“The Age of Stupid” von Franny Armstrong

Dummer, dummer Mensch

“The Age of Stupid” von Franny Armstrong

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Seit mittlerweile fast einem halben Jahrhundert ist sich der Mensch bewusst, dass er mit seinem CO2-Ausstoss Veränderungen im Klima herbeiführt oder zumindest beschleunigt. Getan hat er in diesem halben Jahrhundert wenig dagegen, und was er getan hat, war nicht radikal genug, um die drohende Klimakatastrophe abzuwenden. In “The Age of Stupid” blickt ein Wissenschaftler auf die Ereignisse zwischen 2010 und 2055 zurück – der Zeit des klimabedingten Untergangs der Menschheit.

Von Lukas Hunziker.

Um ein möglichst breites Publikum anzusprechen, ergänzt “The Age of Stupid” seine dokumentarischen Beiträge mit einer fiktiven Rahmengeschichte. In dieser schaut sich ein alter Wissenschaftler (gespielt von Pete Postlethwaite), der in einem gigantischen Forschungsinstitut in der Nordsee die Überreste menschlicher Kultur verwaltet, Dokumentationen und Fernsehberichte aus dem ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts an. Rückblickend ist für ihn nicht klar, warum man in den Klimakatastrophen dieses Jahrzehnts die Zeichen für die kommenden Katastrophen nicht erkannte. Zwischen 2010 und 2055, gibt er uns zu verstehen, hätten diese zugenommen und zu Massenabwanderungen aus betroffenen Gebieten, zu Hunger und Krieg geführt. Mit Ausschnitten aus sechs Dokumentationen zeigt er, was falsch gemacht wurde und warum das 21. Jahrhundert der Höhepunkt des Zeitalters der Dummheit war.

Diese sechs Dokumentationen sind der eigentliche Film, welchen Filmemacherin Franny Armstrong mit viel Mühe und einem aussergewöhnlichen Finanzierungsmodell schuf. Ihre Kamera begleitet einen Ölexperten, der während des Hurricans Katrina sein Hab und Gut in New Orleans verlor, einen französischen Bergführer, der den Klimawandel in den Alpen miterlebt, einen Windradingenieur aus England, den Besitzer einer indischen Billigfluglinie, zwei Kinder in Bagdad und eine junge Nigerianerin, die gegen die Machenschaften von Ölindustrie und korrupter Regierung in ihrem Land kämpft. Die einen sind Opfer und Täter im Kampf um billiges Öl, die anderen führen einen scheinbar hoffnungslosen Kampf gegen die gierige Industrie und verborte Gegner alternativer Energien.

© Studio / Produzent
© Studio / Produzent

Den spannendsten Gegensatz bieten dabei der indische Unternehmer Jeh und der britische Windfarmpionier Piers. Jeh hat sich aus Mitgefühl für die von Armut geplagten Menschen in Indien auf die Fahne geschrieben, Flüge zu Preisen anzubieten, die sich auch der Ärmste leisten kann. Sein Ziel ist, die Eisenbahn in Indien durch Flugzeuge zu ersetzen, ohne anzuerkennen, dass Billigflüge die effektivste Methode sind, den Klimawandel zu beschleunigen und CO2-Emissionen explodieren zu lassen. Piers, ein klimabewusster Familienvater, der selbstversorgend zu leben versucht, kämpft indessen auf der anderen Seite des Globus gegen Organisationen, welche sich gegen den Bau seiner Windfarmen stellen, da diese den Wert ihres Landes wegen der versperrten Aussicht zu verringern drohen. Auch sie finden den Klimawandel schrecklich und sagen, man müsste etwas dagegen tun. Solange dieses Etwas nicht den Verzicht auf eine gute Aussicht zur Folge hat.

Wütend auf menschliche Dummheit und erbarmungsloses kapitalistisches Gewinnstreben machen alle sechs Geschichten. Das Bild, welches sie zusammen von der menschlichen Zivilisation im 21. Jahrhundert zeichnen, ist kein schmeichelhaftes. Geht es so weiter – und davon ist leider auszugehen, so lange wir nicht bereit sind, Opfer zu bringen, die weh tun – stehen die Chancen nicht schlecht, dass wir 2055 tatsächlich ein Archiv aufbauen müssen, um einer eventuellen Nachwelt Informationen über eine aussterbende Zivilisation zu hinterlassen. Der heutige Kapitalismus ist mit dem Prinzip der Nachhaltigkeit nicht vereinbar, und wenn gegen ein paar Windräder ein ganzes Komittee kampfeslustiger Bünzlis antritt, dann stehen die Chancen, dass sich die Menschheit mit der Bekämpfung des Klimawandels befasst, bevor es zu spät ist, gleich Null.

Filmkritiker, welche Dokumentarfilmen zu wichtigen weltpolitischen Themen negative Kritiken geben, sind zwar nicht ganz so schlimm wie die Windfarmbekämpfer – aber fast. Sehen sollte man “The Age of Stupid” nämlich auf jeden Fall, auch wenn andere Klimafilme als Dokumentarfilm mehr überzeugten. Das liegt vor allem an der Rahmengeschichte, welche von Beginn weg ziemlich nervt. Immer wieder unterbricht Postlethwaite die Dokumentationen mit müssigen Kommentaren, oder nur um zu einem anderen Ausschnitt zu springen. Es ist zwar verständlich, dass die Macher des Films diesem mit einem bekannten Gesicht zu einem grösseren Publikum verhelfen wollten. Der Film selbst jedoch hat gelitten. Andererseits ist dies vielleicht das Opfer, welches man als Filmkritiker und Zuschauer bringen muss – denn dass der Film ein breites Publikum zum Handeln motiviert ist den leicht geminderten Filmgenuss schlussendlich wert.

Ausstattung

Die 80 Minuten Bonusmaterial, welche die DVD enthält, können sich sehen lassen. Neben einem ausführlichen Making of ist besonders ein Publikumsgespräch mit Regisseurin und Produzentin sehenswert. In diesem stellen die beiden auch 10:10 vor, ein Projekt, dessen Mitglieder versuchen, ihre Energiekosten innerhalb eines Jahres um 10 Prozent zu senken. Genau dies bräuchte es nämlich, um die globalen Klimaziele zu erreichen und unter den gefürchteten 2 Prozent Erwärmung zu bleiben. Das Projekt ist eine beispiellose Erfolgsgeschichte, sind mittlerweile doch schon die britische Regierung, zahlreiche Grosskonzerne und zahllose Privathaushalte dabei. Hoffnug, den Untergang der menschlichen Kultur abzuwenden, besteht also – auch wenn sie klein ist. Aber eben, jeder muss mitmachen – Autor und Leser dieser Rezension miteingeschlossen.


Seit dem 18. Februar 2011 im Handel.

Originaltitel: The Age of Stupid (Grossbritannien 2009)
Regie: Franny Armstrong
Darsteller: Pete Postlethwaite
Genre: Dokumentarfilm
Dauer: 89 Minuten
Bildformat: 16:9
Sprachen: Deutsch (DD 5.1); Englisch (DD 5.1)
Untertitel: Deutsch
Audio: Dolby Digital 5.1
Bonusmaterial: Making of, Publikumsdiskussion mit Regisseurin und Produzentin, Tipps zum Energiesparen
Vertrieb: Praesens

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Lukas Hunziker

Lukas Hunziker ist Gymnasiallehrer für Deutsch und Englisch. In seinem Garten stehen drei Bäume, in seinem Treppenhaus ein Katzenbaum. Er schreibt seit 2007 für nahaufnahmen.ch.

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