Postmoderner Hexentanz aus Manchester

Demdike Stare – Tryptych

Postmoderner Hexentanz aus Manchester

Bild: http://www.modern-love.co.uk/releases/tryptych
Bild: http://www.modern-love.co.uk/releases/tryptych

Eine interessante Kollaboration: Zwei der progressivsten Köpfe der Manchester-Underground-Szene haben sich gefunden. Miles Whittaker vom Dubtechno Duo Pendle Coven und der Gründer des Labels Finders Keepers Sean Canty haben auf dem Trippelalbum „Tryptych“ ihre drei im Jahre 2010 erschienenen Platten zusammengefasst.

Das Label Finders Keepers ist inzwischen schon weit über die Grenzen Englands hinaus bekannt für das Ausgraben und Vertreiben der obskursten Plattenfunde und von vergessenen Aufnahmen. Ihr Gründer Sean Canty muss inzwischen wohl eine Plattensammlung haben, die alle erdenklichen Sounds beinhaltet: Derwisch-Trommeln aus dem Orient, verrückte Freejazz-Piano-Samples, den Soundtrack von italienischen Giallo-Filmen, südamerikanische Buschtrommeln etc.

Miles Whittaker hingegen ist ein Elektro-Produzent der interessanteren Sorte. Mit seinem Duo Pendle Coven steht er für progressiven Dubtechno, beeinflusst von groovendem Minimal und düster-sphärischem Ambiente. 2009 vereinigten sich die zwei für das Projekt Demdike Stare und scheinen sich bestens zu verstehen.

Mother Demdike war eine 1612 spektakulär als Hexe verurteilte Frau. Und genau so tönt dann Demdike Stare auch. Ein progressiver Technoproduzent macht mit dem Mann, der wohl einer der grössten Sammlungen obskurer und seltener Klänge besitzt, elektronische Hexenmusik. Es ist, als wollten die zwei den Soundtrack zu einem imaginären Film über die Hexe Demdike machen.

Auf „Tryptych“ findet man neben den allesamt 2010 erschienenen Alben „Forest Of Evil“, „Liberation Through Hearing“ und „Voices Of Dust“ gut 40 Minuten unveröffentlichtes Material. Also etwa ein 160 Minuten langer, akustischer Horrorfilm. Düstere Soundfetzen verdichten und überlagern sich. Es entstehen pulsierende Grooves, die von den reduzierten Beats und den weiten Synthesizer-Flächen von Mike Whittaker geschickt unterstützt werden. Häufig fügen sich Samples und Produziertes so organisch ineinander, dass es nicht leicht fällt, auseinanderzuhalten, was jetzt produziert und was gesampelt ist. Obwohl man wahrscheinlich keines der benutzten Samples erkennen wird, da sie alle tief aus der unermesslichen Klangbibliothek von Sean Canty ausgegraben zu sein scheinen, fühlt man sich immer wieder vage erinnert an pseudo-mystische B- Movies, blutige Splatterfilm aus den 70er und okkulte Riten aus fremden Kulturen. Ihr Name scheint also Programm: Demdike Stare, der starrende Blick der Hexe Demdike. Ebenso scheinen ihre Analogien zu okkultistischen Horrorfilmen nicht zufällig: Ein in mattes Schwarz getauchtes Cover, das gespickt ist mit okkulter Symbolik. Schon nur ihr Symbol spricht Bände: Eine Rose und ein Totenschädel in einem auf dem Kopf stehenden Dreieck – was immer das auch bedeuten mag?

Ebenso wie ihr Artwork ist auch ihre Musik dem Genre Horrorfilm verpflichtet. Ihre musikalische Logik scheint genauso reiner Intuition und Stimmungen zu folgen, wie das Storytelling von Horrorfilmen nicht einem roten Faden, sondern nur der Wirkung verpflichtet zu sein scheint. Songwriting oder Tanzbarkeit geht darüber total verloren, und das ist gut so. Denn so umschiffen Demdike Stare elegant die Gefahr, mit dem Gothic-Stempel versehen zu werden. Bei diesem düsteren, okkulten Artwork, der Nähe zum Horrorfilm und ihrer Vorliebe für obskure, morbide Samples ist diese Gefahr nämlich nicht ganz unbegründet.

Doch zu geschickt und mit zu feinem musikalischen Gespür mischen Demdike Stare ihre düsteren Klänge aus sphärischen analogen Synthesizer, reduziert pulsierenden Dub-Beats und hypnotischen Samples aus aller Welt und malen so vielschichtige und differenzierte Soundscapes voll Querverweise auf alte Schwarzweiss-Horrorfilme, exotische Riten und vergessen geglaubte Klangwelten. So erhält ein Sample, das bestimmt von einer kitschig-romantischen Bellydanceband stammt, in Demdike Stares Klangwelt plötzlich eine völlig neue, düstere Bedeutung.

Die Frage bleibt: Was bezwecken Miles Whittaker und Sean Canty mit ihrer Musik? Geht es ihnen nur um das Kreieren von Klanglandschaften? Oder erfinden sie gerade den Ambiente neu? Ohne durchgehenden Beat, dafür mit vielen überraschenden Klangwendungen? Oder zelebrieren die zwei mit ihrer Musik okkulte Mythen?

Auf jeden Fall schufen sie eine bizarre, düstere, doch nicht humorlose Klangwelt, bei der es sich lohnt, genau hinzuhören. Viel zu vielschichtig und subtil sind die Samples ineinander verschachtelt und übereinander gelegt, werden die verschiedenen Pulse und Grooves aus den rotierenden Samples geschält und sind all die Querverweise und Assoziationsebenen eingebaut, als dass man es als reine Soundtüftlerei zweier Gothic-Köpfe abtun könnte.

Es lohnt sich sicher auch die Videos, die zu den Tracks „Forest of Evil (Dawn)“, „Caged in Stammheim“ und „Hashshashin Chant“ existieren, auf YouTube (siehe Links unten) einmal anzusehen: Eigentlich das visuelle Pendant zur Musik von „Demdike Stare“. Fröhlich werden Bilder aus mystischen Kulte, erotischen Horrorfilmen, verstörenden Thrillern etc. zusammengeschnitten.


Videoclips:

Forest_Of_Evil_(Dawn)_-_Modern_Love

Demdike_Stare_Caged_in_Stammheim

Hashshashin_Chant


Links:

www.plattfon.ch

www.myspace.com/pookawig

www.modern-love.co.uk/artists/demdike-stare

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