“Winter’s Bone” von Debra Granik

Das andere Amerika

“Winter’s Bone” von Debra Granik

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Ein Film mit einem Budget von 2 Millionen macht sich selten Hoffnungen auf die grossen Festivalpreise und Auszeichnungen. Besonders dann nicht, wenn gerade mal einer der Nebendarsteller einigermassen bekannt ist, während von Regisseurin und Hauptdarstellerin noch kaum jemand gehört hat, und der Film in der wohl hinterwäldlerischsten Region Amerikas spielt. Was Debra Granik mit “Winter’s Bone” gelungen ist, ist daher umso bewundernswerter und macht Hoffnung auf eine Richtungsänderung im amerikanischen Filmbusiness.

Von Lukas Hunziker.

Es kommt wahrlich nicht oft vor, dass Indie-Filme grosse Gewinne an der Kinokasse einfahren und gleichzeitig Festivalpreise abräumen. 2 Millionen kostete “Winter’s Bone” – man darf aber davon ausgehen, dass selbst diese nicht einfach aufzutreiben waren – und hat bis heute bereits das gut Vierfache eingespielt. Dass das amerikanische Mainstreamkino in einer Krise steckt, darüber legte die diesjährige Verleihung der Academy Awards bitteres Zeugnis ab. “Inception” (Budget: 160 Millionen) und “The Social Network” (40 Millionen) holten sich (zurecht) nur Trostpreise, der grosse Erfolg fiel, wie vorausgesagt, der britischen Produktion “The King’s Speech” zu. Das laufende Jahr verspricht kaum besser zu werden. Uninspirierte Fortsetzungen von finanziell erfolgreichen Filmen, die für Kritiker aber nur Futter für fiese Verrisse sind, dominieren den kommenden Kinosommer.

Es muss einigen Studios zu denken gegeben haben, dass der international meistgelobte amerikanische Film des vergangenen Jahres eine Independentproduktion war, die sich so fundamental von allem unterscheidet, was Hollywood als Erfolgsrezept kennt. Ohne Stars, ohne viel Geld und ohne Beachtung dramatischer Konventionen gewann “Winter’s Bone” zahlreiche nationale und internationale Preise und wurde für vier Oscars nominiert, für beste Hauptdarstellerin, bester Nebendarsteller, bester Film und bestes Drehbuch. Kritiker, die den Film nicht mochten, waren kaum zu finden, Hauptdarstellerin Jennifer Lawrences Darbietung wurde so gelobt, dass sie quasi über Nacht zum Star wurde. Irgendetwas hatte dieser Film, das mit Geld nicht zu kaufen war, irgendwo darin lag die Antwort auf die Frage, wie man ohne ein grosses Budget Filme von Weltklasse produzieren kann.

In the Middle of (American) Nowhere

Die Geschichte von “Winter’s Bone” ist schnell erzählt. Ree, die mit ihrer kranken Mutter und ihren beiden jüngeren Geschwistern allein auf einem heruntergekommenen Gut in den Ozark Mountains in Missouri lebt, erhält die Nachricht, dass ihr Vater, der auf Kaution aus dem Gefängnis gekommen war, nicht zu seinem letzten Gerichtstermin erschienen ist. Da die Kaution aus dem Haus und Land seiner Familie bestand, droht Ree das Haus zu verlieren, falls ihr Vater auch zum nächsten Termin nicht erscheint. Ree versichert der Polizei, sie werde ihren Vater finden, und macht sich auf die Suche nach seinem Verbleib. Bald muss sie jedoch feststellen, dass die Männer, mit der ihr Vater verkehrt hat, nichts weniger gebrauchen können als jemanden, der in ihren Machenschaften rumschnüffelt. Obwohl es immer wahrscheinlicher scheint, dass ihr Vater tot ist und sie sich selbst in Lebensgefahr begibt, wenn sie nach ihm oder seinem Mörder sucht, gibt Ree nicht auf setzt ihre Suche bis zum schockierenden Ende fort.

