Oliver Dähler, Glenn Gould – Take 1 | Caroline Finn, Sleeping Trout Luzerner Theater

Räume gesellschaftlicher Pathologie

im Vordergrund Chiara dal Borgo | Foto/Copyright: STUDIO LTD, Bern
im Vordergrund Chiara dal Borgo | Foto/Copyright: STUDIO LTD, Bern

Das Luzerner Theater zeigt mit Tanz 6 zwei Choreografien von sehr unterschiedlichem Charakter. Während Oliver Dähler sein Stück ganz dem Pianisten Glenn Gloud widmet, entführt uns Caroline Finn in eine absurde Traumwelt. Entstanden ist ein vielseitiger und interessanter Tanzabend.

Das UG, eine Spielstätte des Luzerner Theaters, ist für die Choreografen aufgrund der schlauchartigen Tiefe des Kellerraums und der geringen Höhe eine Herausforderung. Der unkonventionelle Bühnenraum bietet die Möglichkeit, ungewöhnliche Stücke entstehen zu lassen. Diese Herausforderung haben die beiden Choreografen Oliver Dähler und Caroline Finn angenommen und zwei sehr interessante Tanzstücke kreiert.

Getanzte Biografie
Oliver Dählers Stück “Glenn Gloud – Take 1” widmet sich ganz dem 1982 verstorbenen kanadischen Pianisten Glenn Gloud. Dähler nimmt Glouds charakteristische Markenzeichen auf und lässt die Tänzer in typischen Gloud Outfits tanzen: in Mantel, Hut, Handschuhen und Schal. Und natürlich darf auch der von Glouds Vater für seinen Sohn in sorgfältiger Handarbeit hergestellte Stuhl auf der Bühne nicht fehlen. Die meiste Zeit tanzen die Tänzer auf oder neben den auf diesen anspielenden und aufgestellten Holzstühlen. Das Stück lebt von diesen Requisiten, sie entführen den Zuschauer in die 50-er Jahre und verleihen dem Stück Authentizität. Dähler choroegrafierte sein Stück zu Glouds legendären Goldberg-Variationen nach Bach. Glouds Interpretation davon gehört noch heute zu den bekanntesten Einspielungen eines Bach-Werks. Dähler sagt über die Musik: “In Glenn Goulds legendären Aufnahmen liegen eine solche physische Energie und interpretatorische Klarheit, dass sich die Umsetzung in eine Tanzchoreografie aufdrängt.“ Die Umsetzung dieser in der Musik angelegten physischen Energie in Bewegung gelingt denn auch ganz wunderbar. Ein Fokus liegt auf den Händen der Tänzer. Immer wieder bewegen sie ihre Finger, artikulieren differenziert, als würden sie Piano spielen. Dann bewegen sie sich wieder grosszügig durch den Raum hindurch. Die Choreografie verlangt den Tänzern während dieser Momente viel Ausdauer und Kondition ab. Und man staunt, wie leichtfüssig und graziös sich die Männer in ihren schweren Mänteln bewegen können. Die meiste Zeit tanzen nur die Männer, in Solis, Duetten oder in der Gruppe. Nur einmal gibt es ein getanztes Duett. Die Tänzerin Madelaine Crist steht da in ihrem Blumenkleid, den Rücken dem Publikum zugewandt. Sie nimmt den Hut ab und löst kokettierend ihr langes schwarzes Haar, dreht sich um und zieht ihre roten Schuhe aus. Es folgt ein leidenschaftliches, sinnliches und gleichzeitig verspieltes Duett zwischen ihr und Davidson Farias. Es scheint, als würde hier eine kurze Episode oder Erinnerung aus Glouds Jugend getanzt. Entstanden ist eine getanzte Biografie in Bildern und Bewegung, eine Hommage an einen ausgezeichneten Pianisten.


