Michael Stavarič: “Brenntage”

Kindheitsland

Michael Stavarič: “Brenntage” (Roman)

Die Welt, von der uns Michael Stavaričs neuer Roman erzählt, ist seltsam entrückt, archaisch und ungezähmt, zuweilen auch unheimlich oder beengend. Stavarič erzählt auf eine wundersam naive, aber dennoch besonnene Weise von einer in dieser Abgeschiedenheit einer Siedlung im Wald verbrachten Kindheit, inmitten von umherstreunenden Soldaten, unsichtbaren Geistern und verschwindenden Kindern.

Von Lisa Letnansky.

brenntageNachdem seine Mutter gestorben ist, wird der namenlose Ich-Erzähler von seinem Onkel und seiner Tante aufgenommen, die in einer abgeschiedenen Siedlung mitten im Niemandsland leben. Während die Tante sich um den Haushalt kümmert, sorgt der Onkel mit seinem Neffen draussen für Ordnung, sowohl in der Umgebung des Hauses, als auch in den umliegenden Wäldern. Was das aber heisst, “für Ordnung sorgen”, und womit die kleine Familie ihren Lebensunterhalt bestreitet, bleibt unklar. Sie streifen umher, klettern auf Bäume und Felsen, basteln “Kuscheltiere”, indem sie alle möglichen Tiere jagen und ausstopfen und helfen ab und zu den Nachbarn bei verschiedenen Tätigkeiten. Oft muss sich jedoch der Junge alleine beschäftigen, dann trifft er sich mit den anderen Kindern aus der Siedlung und spielt in den Wäldern, die sie wie ihre Hosentasche zu kennen scheinen.

Rituelle Abfallentsorgung

Einmal im Jahr finden in dieser Siedlung die Brenntage statt. Dann tragen die Bewohner haufenweise Gerümpel aus ihren Häusern – Möbel, alte Kleider, Essensreste, ausgediente Werkzeuge oder Spielzeuge – und verbrennen diese auf den Vorplätzen. Angeblich hat der Onkel dieses Brauchtum begründet, als er zum ersten Mal all die Dinge verbrannte, welche die öffentlichen Müllentsorgungsdienste nicht mitnehmen wollten. Aber den Brenntagen scheint auch etwas Rituelles anzuhaften (“der Onkel erzählte mir, dass die Brenntage einen Blick in die Vergangenheit erlauben”) und bald gleichen sie einem jährlich wiederkehrenden Volksfest.

Überhaupt übt das Feuer eine anziehende und faszinierende Wirkung auf die Bewohner der Siedlung aus. Nicht nur, dass jeder einzelne Bewohner an den Brenntagen teilnimmt und sein Haus verlässt, so dass der Erzähler dieses unbeobachtet erkunden kann; auch die Kinder verbringen die langen Tage oftmals damit, allerlei Dinge zusammenzusuchen (auch solche, die durchaus noch von Nutzen sein könnten) und anzuzünden, oder sie erfinden selbst neue Rituale, zuweilen auch nicht ganz ungefährliche.

Die Wunder der Kindheit

In kurzen Episoden erzählt der Junge von seiner Kindheit, von diesem und jenem, was er erlebt, oder über was er nachgedacht hat. Dabei gibt es keinen Plot, der sich als roter Faden durch die Geschichte zieht, vielmehr sind die Texte durch wiederkehrende Motive verbunden, die jeweils in anderen Zusammenhängen andere Bedeutungen annehmen. Die Perspektive des Kindes, das sich in der Abgeschottetheit zwar zu Hause fühlt, sich aber nach der Ferne und nach Abwechslung sehnt, schafft dabei eine Welt, in der vieles verzerrt oder märchenhaft erscheint. Die Naivität des kindlichen Blicks, die nur rudimentär empfangene Schulbildung und die Verwirrung der herannahenden Pubertät sind in jeder Episode spürbar und versetzen den Leser in einen Zustand zurück, in dem noch so vieles unerklärbar erschien und in dem Staunen und Wunder noch zum Alltag gehörten. So sind die in den Baumwipfeln lebenden Geister einfach ein Teil des Lebens (darum darf man auch keine Bäume fällen), die Teiche sind von riesigen Fischen besiedelt, die jedoch niemand je zu Gesicht bekommt, und Kinder klettern auf Felswände, von denen sie niemals wiederkehren werden.

Kein Ausweg in Sicht

Bisweilen besticht der junge Erzähler aber auch durch einen sehr klaren und nüchternen Blick, mit dem er seine Umgebung analysiert. Die verlassenen Minenstollen rund um die Siedlung deutet er beispielsweise als Überbleibsel menschlicher Dummheiten: “Die Berge und Landstriche auszuhöhlen schien mir keinesfalls erstrebenswert, vielmehr parasitär.” Diese Annahme wird vom Onkel bestätigt, wenn er erzählt, dass der “Verschleiss an Mensch und Material” in den Minen deren Nutzen von Anfang an bei Weitem überstieg. In diesen klaren Momenten ärgert sich der Erzähler darüber, dass er noch ein Kind ist, welches das Leben, in das es nun mal hineingeboren wurde, leben muss, keine eigenen Entscheidungen treffen darf, und somit keinen Einfluss auf seine Umgebung ausüben kann. Dass er noch ein Kind ist unterscheidet ihn in seiner Wahrnehmung untrennbar von seinem Onkel und den anderen Erwachsenen, und lässt ihn zuweilen auch an seiner eigenen Urteilsfähigkeit zweifeln: “Wenn man jedoch noch ein Kind ist und in einer kleinen Siedlung lebt, was versteht man da doch von einer Welt, die längst in Flammen steht?” So lebt der Erzähler in einer ewigen Gegenwart, ihm scheint, als werde er niemals erwachsen werden, und ohnehin ist doch ein Ausweg aus der Siedlung unmöglich, da die nahe gelegene Eisenbahnlinie längst eingestellt wurde und “es war sowieso keiner in der Lage, die grosse Schlucht oder die fernen Berge zu queren”.

“Brenntage” führt uns in eine fern abgerückte Welt, in der alles zugleich melancholisch und wundersam, gewaltig und natürlich, beängstigend und bestaunenswert sein kann – in die Welt der Kindheit.


Titel: Brenntage
Autor: Michael Stavarič
Verlag: C.H. Beck
Seiten: 232
Richtpreis: CHF 29.90

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