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Schauplatz und Handlung sind in “Winter’s Bone” eng miteinander verknüpft. Die Ozarks, ein Hochlandplateau, das sich über die gesamte südliche Hälfte von Missouri erstreckt, sind die grösste Gebirgsregion zwischen den Appalachen und den Rocky Mountains und gehören wohl zu den ärmlichsten und abgeschiedensten Gegenden der Vereinigten Staaten. “Winter’s Bone” zeigt die Ozarks als beinahe lebensfeindliche Region, in der nach eigenen Gesetzen gelebt wird und wo Polizei und Behörden mit Misstrauen und Feindseligkeit beäugt werden. Allerdings lässt sich der Film weder zu sozialkritischen Klischees hinreissen, noch versucht er die Region über ihre Traditionen folkloristisch mit dem übrigen Amerika zu versöhnen. Authentizität war oberstes Gebot bei “Winter’s Bone”, und so wurde nicht nur in den Ozarcs gedreht und Nebenrollen mit lokalen Darsteller besetzt; Granik und ihre Crew begleiteten Einheimische durch ihren Alltag, filmten in ihren Häusern und verwendeten ihre Kleider als Kostüme im Film.

Die Gestalten, welche Ree auf der Suche nach ihrem Vater trifft, sind von etwas ganz besonders gezeichnet: dem in kleinen Drogenlabors in den Ozarks  hergestellten Crystal Meth. Die fatale Bewusstseinsdroge, die schon nach einmaligem Konsum zu schweren körperlichen und psychischen Schäden führen kann, scheint Rees Umfeld buchstäblich aufzufressen. Ihr Vater war ebenfalls im Methgeschäft, wodurch sich eine mögliche Todesursache aufdrängt: Explosionen in den Drogenlabors gehören nämlich zum Berufsrisiko der Hobbychemiker. Crystal Meth hat in den Ozarks den sogenannten Moonshine Whiskey abgelöst, welcher über Jahre hinweg als billige Alternative zu legalem Alkohol produziert worden war, dann aber durch die Kommerzialisierung zum unattraktiven Geschäft wurde. Mit Crystal Meth wurde die Region jedoch von einem Fluch der schlimmeren Art heimgesucht. Die Nervenkrankheit, an welcher Rees Mutter leidet, dürfte ein Folge des Konsums der fatalen Droge sein.

© Studio / Produzent
© Studio / Produzent

Die Atmosphäre von “Winter’s Bone” ist entsprechend düster, Lichtblicke gibt es im Film nur sehr wenige. Die Welt ausserhalb der Ozarks existiert für Ree nur in der Hoffnung, in die Armee einzutreten, um mit dem Vorschuss für ihren Dienst ihrer Familie eine neue Existenzgrundlage zu geben. Doch ein Gespräch mit einem Rekrutierungsoffizier macht ihr klar, dass auch aus diesem Traum nichts werden wird, da ihre Geschwister ohne sie verloren wären. Ree weiss, dass selbst wenn sie ihren Vater findet, damit nur ein Problem gelöst ist.

Der Zuschauer merkt bald, dass “Winter’s Bone” eigentlich mehr Drama als Thriller ist. Die Glaubwürdigkeit der Handlung und Authentizität der Figuren stand für Debra Granik klar an erster Stelle. Von einigen Kritikern musste sich der Film daher die Kritik gefallen lassen, zu wenig für die Spannung zu tun. Wer einen traditionellen Thriller erwartet, mag sich an dem gemächlichen Gang der Handlung möglicherweise tatsächlich stören und wird vielleicht gar frustriert sein, dass der Film am Schluss gewisse Fragen bewusst offen lässt. Dabei ist es gerade ein Stärke von “Winter’s Bone”, seine Geschichte ohne Zugeständnisse an Genreerwartungen zu erzählen. Genau wie Ree dem Zuschauer fremd und faszinierend zugleich scheint, hält auch die Handlung das Publikum stets auf Distanz. Die Wirkung, die der Film dadurch erzielt, ist aber umso grösser.

Goldenes Händchen bei der Besetzung

Trotzdem wäre “Winter’s Bone” wohl nicht das Lob beschieden worden, das er bekommen hat, hätte man die Hauptrolle nicht mit Jennifer Lawrence besetzt. Die beim Dreh 19-Jährige leistet in ihrer Rolle wahrlich Grosses, denn Ree ist keine einfach zu spielende Figur. Was in ihr vorgeht, ist meistens nur schwer zu erraten, sie zeigt kaum Gefühle und schützt sich gegen die raue Aussenwelt durch eine undurchschaubare Maske. Über minimale Mimik, Gestik und  Tonfall musste Lawrence aus Ree eine glaubwürdige Figur machen. Wie gut ihr dies gelungen ist, zeigen die Preise, mit welchen man sie für den Film überhäuft hat.

