Jacques Chessex: “Der Schädel des Marquis de Sade”

„Trotzend und tobend“

Jacques Chessex: “Der Schädel des Marquis de Sade” (Roman)

In „Der Schädel des Marquis de Sade“ berichtet der mittlerweile verstorbene Jacques Chessex von den letzten Monaten des bereits zu Lebzeiten zur Legende erhobenen, verehrten und verachteten französischen Edelmanns Donatien Alphonse François de Sade. Doch auch nach dessen Tod war es keinesfalls gänzlich vorbei mit dem Marquis. Die Legende lebte weiter, stiftete Unruhe und wurde in Beziehung zu so manchem mysteriösen Todesfall gebracht.

Von Lisa Letnansky.

Marquis-de-Sade“Im zwiefach verriegelten Hospiz steigen beunruhigende Geräusche aus den Sälen, den Zimmern, der Krankenstube, Rufe von Gefangenen im Würgegriff ihrer Albträume, das Gestöhn eingesperrter Träume, Klagen und Röcheln von Kranken, die für immer in ihren Kerkern sitzen.” In diesem Hospiz am Rande von Paris bewohnt auch der Marquis de Sade seit nunmehr elf Jahren eine Zelle. Nach mehrfachen Verhaftungen und sogar einem Todesurteil (das später wieder aufgehoben wurde) sitzt er hier seit Napoleons Machtergreifung eine lebenslängliche Haftstrafe ab. Sade ist jetzt zwar nicht mehr der verführerisch schöne Mann, der er vor seiner Verurteilung war – mit seinen vierundsiebzig Jahren ist er alt und fett geworden – er ist jedoch noch immer eine imposante Erscheinung und übt eine faszinierende Anziehungskraft auf manche seiner Mitmenschen aus. Während der Titularpfarrer der Anstalt ihn als Reinkarnation des Teufels bezeichnet, wird er von seinem Arzt beinahe wie eine Ikone verehrt und umsorgt.

Speichel, Kot und Sperma

Aufgrund seiner gesellschaftlichen Stellung und des Geldes, das sein Sohn regelmässig schickt, kommt der Marquis in den Genuss mancher Vorrechte. So ist einerseits sein Speiseplan mit erlesenen Zutaten gespickt, von denen die anderen Gefangenen wohl nur träumen können; andererseits schauen alle Aufseher weg, wenn die junge Madeleine Leclerc, die Tochter einer Hospiz-Angestellten, ihm ihre beinahe täglichen Besuche abstattet. Sowohl die Geräusche, die während diesen Zusammentreffen aus de Sades Zelle dringen, als auch die Striemen, Blutungen und anderen Verletzungen, die Madeleine nach Hause trägt, lassen erahnen, welchen Spielchen die beiden jeweils nachgehen. Auch Madeleine, die sich keinesfalls als Opfer sieht, vergöttert den eindrucksvollen Mann, und erfüllt ihm jeden Wunsch, wenn er auch noch so abartig oder ekelhaft ist.

“Schriftsteller, Philosoph, Feind Gottes, schrecklicher Verbrecher gegen junge Mädchen und Frauen schuldig, Schänder von Knaben auch, Besudler von Hostien und Kultgegenständen.” Chessex schildert den Alltag des Marquis, der seinem Werk allemal gerecht wird, in allen Facetten, nimmt dabei kein Blatt vor den Mund und macht so dem Vorbild alle Ehre. Schmerz und Erniedrigung sind allgegenwärtig und die Körperflüssigkeiten fliessen in Strömen, wobei sie hier nicht ausschliesslich sexuell konnotiert sind. Im Gegensatz zu de Sades Geschichten wird hier das Sexuelle auch öfters ins Medizinische umgemünzt; Speichel, Kot und Sperma sind dann nicht mehr Anzeichen für sexuelle Befriedigung, sondern für de Sades erbärmlichen gesundheitlichen Zustand.

Der Schädel eines Kirchenvaters

Dass der Marquis nicht mehr allzu lange zu leben hat, ist von Beginn weg erkennbar. Sein bevorstehendes Ende nimmt er aber keinesfalls gelassen hin, “trotzend und tobend wurde er geboren, trotzend und tobend wird er sterben”. Am 2. Dezember 1814 erliegt er schliesslich seinen zahlreichen Gebrechen, auf dem Friedhof des Hospizes wird er beerdigt, wo entgegen seinen testamentarisch festgehaltenen Wünschen auch ein massives Holzkreuz errichtet wird – die letzte Verhöhnung des Anstaltspfarrers. Der Einfluss und die obskure Anziehungskraft dieser legendären Person sind damit aber noch lange nicht an ihrem Ende. Vier Jahre später entfernt der Hilfsarzt der Anstalt bei der Umbettung des Toten dessen Schädel und führt in seinem Laboratorium überraschende phrenologische Untersuchungen durch: “Sein Schädel glich in jeder Hinsicht demjenigen eines Kirchenvaters.”

Die zweite Hälfte des Romans ist nun jenem Schädel – der vom Autor als Reliquie bezeichnet wird, eine eher ironische Bezeichnung in Anbetracht der blasphemischen Einstellung des Toten ­­– und seinen zahlreichen Stationen gewidmet. Mysteriöse Todesfälle ereignen sich in dessen Dunstkreis, Menschen verlieren den Verstand, und nach einem kurzen Aufenthalt beim Autor selbst im Jahr 2009 verliert sich schliesslich seine Spur.

“Der Schädel des Marquis de Sade” war Chessex’ letzter Roman; wenige Stunden nach Abschluss der Korrekturfahnen stirbt der Autor während einer Diskussionsveranstaltung zu seinem Werk. Chessex kann, wie sein Studienobjekt de Sade, als Metaphysiker bezeichnet werden, er schreckt vor keiner noch so gewagten Formulierung zurück, und die Übersetzung von Stefan Zweifel (seinerseits Übersetzer von zahlreichen Werken von de Sade) wird dieser ungezügelten Sprache durchaus gerecht. Wer etwas über die letzten Monate des Autors von “Justine” und “Die 120 Tage von Sodom” erfahren möchte, oder sich an die Originalwerke selbst noch nicht herantraut, ist mit diesem schmalen, aber sehr unterhaltsamen Roman jedenfalls gut bedient.


Titel: Der Schädel des Marquis de Sade
Autor: Jacques Chessex
Übersetzer: Stefan Zweifel
Verlag: Nagel & Kimche
Seiten: 128
Richtpreis: CHF 23.90

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