Uralt, heiss und faszinierend

Der Gang durchs Feuer

Charbon de bois
Holzkohle, Quelle Wikipedia, Benutzer Romary

 

„Wenn ich durchs Feuer laufen kann, ist alles möglich.“ So beschreiben viele Feuerläufer ihre Motivation für den Gang über die Glut. Feuerlauf, wie er schon seit Jahrhunderten in den verschiedensten Kulturen praktiziert wurde, war und ist noch immer ein Weg, um Ängste zu besiegen und sich der eigenen inneren Kräfte bewusst zu werden.

Zum ersten Mal über das Feuer ging ich am Geburtstag einer Freundin. Die Vorbereitungen zu diesem Feuerlauf fanden unter Leitung einer erfahrenen Feuerläuferin statt. Zu meiner Überraschung entfachten wir, die kleine Gästegruppe, aber nicht bloß ein Feuer, sondern begannen mit gemeinsamen Gesprächen und meditativen Übungen. Wir lernten auch, dass das Feuerlaufen ein uraltes Ritual sei. Auf den Fidschi-Inseln war und ist es noch immer nur auserwählten Schamanen vorbehalten, die den Lauf als „Bewährungsprobe“ ansehen.

„Sich selbst finden“, „Körper und Geist als eine Einheit erleben“: So lautete das Ziel unserer Vorbereitung für den Feuerlauf. In der Gruppe sprachen wir über Ängste, Probleme und Dinge, die uns in unserem Leben blockieren. Wer wollte, konnte seine Ängste und Zweifel auf einem Papier notieren und daraufhin symbolisch im Feuer verbrennen.

Gemeinsam wird das Lagerfeuer errichtet
Nach der gemeinsamen Meditation errichteten wir in der Dämmerung einen etwa einen Meter hohen Holzstapel, den wir anschließend entzündeten. Die Leiterin hatte uns zuvor empfohlen, während der Errichtung des Feuers nicht an den folgenden Lauf zu denken. Als ich die lodernden Flammen betrachtete, war ich allerdings stark ins Zweifeln gekommen, ob ich wirklich am Lauf teilnehmen sollte. Wäre es möglich, den Glutteppich zu überqueren, ohne sich dabei zu verletzen?

Als das Feuer niedergebrannt war und nur noch die glühendroten Kohlen den Boden bedeckten, benutzten wir Rechen und Schaufel, um den Glutteppich zu ebnen und auf eine etwa zwei Meter lange Bahn zu begrenzen. Die Leiterin ermahnte uns noch ein letztes Mal, uns wirklich nur auf „unsere innere Stimme“ zu verlassen.

„Mind over Matter“
Nach einer abschließenden meditativen Übung versammelten wir uns nun alle im Kreis um den Glutteppich und begannen barfuß um das Feuer zu laufen. Nach einigen Runden ging die Erste über die glühenden Kohlen und reihte sich nach dem Durchqueren wieder in den Kreis ein. Nach und nach war die gesamte Gruppe, einschließlich mir selbst, durch den Glutteppich gegangen – unbeschadet – einige sogar mehrere Male.

Als die glühenden Kohlen langsam erloschen, beendeten wir den Lauf und tauschten uns über unsere Erfahrungen aus. Fast alle hatten die Kohlen an den Fußsohlen eigentümlicherweise nicht als heiß empfunden. Dies, obwohl die Hitze beim Lauf ums Feuer deutlich spürbar gewesen war. Auch ich empfand die Glut nicht als heiß und bedrohlich. Es fühlte sich eher an, als würde man durch angenehm warmen Rindenmulch gehen. Als ich anschließend meine Fußsohlen sehr sorgsam untersuchte, konnte ich keinerlei Verbrennungen an meinen Füßen feststellen.

Im Nachhinein kann ich meine eigene Motivation, den Glutteppich zu überqueren, nur noch schwer beschreiben. Einerseits hat es sicher geholfen, mit eigenen Augen zu sehen, dass der Gang durch die Glut möglich ist. Zum anderen hat mir die vorherige Fokussierung auf den Lauf und die Auseinandersetzung mit dem Feuer einen Teil meiner Ängste und Zweifel  genommen. Plötzlich schien es ganz natürlich, über das Feuer zu gehen.