Doch nicht nur Ree brilliert in ihrer Rolle, das Casting für den Film ist eine Erfolgsgeschichte für sich. Viele Nebenrollen wurden durch lokale Darsteller besetzt, welche kaum Schauspielerfahrung hatten, aber aufgrund ihrer Verwurzelung in der Region perfekt in die Atmosphäre des Films passten. Die professionellen Darstellern von den Amateuren zu unterscheiden, ist aber kaum möglich. Granik liess den Amateurdarstellern geschickterweise viel Freiheit in der Formulierung ihres Textes. Auch dies hat sich bezahlt gemacht: Gewisse Szenen muten beinahe dokumentarisch an, so perfekt verschmelzen die Figuren mit der  Kulisse. Gäbe es Awards fürs Casting, “Winter’s Bone” hätte sie gewinnen müssen.

Wink in eine andere Richtung

Oscars gab es für “Winter’s Bone” trotz vier Nominationen keine (genauso wenig für den zweiten Indiefilm mit bescheidenem Budget: “The Kids are allright”). Die Academy fürchtete sich einmal mehr vor mutigen Preisvergaben, und überschüttete jene Filme mit Oscars, welche den Stempel der Konformität auf der Stirn trugen – die Kategorie “Beste Hauptdarstellerin” mal ausgenommen. Lieber einen britischen Film über mutige Monarchen als ein Drama über soziales Elend im eigenen Land (diesem hatte man letztes Jahr mit dem Oscar für “Precious” schliesslich schon genug Aufmerksamkeit geschenkt), schien die Devise zu lauten.

Trotzdem, die Nominierung allein war löblich und lässt hoffen, dass im amerikanischen Filmgeschäft bald ein Umdenken stattfindet, und sich mehr Studios wieder darauf besinnen, dass Geld machen nicht das Hauptziel der Unterhaltungsindustrie sein sollte. Dass auch weniger am Markt orientierte Filme durchaus respektable Gewinne erzielen können, hat “Winter’s Bone” bewiesen.


Ab dem 24. März 2009 im Kino.

Originaltitel: Winter’s Bone (USA 2010)            
Regie: Debra Granik
Darsteller: Jennifer Lawrence, John Hawkes, Kevin Breznahan, Dale Dickey, Garret Dillahunt
Genre: Drama/Thriller
Dauer: 100 Minuten
CH-Verleih: Look Now!

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Lukas Hunziker

Lukas Hunziker ist Gymnasiallehrer für Deutsch und Englisch. In seinem Garten stehen drei Bäume, in seinem Treppenhaus ein Katzenbaum. Er schreibt seit 2007 für nahaufnahmen.ch.

Ein Gedanke zu „“Winter’s Bone” von Debra Granik

  • 12.02.2016 um 16:31
    Permalink

    mein damaliger kommentar ging so …

    winter’s bone von debra granik.
    ein film über crystal meth.

    die verwahrlosung der gegend.
    die substanzielle und ausufernde zerrüttung.
    man kann es spüren…es ist immer da, jeden augenblick….
    wie schleichend feuchter nebel, der alles ergreift
    und permanent droht es zu verschlingen.
    in den ozaks und tälern der appalachen manifestiert sich dieser zustand unübersehbar
    in einer klaustrophobischen hoffnungslosigkeit kaum vorstellbaren ausmasses.

    ob es nun die prekären äusseren umstände waren,
    die der eigentliche trigger sind,
    auf welcher die droge ihren destruktiven ritt durch die valeys überhaupt erst antreten konnte , oder ob der entsprechende niedergang monokausal
    mit dem tag verschränkt ist,
    an dem dieser synthetische teufel wie eine plage biblischen ausmasses durch die noch hintersten winkel einer vergessenen welt fegte,
    wage ich hier gar nicht erst zu beurteilen.
    bei der dynamik so vieler destruktiver parameter
    sind fluktuierende unschärfen geradezu etwas immanentes,
    was einer quantifizierung
    solcher vorgänge
    naturgemäss diametral zuwider läuft.
    oder dann, wie nur all zu oft,
    diese sogar in toto verunmöglicht.

    ein aufwühlender, handwerklich gut gemachter film,
    mit genug selbstbewusstsein,
    um nicht in die üblich seichten fahrwasser dieser thematik abzudriften .

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