Peyman Jafari: „Der andere Iran“

Ein missverstandenes Land

Peyman Jafari: „Der andere Iran“ (Sachbuch)

Der Iran hat keinen guten Ruf im Westen. Ängste vor nuklearer Aufrüstung sowie Entrüstung über anti-israelische Propaganda, Ehebruchsprozesse und Menschenrechtsverletzungen verleiten uns dazu, im Iran eine Bedrohung zu sehen. Die Wirklichkeit sieht etwas anders aus. Peyman Jafari zeigt in seinem Buch eindrücklich, dass die wahre Bedrohung für die Stabilität der Region vom Westen ausgeht.

Von Lukas Hunziker.

derandereiranDas erste Jahrzehnt im neuen Jahrtausend war ein schwarzes Jahrzehnt für den Iran. 2002 bezeichnete George W. Bush das Land als Teil der „Achse des Bösen“, gegen welche er in den Krieg zog. Dieses Stigma kam unerwartet, gab es doch keinerlei Hinweise darauf, dass der Iran die Al Qaida oder die Taliban unterstützt hatte. Im Gegenteil, der Iran war daran, sich dem Westen endlich wieder anzunähern und sogar mit der USA Verhandlungen aufzunehmen. Bushs Anschuldigungen waren ein Schlag ins Gesicht für eine Nation, die sich ihre Unabhängikeit endlich gesichert hatte, nachdem die USA über ein knappes Jahrhundert hinweg versucht hatte, die Demokratisierung des Irans systematisch zu verhindern.

Der Fluch des schwarzen Goldes

Die Geschichte des modernen Iran beginnt mit der konstitutionellen Revolution, welche das Land 1909 zur konstitutionellen Monarchie machte. Diese sollte das Ende einer Geschichte von Fremdherrschaft und Kolonialisierung einläuten und dem iranischen Volk das Recht geben, sich als freie, moderne Nation zu entwickeln. Ein Jahr zuvor jedoch hatte der Brite D’Arcy Öl im Land gefunden, auf welches er vom Schah das Ausbeutungsmonopol erhielt. Das schwarze Gold sollte die Geschichte des Irans von da an bestimmen. Europa und die USA hatten wenig Interesse daran, dass die iranische Bevölkerung über ihre enormen Ölreserven selbst verfügen konnten. Bis 1979 sorgten sie dafür, dass jene über den Iran herrschten, welche ihnen billig Öl verkauften – und nicht jene, welche den Demokratiewünschen des Volkes nachkamen.

Unheil folgt auf den Befreiungsschlag

1979 brachte die islamische Revolution das Ende der Herrschaft autoritärer Alleinherrscher. Nachdem der Schah aus dem Land geflohen war, kehrte Ayatollah Chomeini, seit seiner führenden Rolle in den Protesten der 60er Jahre eine Art Volksheld, in den Iran zurück und wurde zum obersten Führer der neu gegründeten Islamischen Republik. Doch auf den Befreiungsschlag umgehend das nächste Unheil: Im Herbst des Revolutionsjahres stürmten Studenten die amerikanische Botschaft und nahmen Geiseln. Die Antwort der USA war die Unterstützung des irakischen Angriffs auf den Iran 1980, in welchem der Irak Giftgas einsetzte und hunderttausende Iraner ums Leben kamen.

Hoffnung Ahmadinedschad?

Die Folgen der passiven und aktiven Unterdrückung der iranischen Unabhängigkeit durch das Ausland waren komplex. Die Flucht in religiöse Dogmen und eine starke nationalistische Bewegung, wie sie sich im Iran während und nach dem Krieg zeigten, gehören aber auf jeden Fall dazu. Nachdem die USA über ein halbes Jahrhundert hinweg linke Kräfte im Iran bekämpft hatte, indem sie konservativen Kräften zur Macht verhalf, verwunderte es wenig, dass in den 90er Jahren der Neokonservatismus auch im Iran auf dem Vormarsch war. 2005 schliesslich wählte der Iran überraschend den charismatischen Präsidentschaftskandidaten der Neokonservativen, Mahmud Ahmadinedschad, der sich als Vertreter der Arbeiter und des einfachen Volkes darstellte, an die Spitze der Regierung. Auf ihm ruhte die Hoffnung, das Land endlich aus Machtspielen und Korruption herauszuführen. Doch leider haben die letzten Jahre gezeigt, dass Ahmadinedschad genauso am Volk vorbeiregiert wie viele vor ihm.

„Der andere Iran“ führt interessierte Leserinnen und Leser in die Geschichte eines Landes ein, welches seit einem Jahrhundert versucht, ein freier, demokratischer Staat zu werden. Nicht gelungen ist ihm dies vor allem, weil eine solche Entwicklung nicht im Interesse der USA war, die befürchteten, der Iran würde mit seinen Bodenschätzen nicht so umgehen, wie sie sich dies wünschten. Peyman Jafari macht klar, dass viele der unglücklichen Wendungen in der Geschichte des modernen Irans auf die US-Aussenpolitik zurückzuführen sind, und dass es somit mehr als verständlich ist, wenn der Iran sich weigert, Forderungen der USA mit mehr als Provokationen zu würdigen.

Ahmadinedschad – ein Kind der USA

Ahmadinedschad ist letztendlich eigentlich ein Kind der USA oder die logische Antwort auf die Arroganz, welche der Westen mit seiner Nahostpolitik an den Tag legte und legt. Hätte sich der Iran seit 1909 frei und nach eigenen Interessen entwickeln können, so wäre es gut möglich, dass der Iran heute ein geschätzter Handelspartner und ein beliebtes Reiseziel wäre. Die Radikalisierung, die wir stattdessen sehen, ist das Produkt westlicher Machtspiele und der Gier nach Öl. Wie es mit dem Iran weitergeht, hängt denn auch davon ab, wie die USA, Israel und Europa mit der Lage im Land umgehen. Glaubt man dem Autor, so sind Ahmadinedschads Tage gezählt, denn dass sich das Volk mit seinem Drängen nach Reformen irgendwann durchsetzt, sieht er als „unvermeidlich“. Mischt sich der Westen aber weiterhin in die Entwicklung des Landes ein und zieht es vielleicht sogar in einen weiteren Krieg, geht das Leiden des Volkes nur weiter.

„Der andere Iran“ hält, was sein Titel verspricht, und gewährt Einblicke in die komplexe politische und soziale Geschichte eines Landes, welches heute kaum je in einem positiven Kontext genannt wird. Ein spannendes Buch, ein wichtiges Buch, ein schockierendes Buch – und eines, das einem die Augen öffnet.


Titel: Der andere Iran
Autor: Peyman Jafari
Übersetzung: Waltraud Hüsmert
Verlag: C.H. Beck
Seiten: 224
Richtpreis: CHF 37.90

Lukas Hunziker

Lukas Hunziker ist Gymnasiallehrer für Deutsch und Englisch. In seinem Garten stehen drei Bäume, in seinem Treppenhaus ein Katzenbaum. Er schreibt seit 2007 für nahaufnahmen.ch.

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