Ursula Binggeli et al.: „Mutter, wo übernachtet die Sprache?“

Gesammelte Leben

Ursula Binggeli et al.: „Mutter, wo übernachtet die Sprache?“

Welche Bedeutung hat Sprache? Im Alltag? Im Berufsleben? Die wenigsten werden darüber nachgedacht haben. Doch es gibt solche, die das sehr wohl tun. Beispielsweise die 14 Autoren, die Ursula Binggeli und ihre Mitstreiter in „Mutter, wo übernachtet die Sprache?“ porträtieren. Sie alle leben und arbeiten in der Schweiz, doch geboren wurden sie anderswo. Und so verkörpern sie die Schweiz, Europas unangefochtenes Land der Mehrsprachigkeit, wie kein gebürtiger Eidgenosse.

Von Fee Anabelle Riebeling.

mutterwoübernachtetdiespracheDie Schweiz steht für Mehrsprachigkeit. Nirgendwo sonst in Europa werden auf so kleinem Raum so viele Sprachen gesprochen und gelebt wie hier. Deutsch, Französisch, Italientisch, Rätoromanisch. Nicht zu vergessen: die vielen Dialekte. Man drückt sich aus, so wie es einem beliebt. Das alles ist nicht zuletzt auch in der Literatur deutlich spürbar. Und so werden die Schweizer Autoren freier, können zu sich selbst finden und sich ausleben. Sich ausdrücken in der Sprache, die ihnen im Moment des Schreibens am nächsten ist.

Ausgezeichnete Köpfe

Wie es ihnen mit der Freiheit geht, fasst „Mutter, wo übernachtet die Sprache“ eindrücklich zusammen. Auf 152 Seiten lässt es 14 mehrsprachige Schriftsteller aus der Schweiz zu Wort kommen. Diesmal nicht ungefiltert, wie sonst, wenn es ihr Name ist, der vom Cover prangt. Sondern interpretiert von anderen: Denn dieses Mal sind die Autoren Teil des Inhalts.

Die 14 mehrseitigen Porträts widmen sich dem Verhältnis des jeweiligen Autors zu seinen Sprachen. Denn die Protagonisten des Büchleins haben nicht nur das Schreiben gemein, sondern auch, dass sie – wenn nicht von Geburt an – mittlerweile mindestens zwei Sprachen fliessend beherrschen. So gut, dass ihre Texte mal in der einen, mal in der anderen verfasst werden.

Ein grosses Kennenlernen

„Mutter, wo übernachtet die Sprache?“ sieht in der verbalen Ausdrucksfähigkeit des Menschen mehr als nur ein Mittel zur Kommunikation. Es ist etwas, das trennt und verbindet. Es ist: Identifikation. Das steht auf jeder Seite nachzulesen. Mal mehr, mal weniger explizit. Aber es schwingt immer mit.

Die Porträtierten bekommen durch die starke Fokussierung der Herausgeber Kontur und sind nicht länger nur der Autor von Gedichten, Geschichten oder ganzen Büchern. So gleicht das Weiterlesen und -blättern einem ersten Treffen mit bis dahin Unbekannten, die in kurzer Zeit recht viel über sich preisgeben und Einblick gewähren. Nicht nur in ihr Werk, sondern vielleicht sogar in ihr Innerstes.

Das Interesse der Herausgeber am Gegenstand ist echt. Herausgekommen ist im wahrsten Sinne des Wortes eine sehr detaillierte Nahaufnahme.


Titel: Mutter wo übernachtet die Sprache? 14 Porträts mehrsprachiger Autorinnen und Autoren in der Schweiz
Autorinnen: Charlotte Staehelin, Roland Maurer, Karl Wüst, Bruno Rauch, Ursula Binggeli, Frank von Niederhäusern, Willi Wottreng, Beat Mazenauer
Verlag: Limmat Verlag
Seiten: 152
Richtpreis: CHF 29.50

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