“Songs of Love and Hate” von Katalin Gödrös

Die Adoleszenz und das Nichts

“Songs of Love and Hate“ von Katalin Gödrös

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Überzeugendes Kino aus der Schweiz – ja, das gibt es: Katalin Gödrös wartet mit einem subtilen Familiendrama auf, jenseits stumpfsinniger Psychologisierung und pathetischer Bewirtschaftung von Emotionen. Statt abgedroschenen Erklärungsbemühungen und empörter Drastik vertraut sie bei ihrer Darstellung menschlicher Irritationen auf feine Schattierungen und leise Töne.

Von Garabet Gül.

Wenn, um einen Ausdruck Martin Heideggers aufzugreifen, der Lastcharakter des Daseins angesichts der aufkeimenden Maturität aufbricht und existenzielle Nöte sich offenbaren, kann die pubertäre Triebsamkeit schon mal zu drastischen Handlungen führen. Es sind aber nicht nur die Heranwachsenden, die durch die Entbindung aus dem naiven Paradies Kindheit und den damit verbundenen Verwerfungen plötzlich der Gefahr ausgesetzt sind, Handlungen durchzuführen, die den Konventionen der Erwachsenenwelt zuwider laufen. Auch die Eltern, die Vorbilder im ehemaligen Paradies, spielen auf einmal nicht mehr dieselbe Rolle als Bezugspersonen, die sie einst bekleideten. Ehemals unschuldige Spielereien verkommen zu Versuchungen und Verführungen, die Welt erfährt Unterteilungen in Wahrheit und Lüge, in Gut und Böse. Die unbedarfte zärtliche Intimität zwischen Vater und Tochter erleidet Brüche und es kommt auf beiden Seiten zu Ablehnungen und Verlustängsten.

Mit der  beschriebenen thematischen Ausgangslage ist auch die Filmhandlung angedeutet und die Frage, worum es in diesem Film geht, ansatzweise geschildert. Was die beiden Hauptpersonen, die adoleszente Lilli (Sarah Horvath) und ihr Vater Rico (Jeroen Willems), tun, wie sie mit den neuen Konfrontationen konkret umgehen,  ihr Entwicklungsgang  im Detail aussieht und welche Handlungen sie vornehmen, vieles soll hier unerwähnt bleiben. Selbstverständlich kann das narrative Handlungsgerüst eines Films für dessen Beurteilung nicht unberücksichtigt gelassen werden, erzählt doch ein Spielfilm meistens eine Geschichte. Der Leser soll an diesem Punkt jedoch nicht mehr als nötig über die Charaktere und den Ablauf des Films erfahren. Eine Vorahnung, was sich darin zuträgt, soll ausreichen, damit der Kinobesuch möglichst ohne vorgefertigte Bilder und Erwartungen erfolgen kann.

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© Studio / Produzent

 

Das Verlangen zu verstehen

Katrin Gödrös schafft es in ihrem Kinodebut, heftige Ereignisse in einer besinnlichen und nie ausufernden Filmsprache darzustellen. Ohne Hektik aufkommen zu lassen, lässt sie ihre Figuren, auch in der vermeintlich grössten Verzweiflung, agieren. Selten kommt es zu emotionalen Ausbrüchen, und wenn es dies mal tut, kehrt schnell wieder Ruhe ein. Als Mittel der Beschaulichkeit und des Rückzugs wird immer wieder der finstere und doch behutsame Wald eingeblendet, der als Topos in einer dichten cineastischen Welt dient. Der Film besitzt viele eindrückliche Begegnungen, besonders in einer Szene kommt die Fragilität des Miteinanderseins nennenswert zum Ausdruck. Lillis Mutter Anna, die zwei Jahre jüngere Schwester Roberta und ihre Freundin Ronny schneiden Zwiebeln in der Küche. Die Stimmung ist gedrückt,  das Gemüse löst Tränen aus. Auf die bitteren Tränen folgt unmittelbar ein losgelöstes und unbestimmtes Gelächter, das aber abrupt verstummt, als die sichtlich aufgewühlte Lilli und ihr Vater Rico den Schauplatz betreten. Die fliessenden Übergänge widersprüchlicher Gefühlszustände wird offenbar – Lieder über Liebe und Hass.

Überzeugend ist der Verzicht auf psychologische Ergründungen menschlicher Abgründe. Katalin Gödrös meint, dass durch Psychologisierungen versucht werde, das Böse zu verstehen. Es erscheine uns dadurch fass-, erklär- und potentiell heilbar. Doch Lilli ist nicht “krank” oder „gestört“. Psychologische Gutachten degradieren den Menschen zu einem Störungsbild. Der Mensch aber ist kein gestörtes Bild, er ist kein Gegenstand, der vollends mit exakten Methoden erforscht und bestimmt werden kann. Lillis Verhalten kann nicht begrifflich gefasst und erklärt werden. Der Zuschauer schaut Lilli zu, möchte verstehen und fragt: Warum? Vielmehr als  das, fragen und aushalten, können wir auch nicht tun.


Seit dem 27. Januar 2011 im Kino.

Originaltitel: Songs of Love and Hate (Schweiz 2010)
Regie: Katalin Gödrös
Darsteller: Sarah Horvath, Jeroen Willems, Ursina Lardi, Luisa Sappelt, Joel Basman, Mira Elisa Goeres
Genre: Drama
Dauer: 89 Minuten
CH-Verleih: Filmcoopi

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Ein Gedanke zu „“Songs of Love and Hate” von Katalin Gödrös

  • 21.02.2011 um 17:03
    Permalink

    Nach der Lektüre des Artikels scheint es, dass der Film emotionsgeladen ist. Anscheinend muss der Zuschauer selbst nach den Ursachen des Handelns der Hauptdarstellern suchen. Und dazu sind eben solche Filme gemacht, um den Zuschauer zum Nachdenken zu zwingen.

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