Aufregendes Kopfkino mit Kitschpotential

Grails – Deep Politics

Aufregendes Kopfkino mit Kitschpotential

Bild: http://temporaryresidence.com/
Bild: http://temporaryresidence.com/

Grails beweisen mit ihrem neusten Wurf „Deep Politics“, dass sie ihr Handwerk beherrschen. Düsterer Instrumentalrock, der sich langsam entwickelt und vorwärts mäandriert. Grossartiges Kopfkino, solange man sich mittreiben lässt und nicht von den zwischenzeitlichen Ethno-Kitschattacken abgeschreckt wird.

Nach dem lauten und verzerrten Album „Doomsdayer’s Holidays“ (2008, Temporary Residence) und der nur in limitierter Auflage herausgebrachten „Black Tar Prophecies Vol. 4“ (2010, Important Records) haben Grails wieder einen Gang zurückgeschaltet und konzentrieren sich eher auf ihre ruhigen, klangforschenden Seiten. Weniger verzerrte Gitarren, dafür mehr Streicher, Flöten, Synthesizer und ähnliches Instrumentarium. Auch hört man vermehrt wieder ethnomusikalische Einflüsse. Zum Beispiel die arabisch angehauchte Fidel in ihrem Eröffnungstrack „Future Primitive“ oder die Sakuhachi- ähnliche Flöte in „Corridors of Power“.

Sowieso entdeckt man in jedem Stück wieder einen neuen Einfluss, ein neues Instrument, einen neuen Stil. Stark wird man dabei an die Cut-and-Paste-Ästhetik von Sample-basierenden Stilen wie Hiphop oder Breakbeats und Drum’n’Bass erinnert. Doch man darf deswegen nicht annehmen, dass sich Grails, obwohl sie Techniken aus diesen Stilen zu übernehmen scheinen, dem Hiphop oder dem Breakbeat angenähert haben. Vielmehr tönt ihre Musik nach epischen Filmen und exotischen Schauplätze. Wie gesagt: Kopfkino vom Feinsten.

Diese Parallelen zum Kino sind gar nicht so weit hergeholt. So ist zum Beispiel der zweite Song „All the Colors of the Dark“ ein Stück von Bruno Nicolai, einem italienischen Komponist, der vor allem für seine Ennio Morricone-ähnlichen Filmsoundtracks bekannt ist. Aber auch sonst kann man sich die Musik auf dem neuen Grails-Album gut als Filmmusik vorstellen. Weit entfernt ist man von den doomigen Gitarrenwänden und vom klassischen Bandsound mit Gitarre, Bass, Schlagzeug und Keyboard von „Doomdsdayer’s Holidays“.

So beginnt der namensstiftende Höhepunkt des Album, das Stück „Deep Politics“, mit einer mit dezenten Streicherflächen angereicherten, langsamen Klaviereinleitung, bevor dann ein treibendes Schlagzeug die Streicher in den Vordergrund rückt. Man hört deutlich die Zusammenarbeit mit dem ehemaligen Estradasphere-Geiger Timba Harris, der sich für alle Streicherklänge auf dem Album verantwortlich zeigt.

Doch – wie man es von Grails eigentlich erwartet – sind die Streicher Timba Harris bei weitem nicht der einzige stilbildende Einfluss für das neue Grails-Werk; Italienischer Westernsound inklusive epischen Chören und jaulenden Leadgitarren, japanische Flötenklänge, 60er Jahren Psychedelic Rock (in „Almost Grew My Hair“ deutlich hörbar), indische Sitar und arabische Fidel auf „Future Primitive“.

Doch Grails beweisen auch immer wieder, dass sie ihre Postrock-Kunst des „Gitarrenwandbaus“ ebenso beherrschen wie die Verarbeitung von allen erdenklichen Einflüssen aus aller Herren Länder. Beeindruckend, wie sie in „I Led Three Lives“ den Spannungsbogen ohne grosse Wendungen über acht Minuten halten können: Ein einziges Crescendo und Descrescendo über das ganze Stück.

Trotz diesen vielen unterschiedlichen Einflüssen, Instrumenten und Stilen kommt „Deep Politics“ wie aus einem Guss daher. Man hört dem Album an, dass Grails darauf bedacht sind, nicht nur ihre Songs aneinander zu reihen, sondern einen Bogen über die gesamten 45 Minuten zu spannen.

Wieder einmal haben Grails mit ihrem neuen Album „Deep Politics“ eine neuartige Welt kreiert, die so von ihnen noch nie zu hören war. Sie haben also – was den Aspekt anbelangt – zum Glück nicht überrascht. Sie waren ja schon immer dafür bekannt, dass sie ungern bei Altem verweilen und jedes ihrer Alben völlig neu klingt. Grails-Gitarrist Alex Hall hat in einem Interview sogar schon mal gesagt, dass sie sich wohl auflösen würden, würde ihnen nichts neues Aufregendes mehr einfallen.

Was man Grails jedoch vorhalten kann, ist, dass sie sich mit ihren epischen Chören und Streicherarrangements und ihren teilweise orientalischen Melodien und Instrumenten an der Grenze des Kitschs bewegen. Doch lässt man sich auch davon reinziehen und nicht abschrecken, darf man das Album „Deep Politics“ von Grails eine aufregende Hörerfahrung und ein durchwegs interessante und gelungene Neuveröffentlichung nennen.


Links:

www.plattfon.ch

www.grailsongs.com/

www.temporaryresidence.com/

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