Nicholas Carr: „Wer bin ich, wenn ich online bin und was macht mein Gehirn so lange?“

Wie das Internet unser Denken verändert

Nicholas Carr: „Wer bin ich, wenn ich online bin und was macht mein Gehirn solange?“ (Sachbuch)

Virtuelle Dienste wie Google, E-Mail, Facebook & Co haben unser Leben verändert. Das Internet macht es möglich. Ein Leben ohne sie? Kaum vorstellbar. Ihre Existenz beeinflusst uns nachhaltig. Was das bedeutet, hat der amerikanische Technik-Kritiker Nicholas Carr in „Wer bin ich, wenn ich online bin …“ zusammengefasst.

Von Fee Anabelle Riebeling.

werbinichwennichonlinebinOnline zu arbeiten heisst, permanent wachsam zu sein. Und das auf verschiedenen Ebenen: E-Mails checken, den Facebook-Status ändern, ihn hin und wieder überwachen, den bei Twitter gefundenen Link auf eigenen Kanälen weiterverbreiten, lesen, schauen, in welchem Online-Shop der Flachbild-Fernseher am günstigsten ist und noch einmal den Posteingang kontrollieren. Unruhe statt Konzentration. Dank neusten Technikentwicklungen immer häufiger auch unterwegs.

Nichts Neues, oder?

Das Internet hat unser Denken revolutioniert. Aber abnehmen tun es uns die Anwendungen nicht. Im Gegenteil: Sie muten uns viel zu und schwächen das Leistungsvermögen des Gehirns. Denn statt nur Informationen und sozialen Kontakten nachzugehen, müssen wir ganz nebenbei auch das Drumherum – das Medium Internet an sich – beherrschen. Das kostet geistige Energie und verlangt zusätzliche Aufmerksamkeit.

Doch genau die ist limitiert. Darum müssen wir sie aufteilen und schenken dem eigentlichen Grund unseres Online-Treibens nur halb so viel Konzentration, wie es offline der Fall wäre. Die Folge: Wir schweifen immer öfter ab, agieren oberflächlicher, können uns an Gelesenes, Gelerntes, Besprochenes schlechter erinnern als je zuvor. Das ist vielen von uns nicht neu, doch IT-Experte Carr zeigt, dass die Entwicklung schon viel früher angefangen hat, als allgemein angenommen.

Quellenvielzahl

Auf den 384 Seiten findet sich nicht nur Schelte für das World Wide Web. Auch der Technik-Kritiker weiss um dessen Vorteile. Dennoch möchte er mit seinem Buch aufrütteln: Er zitiert Studien aus der Hirnforschung, führt Beispiele aus der Vergangenheit an. Sokrates’ Skepsis gegenüber der Schrift genauso wie Nietzsches Schreibmaschine. Er scheut sich auch nicht, aus dem Nähkästchen zu plaudern.

Carrs Plan geht auf: Seine Argumentation liest sich abwechslungsreich und einfach. Der Leser hält trotz des komplexen Themas mit Leichtigkeit bis zur letzten Seite durch und klappt nach der Lektüre den Computer vorübergehend zu. So schafft der Autor, was nach seinen Ausführungen im digitalen Zeitalter Gefahr läuft, auf der Strecke zu bleiben: Der Leser denkt. Für sich allein. Und vor allem: offline.


Titel: Wer bin ich, wenn ich online bin und was macht mein Gehirn solange? Wie das Internet unser Denken verändert.
Autor: Nicholas Carr
Übersetzung: Henning Dedekind
Verlag: Blessing
Seiten: 384
Richtpreis: CHF 30.90





Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.