Thomas Gsella: „Reiner Schönheit Glanz und Licht – Ihre Stadt im Schmähgedicht“

Bitterböse & gnadenlos gut

Thomas Gsella: „Reiner Schönheit Glanz und Licht – Ihre Stadt im Schmähgedicht“ (Gedichte)

Es gibt Städte, die liebt man. Andere brauchen eine Weile, bis sie einen in ihren Bann ziehen. Wieder andere schaffen es nie. Thomas Gsella hat viele von ihnen gesehen – und mit spitzer Feder darüber geschrieben. Herausgekommen ist ein Reiseführer der besonderen Art.

Von Fee Anabelle Riebeling.

ihrestadtThomas Gsella traut sich was. Das hat er schon immer getan. Immerhin war er jahrelang erst Redaktor, dann Chef von Titanic, dem zweitgrössten Satire-Magazin Deutschlands. Seit langem schon hat er es auf deutsche Städte abgesehen. Bisher sind seine Schmähgedichte in der Kolumne „Ihre Stadt“ auf der Satire-Seite von Spiegel-Online erschienen. Nun gibt es die schönsten130 erstmals als Buch.

Von B wie Bern …

„Hier gelten Frost und Schleichen mehr / Als Wärme und Geschwindheit. / Hier kommt Ovomaltine her, / Das Signum falscher Kindheit. / Hier hocken der »Weltpostverein« / U.ä. in Alt-Arkaden. / Hier konnte’s deutsche Nazischwein / Im zweiten Wunder baden. / Die Viertel: Muesmatt, Mattenhof … / Dass Gott so was erlaubt hat! / Ist Bern auch müde, ist’s doch doof / Und nicht mal echte Hauptstadt.“

Was im ersten Moment böse und brachial wirkt, zaubert bald schon ein Lächeln auf die Lippen. Denn in Gsellas wohl formulierten Reimen steckt viel Wahres. Ob Bern oder Berlin, ob München oder Monaco, ob Zagreb oder Zürich. Der Satiriker kennt kein Pardon. Pointiert und ohne falsches Zaudern bringt er auf den Punkt, was manche sich bloss im Geheimen denken. Das ist ehrlich und wirkt herzerfrischend.

… bis Z wie Zürich

„Um einen kalten See gruppiert / Die Häuser protz- bis putzig. / Und wo nur Geld gewaschen wird, / Da sind die Menschen schmutzig. / Doch hier darf stinken, wer gewinnt. / Die Summen sind erklecklich. / Und wo die Köpfe fertig sind, / Geht’s auch Kehlköpfen schrecklich. / Sie schwyzzern wie behindert platt / Und lahm wie abbe Beine. / Und weile sie zu viel Kröten hat, / Ward Zürich selber eine.“

Thomas Gsella beleidigt, was das Zeug hält. Dabei erfindet er die Welt nicht neu. Nicht nur fasst er Klischees, Erfahrungen und Altbekanntes knapp zusammen. Nein, auch das Schmähgedicht hat eine lange Tradition, die – so stellt man noch während der Lektüre fest – heute viel zu selten angewendet wird. Sein „ Reiner Schönheit Glanz und Licht – Ihre Stadt im Schmähgedicht“ ist ein Muss für alle mit Verstand – und einer gehörigen Portion schwarzem Humor.


Titel: Reiner Schönheit Glanz und Licht – Ihre Stadt im Schmähgedicht
Autor: Thomas Gsella
Verlag: Eichborn
Seiten: 128
Richtpreis: CHF 15.90

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