Salome Martins, Samuel Déniz Falcón | Foto/Copyright: STUDIO LTD, Bern
Salome Martins, Samuel Déniz Falcón | Foto/Copyright: STUDIO LTD, Bern


Räume gesellschaftlicher Pathologie – Sleeping Trout von Caroline Finn
“Schlaf ist ein Hineinkriechen des Menschen in sich selbst.” Ausgehend von diesem Zitat des Dramatikers und Lyrikers Christian Friedrich Hebbel schuf die Engländerin Caroline Finn ihr Tanzstück “Sleeping Trout”. Die Tänzer tragen Nachthemden und Pyjamas und entführen die Zuschauer in eine absurde und groteske Traumwelt, in eine Welt des Unbewussten und Unergründlichen. Das Ganze wirkt fragmentarisch, Raum und Zeit scheinen sich wie in einem Traum aufzulösen. Kaleidoskopartig werden verschiedene Szenen aneinandergereiht und auch die Musik wechselt sprunghaft. Die Tänzer treten auf und ab und bei jedem Auftritt tragen sie irgendein auffälliges Kleidungsstück mehr. Taucherbrillen, Regenmäntel, Kinder-Schwimmflügeli. Nichts passt zusammen, muss es aber auch nicht, denn schliesslich zeichnen sich Träume durch Abwesenheit der Logik aus. Auch bewegungstechnisch wird mit grotesken Stilbrüchen gearbeitet, wenn Caroline Finn inmitten des sehr zeitgenössischen Tanzvokabulars einzelne Figuren aus der Ästhetik des klassischen Balletts einstreut. Handelt es sich um einen Traum oder werden uns hier die Insassen eines Irrenhauses vorgeführt? fragt man sich. Caroline Finn erschafft nicht nur eine Traumwelt, sondern auch eine psychiatrische Anstalt. Es entstehen Räume gesellschaftlicher Pathologie. Wir beobachten Menschen, die sich in offensichtlich anormaler Verfassung befinden. Menschen mit irrem Blick, Menschen, die in Selbstgesprächen unverständliche Dinge vor sich hin murmeln. Oder sich mit zuckendem Leib an die Wand schmeissen, immer und immer wieder. Das ist zum Teil verstörend und abschreckend, gleichzeitig aber auch sehr interessant und bewegungstechnisch durchdacht umgesetzt.

Uneindeutigkeit und Skurrilität
Streckenweise kommt das Stück bewegungsästhetisch wunderbar fliessend und ansprechend daher. Und bereits im nächsten Moment beweist Caroline wieder Mut zu einer Ästhetik des Hässlichen. Wenn sich zum Beispiel die Tänzerin Salome Martins einen Strumpf über den Kopf zieht und dies ihr Gesicht zu unschönen Fratzen verzieht, dann ist das alles andere als schön. Oder wenn Chiara dal Borgo mit zuckendem Leib in langer Wiederholung desselben Bewegungsmuster ausführt und dabei verstört aussieht. Wir stellen fest: Tanz muss nicht zwingend schön sein. Tanz darf grotesk, verstörend und skurril sein. Und genau diese drei Eigenschaften machen Finns Stück interessant. Entstanden ist ein schwer zu fassendes, aber gleichzeitig sehr gelungenes, Stück, welches sich durch eine ganz eigene Ästhetik auszeichnet. Ein Stück, welches flüchtige Bilder und uneindeutige und unergründliche Geschichten entstehen lässt. Ein Stück, das dem Zuschauer sehr viel Spielraum für eigene Interpretationen lässt.

Besprechung der Premiere vom 18. Februar 2011.
Weitere Vorstellungen am 19., 23., 24., 25. und 27. Februar, 2. März, 27., 29. und 30. April 2011.

Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, eine Pause.

Besetzung
Madelaine Crist, Chiara dal Borgo, Cecilia de Madrazo Abad, Rachel Lawrence, Salome Martins, Davidson Santos de Farias, Samuel Déniz Falcon, Ihsan Rustem, Luca Signoretti

Choreografie/Bühne: Oliver Dähler, Caroline Finn
Künstlerische Leitung: Kathleen McNurney
Choreografische Assistenz: Ha Young Lee
Dramaturgie: Sophie Käser
Bühnenbildassistenz: Sabine Jaschke
Kostüme: Margot Gedient-Rossel
Technik, Licht und Ton: David Clormann, Gregor von Wyl
Korrepetition: Miguel Sesma

Im Netz
www.luzernertheater.ch



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