verschiedene politische Ereignisse, wie: Glasnost in Russland oder Tangentopoli in Italien. Diese beiden und weitere Episoden der Geschichte wurden zu Spielen umgesetzt. Auch Ereignisse in Zürich lieferten die Grundlage für ein Spiel. Wie der Konservator erzählt, wurde mit Hilfe des Spieles „Wahlkampffieber“ Zürcher Schülern der Oberstufe das System der Schweiz näher gebracht.

In der vierten Vitrine sticht ganz besonders eine Farbe hervor: Rot – in allen Abstufungen.
„Anscheinend“, erläutert Graf „dachten die Spielverlage, Schachteln in der Signalfarbe rot, schwarz und weiss beschriftet, hätten bessere Absatzchancen. Es dürfte manchen Konsumenten, die Verpackung wichtiger sein als das Spiel an sich“, meint der Konservator zu dieser Vitrine mit dem Titel: „Die Farbe rot.“

Die fünfte Vitrine sammelt viele Spiele, die nirgends richtig einzuteilen sind und dem Publikum grösstenteils wohl unbekannt. Diese Spiele fanden Grafs Gunst entweder wegen der Aufmachung der Schachtel, oder wegen des originellen Namens. Daher trägt die Vitrine den Titel „Selection du Patron“. Hier entdeckt der Besucher Spiele wie „Sandmännchens Abendspaziergang“, „Die Reise ins Himmelreich“, „Tom Mix in Texas“, „Schottische Fuchsjagd“, „Abilene“, „Die Spinne“, „O la la!“.

Die sechste Vitrine stellt „Alltägliches“ vor, wie das „Börsenspiel“ als Spiegelung der Börsenwelt, oder das „Froschwanderspiel“, eher als pädagogisches Spiel gedacht, um auf die Umwelt aufmerksam zu machen. Dass Graf das Zeitungsspiel „BaZ“ ausstellte, dient vielleicht dazu, an eine etwas ruhigere Zeit dieser Lokalzeitung zu erinnern. Niemand konnte vor zwei Jahren ahnen, welche Turbulenzen die BaZ in letzter Zeit noch erleben sollte!

Auch berühmte Fernsehserien wurden zu einem Spiel umgesetzt: Der Besucher erkennt sofort die deutsche Serie „Die Schwarzwald- Klinik“. In der Vitrine „Alltägliches“ befindet sich auch das Spiel „Überstehen Sie die Midlife-Crisis“ als Lebensratgeber.

In der letzten Vitrine wird ein Stück Heimat dargestellt: „Im Lande Tells“ zeigt dem Publikum Spiele, welche die Mehrsprachigkeit und die Vielfalt der Schweiz beleuchten: „Zum Gipfel der Jungfrau/ Au sommet de la Jungfrau“, „Un tour de Suisse, Reise durch die Schweiz“, „Jeu de Chemin de Fer Suisse/ Schweizerische Eisenbahnspiel“. „Jeu du Rempart/ Bollwerk-Spiel“, „Swiss-Quiz“, „Jeu des Eclaireurs suisses/ Schweizer Pfadfinder-Spiel.“

Wunschgedanken
Viele Spiele enthalten eine Botschaft, oder haben eine Absicht: Sei es die zwischen-menschliche Begegnung und die Wahrnehmung unseres Gegenübers zu fördern. Sei es die Auseinandersetzung mit einer anderen Denkweise, oder mit einer anderen Sprache. Alles, ohne dabei den Faktor Spass zu vergessen.

In einer Zeit, in der sich vermehrt Videospiele breit gemacht haben, bietet diese interaktive Spieleausstellung die Gelegenheit, eine andere Art des Spielens wieder oder neu zu entdecken.


Führungen
Während seinen Führungen erzählt Le Patron persönlich mit Leidenschaft und ausführlich Geschichten zu jedem einzelnen Spiel.
Im neuen Jahr an folgenden Daten:
Am 13. Februar 2011 und am 27. März 2011, jeweils um 11h15.

Links:
Spielzeugmuseum Riehen
http://www.spielzeugmuseumriehen.ch/

ZMIK spacial design (mit weiteren Bildern der Ausstellung)
http://www.zmik.ch/de


Bildergalerie:

EingangBerühmte Spiele Halma: Die Farbe rot

Zum Gipfel der Jungfrau Spiel Weltreise Spiel Eile mit Weile

Spiel Welthandel Sandmännchen Jeu du rempart


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