Alexandros Stefanidis: “Beim Griechen”

Integration geglückt – Abrechnung mit einem Mythos

Alexandros Stefanidis: Beim Griechen (Autobiographische Erzählung)

Der erfolgreiche Journalist Alexandros Stefanidis lässt in seinem ersten Erzählband die eigene Jugend Revue passieren und berichtet von den teils abenteuerlichen Begebenheiten, die sich über die Jahre im “Wohnzimmer” seiner Verwandtschaft zutrugen – in der Taverne “Beim Griechen”.

Von Ferdinand Laudage.

beimgriechen“Irgendwann müssen wir die Geschichten von unserem Vater einmal zu Papier bringen”, dachten sich Jorgo, Ari, Kitsa und Alexandros oft, wenn sie abends beisammen sassen und über längst vergangene Zeiten philosophierten. Der jüngste Sohn Alexandros, Jahrgang 1975, liess im letzten Herbst den Worten Taten folgen. “Beim Griechen. Wie mein Vater in unserer Taverne Geschichte schrieb” ist beileibe kein Sachbuch, wie vom Fischer Verlag deklariert. Es ist vielmehr ein bewegender Erlebnisbericht über das turbulente Alltagsleben einer griechischen Grossfamilie, welche ihr Glück ab den 1960er Jahren in der Bundesrepublik Deutschland suchte und zwischenzeitlich auch fand.

Seifenopernmaterial

Familienoberhaupt Christoforos Stefanidis gab schon Anfang der siebziger Jahre jedem seiner Restaurantgäste einen Ouzo aus. Dass der griechische Anis-Schnaps über die Zeit nicht das einzige und alleinig bahnbrechende Erfolgsrezept der Taverne “Beim Griechen” war, wird bei der Lektüre des Erstwerks von Alexandros Stefanidis schnell klar. Der Journalist, der unter anderem für das Magazin der Süddeutschen Zeitung arbeitet, hat auf 256 Seiten das spannende Geschehen im Familienbetrieb festgehalten. Herausgekommen ist eine niemals auch nur in Ansätzen langweilig erscheinende Berichterstattung über das teils sehr problembehaftete Leben der Familie im badischen Karlsruhe. Zum Teil reflektiert Stefanidis aber auch geschichtlich prägnante Ereignisse der deutschen Nachkriegszeit.

Als ab 1967 in Griechenland die Militärdiktatur herrschte, galt es in der Bundesrepublik als politisches Statement, zum Griechen zu gehen. Bekannte deutsche Politiker wie Alt-Bundeskanzler Brandt, Jutta Ditfurth oder Joschka Fischer kehrten hier ein, um ihr Bifteki mit Tsatsiki zu geniessen. Im Jahre 1980 kam es, so schreibt der Autor, an einem feuchtfröhlichen Abend im Lokal der Stefanidis-Sippe sogar zur Parteigründung der Grünen.

Wider alle Vorurteilen und Missverständnisse

Integration ist eines der Kernthemen in diesem Erzählband. Dabei überrascht, dass der Begriff an sich eher selten im Text auftaucht. Für die Familie Stefanidis “geschah” Integration einfach – sie stand nie zur Debatte. Das Familienoberhaupt lernte früh aus eigenen Stücken die deutsche Sprache, um die notwendige Akzeptanz als Einwanderer zu erhalten. Dass dieses Vorhaben trotz einiger Querelen glückte, beweist nicht zuletzt der grosse Erfolg des Restaurants zwischen den 1970er und 1990er Jahren.

Doch das Ende dieser kurzweiligen Familiensaga gleicht dem einer klassischen Tragödie: Döner Kebab oder Cheeseburger standen bei den Konsumenten irgendwann höher im Kurs als Gyros Pita. Hinzu kam, dass Vater Christoforos ein betagtes Alter erreicht hatte – doch erst sein Rückzug aus der Gastronomie ermöglichte die Veröffentlichung einer einmaligen Erzählung, die sich sicher noch besser als Hörbuch verkaufen liesse: weiss Gott nicht, weil der Autor kein Talent fürs Schreiben hätte, sondern vielmehr, da solche Geschichten am besten funktionieren, wenn sie bei einem Glas griechischem Wein in epischer Breite zum Besten gegeben werden. Ja mas!

Titel: Beim Griechen: Wie mein Vater in unserer Taverne Geschichte schrieb
Autor: Alexandros Stefanidis
Verlag: Fischer
Seiten: 256 Seiten
Richtpreis: CHF 14.50

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