Nachdem ich den Glutteppich das erste Mal überquert hatte, verspürte ich sogar das Bedürfnis, gleich noch ein zweites Mal zu gehen. Wie nach dem Sprung vom Zehnmeterbrett löste der Gang durchs Feuer in mir den typischen Adrenalinrausch aus, den eine andere Teilnehmerin als „ihren Energie-Höhepunkt“ beschrieb.

Alles nur Hokuspokus?

Diese Teilnehmerin und mit ihr viele andere sind fasziniert vom Gang durchs Feuer. Dies mag wohl auch daran liegen, dass diese Menschen glauben, es gäbe keine wissenschaftliche Erklärung dafür, dass die meisten Feuerläufer Verbrennungen entgehen. In dieser Annahme werden sie von vielen Veranstaltern von Feuerlaufseminaren bestärkt: Diese behaupten, dass es nur dank bestimmter Vorbereitungsrituale möglich sei, das Feuer unbeschadet zu durchqueren.

Für die Wissenschaft ist das Feuerlaufen allerdings keineswegs ein übernatürliches Phänomen. Die GWUP (Gesellschaft zur Untersuchung von Parawissenschaften e.V.)  hat sich zum Ziel gesetzt, zunächst rätselhaft scheinende Phänomene mit wissenschaftlichen Untersuchungen zu prüfen und zu erklären. Auf ihrer Homepage erklärt die GWUP das Feuerlaufen, beziehungsweise die Tatsache, dass den Füßen nichts passiert, folgendermaßen: Durch die schlechte Leitfähigkeit von Kohle und die isolierende Ascheschicht um die Kohlen, werde die Hitze nicht im vollen Umfang an den Fuß abgegeben.

Ein weiterer Grund sei die kurze Kontaktzeit der Füße mit dem Kohlebett: In der Regel trifft der Fuß nur etwa eine halbe Sekunde auf der Glut auf. Die Fußsohlen werden beim Gang über den Glutteppich, der Temperaturen zwischen 240°C und 440°C erreicht, auf maximal 200°C erhitzt, wie Messungen laut der GWUP ergaben. Die dicke Hornhautschicht könne diese Temperaturen in der Regel ohne Verbrennungen überstehen.

Die Wissenschaft hat also eine banale physikalische Erklärung, warum Feuerlaufen ohne Verbrennungen möglich ist. Obwohl der Glutteppich eine enorme Hitze entwickelt, wird diese nur in geringem Maße an den Fuß abgegeben. In den Augen der GWUP spielt es also keinerlei Rolle, ob sich die Feuerläufer unvorbereitet oder nach vorheriger Meditation auf den Glutteppich wagen.

Es bleibt ein Risiko
Ob nun mit oder ohne Vorbereitung, kommt es bei Feuerläufen immer wieder zu Verletzungen: Von kleinen Brandblasen bis hin zu schweren Verbrennungen. Umstritten ist, warum diese Verletzungen nur bei manchen Teilnehmern auftreten. Für praktizierende Feuerläufer ist der Grund dafür klar: mangelnde spirituelle Verbundenheit des Körpers mit dem Geist. Wissenschaftler argumentieren mit physikalischen Ursachen. Beispielsweise langsameres Gehen und die damit verlängerte Kontaktzeit der Füße mit den Kohlen. Auch eine dünnere Hornhautschicht an den Füßen könne Verbrennungen in verstärktem Maße auslösen.

Doch warum Feuerlaufen meist ohne Verletzungen möglich ist, diese Frage mag für praktizierende Feuerläufer zweitrangig sein. Der Gang durchs Feuer erzeugt durch das Bewusstsein, etwas subjektiv „Unmögliches“ vollbracht zu haben, in vielen Menschen das Gefühl, plötzlich mehr bewältigen zu können.

Im Netz

Informationen zu Feuerläufen in der Schweiz  http://www.my-firewalk.ch/feuerlauf.htm

Informationen über die wissenschaftliche Untersuchung der GWUP des Phänomens Feuerlauf:  http://www.gwup.org/infos/themen/638-feuerlaufen

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