Sonja Ullrich: „Fummelbunker“

Im Ruhrpott ist die Hölle los

Sonja Ullrich: „Fummelbunker“ (Krimi)

Als ihr Bruder sie um einen Gefallen bittet, kann Versicherungsdetektivin Esther Roloff schlecht „Nein“ sagen. Wieso auch? Olafs Bitte: Seine Schwester soll herausfinden, was mit Boris Bäcker, seinem Arbeitskollegen, geschehen ist. Denn der ist nach einem Casino-Besuch nicht mehr aufgetaucht. Was als Gefälligkeit unter Geschwistern beginnt, endet mit lebensgefährlichen Schussverletzungen.

Von Fee Anabelle Riebeling.

fummelbunkerDer Nachfolger von Sonja Ullrichs Debüt „Teppichporsche“ (Gmeiner, 2010) handelt von Verbindlichkeiten. Solchen gegenüber Arbeitgebern, Kollegen, Freunden, Familienmitgliedern und nicht zu vergessen: gegenüber kriminellen Casinobetreibern. Innert kürzester Zeit ist Esther Roloff von ihnen umgeben. Und mit jeder Minute sinkt ihr Vertrauen in die Beteiligten. Als das Schlamassel seinen Höhepunkt erreicht, ist sie ganz auf sich allein gestellt – bis in letzter Sekunde und völlig unverhofft ein alter Bekannter mit krimineller Vergangenheit zu Hilfe eilt.

Unterhaltsame Millieu-Studie

„Fummelbunker“ ist reich an Details und es ist Sonja Ullrich hoch anzurechnen, dass sie bei all den verschiedenen Erzählsträngen den Überblick behält. Gekonnt führt sie ihre Heldin von einer aberwitzigen Situation in die nächste, um ihr dann für einen winzigen Moment Zeit zum Durchatmen zu geben. Das Timing der Bochumer Autorin sitzt: Nach einer kurzen Eingewöhnungsphase nimmt die Geschichte schnell an Fahrt und Spannung auf. Ein Tempo, welches mit Leichtigkeit bis zur letzten Seite durchgehalten wird.

Dreh- und Angelpunkt des rasanten Ruhrpott-Krimis ist das Lütgen-Spielcasino. Dort wurde der vermisste Boris Becker zum letzten Mal gesehen. Und genau dort wurden auch seine Spielschulden getilgt. Jedoch nicht von ihm selbst. Denn zu dem Zeitpunkt galt er schon als verschwunden. Ein Einbruch bei ihm lässt Esther Roloff Böses ahnen. Doch obwohl sie die Puzzleteile schnell zusammen bekommt, dauert es lange, bis sie diese richtig zusammen fügen kann. Denn der Millieu-Sumpf ist tief und weit verzweigt.

So tickt das Ruhrgebiet

Trotz Thematik und Tempo huscht dann und wann ein Lächeln über des Lesers Gesicht. Denn Sonja Ullrich weiss nicht nur das Ruhrgebiet räumlich, sondern auch sprachlich authentisch darzustellen. Das mag für manch einen zunächst ungewohnt erscheinen, liest sich aber gut. Und so erfährt man, dass mit dem Titel nicht etwa nahe Liegendes, sondern nichts anderes als das Spielcasino gemeint ist.

Obwohl Sonja Ullrich die gemeinsame Heimat von sich und ihrer Protagonistin punkto Kriminalität und anderen moralisch verwerflichen Machenschaften nicht in dem besten Licht erscheinen lässt, vergisst sie nicht auch die positiven Aspekte zu thematisieren: So gewinnt Esther Roloff – aufgewachsen in einer waschechten Bergarbeiterfamilie – sämtliche Sympathien. Denn sie ist frech, mitunter ein bisschen respektlos und loyal. So, wie man es den Leuten aus dem „Pott“ nachsagt.

Und so bleibt nach dem Lesen des letzten Kapitels zu hoffen, dass der nächste Fall nicht lange auf sich hoffen lässt. Denn wer sich die Mühe macht, den grössten Ballungsraum Deutschlands kennen zu lernen, kann nicht mehr von ihm lassen. Und genau so verhält es sich mit den Krimis von Sonja Ullrich.


Titel: Fummelbunker. Ein Ruhrpott-Krimi.
Autor: Sonja Ullrich
Verlag: Gmeiner
Seiten: 370
Richtpreis: CHF 11.90



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