Tanja Dückers: „Hausers Zimmer“

Die ganze Hoffnung steckt in der Sonnenuntergangtapete

Tanja Dückers: „Hausers Zimmer“ (Roman)

Mit „Hausers Zimmer“ legt Tanja Dückers einen grandiosen Roman über das Berlin der frühen 80er-Jahre vor. Warmherzig und mit einer grossen Portion Humor lässt sie die Atmosphäre der geteilten Stadt aus dem Blick einer 14-Jährigen noch einmal hochleben und zieht den Leser von der ersten bis zur letzten Seite in ihren Bann.

Von Stephan Sigg.

hauserszimmerJulika Zürn hat es nicht leicht: In der Schule gehört sie keiner angesagten Clique an, sie wohnt in einer Wohnung, die von moderner Kunst vollgestopft ist und hat Eltern, die bei Nachrichtenmeldungen über den Tod von Philosophen oder Schriftstellern in Tränen ausbrechen und tagelang von Depressionen gequält werden. Und auch Julikas Freundinnen, die sich zum Beispiel auf ihre wöchentliche Psychiatersitzung freuen, sind etwas merkwürdig. Aber Julika ist sowieso gerne für sich allein und grübelt über sich und die Welt nach. Ihre Neugier kann ihr niemand nehmen. Und so stöbert die 14-Jährige in ihrer Freizeit durch das Quartier auf der Suche nach neuen Entdeckungen. Nichts ist jedoch so interessant wie „Hausers Zimmer“ mit der Hawaii-Sonnenuntergangtapete, das sie Tag für Tag, Nacht für Nacht mit dem Fernglas von ihrem Fenster aus beobachtet. Der um etwas mehr als zehn Jahre ältere Nachbar und Motorradrocker ist alles, was Julikas Eltern und Leben nicht sind: Er scheint keiner Arbeit nachzugehen, anstatt mit Kunst, Kultur und einem überzeugten Engagement für Amnesty International verbringt er die Tage mit Bier und Fernsehen und jeden Abend bringt er eine neue Frau nach Hause.

Der Traum vom Motorradtrip durch Patagonien

Während andere in Julikas Alter Popstars anhimmeln, steigert sie sich immer mehr in ihre Obsession hinein und träumt davon, zusammen mit dem nahen, aber doch so fernen Hauser auf dessen Motorrad durch Patagonien zu fahren. Dafür lernt sie im Atlas sogar die Namen südamerikanischer Flüsse auswendig. Doch um ihrem Traum einen Schritt näher zu kommen, müsste sie es endlich mal schaffen, Hauser in ein Gespräch zu verwickeln. Nur ist das leider wie verhext: Immer, wenn sie ihm über den Weg läuft, bringt sie kein Wort heraus. Die Sache mit den Männern bereitet Julika sowieso Kopfzerbrechen: Sie weiss nicht, was sie von dem neuen, mysteriösen Apotheker halten soll. Seine südamerikanische Herkunft spricht sie eigentlich total an. Und auch ein Mitschüler macht ihr neulich Avancen und wird immer zudringlicher.

Erwachsenwerden mitten im geteilten Berlin

„Hausers Zimmer“ ist ein Stück Zeitgeschichte. Tanja Dückers beschreibt die Berliner Ereignisse im Jahre 1982 aus den Augen einer verschrobenen Teenagerin. Es ist beeindruckend, wie viel Detailwissen Dückers in die Geschichte einstreut. Das macht den Roman unheimlich prall und echt. Die aus heutiger Sicht einfach schrecklichen Modesünden und musikalische Geschmacksverirrungen bringen den Leser immer wieder zum Schmunzeln. Man taucht ein in eine Zeit, wo ein Engagement für Amnesty International als etwas total Abgefahrenes galt, man begeistert Polonäse tanzte und Cola als riesige Gefahr für die Gesundheit betitelte.

Gleichzeitig überzeugt „Hausers Zimmer“ als Coming-of-age-Roman. Der Leser begleitet Julika während eines Jahres und erlebt mit, wie sie in dieser Zeit einen grossen Entwicklungsschritt mitmacht. So kann sie sich am Schluss auch von ihrer Teenie-Obsession lösen. Irgendwann lädt Nachbar Hauser sie dann nämlich doch zu sich ein. Dabei bricht, wen überrascht es, Julikas Obsession auf einen Schlag zusammen und sie realisiert, dass sie Opfer einer Illusion geworden ist. Hauser und Draufgänger? Von wegen! Auch die Tapete mit dem Sonnenuntergang wirkt auf einmal nur noch fad und peinlich. Der Leser hingegen bleibt verzaubert zurück und verlässt nur ungern den Mikrokosmos von Julikas Familie. Dieser Roman ist ein grosses Lesevergnügen!


Titel: Hausers Zimmer
Autorin: Tanja Dückers
Verlag: Schöffling & Co.
Seiten: 496 Seiten
Richtpreis: CHF 39.80

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