Popklippe geschickt umschifft

The Kills – Blood Pressures

Popklippe geschickt umschifft

Bild: http://www.thekills.tv/index.php
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Was kommt heraus, wenn eine Band, die sich dem Garagepunk verschrieben hat, plötzlich das Geld und den Ruhm hat, gegen den es vorhin wetterte?

Es tönt wie die typische Rockband- Geschichte: Im Jahre 2000 begannen Jamie Hince aka Hotel und Alison Mosshart aka VV Ideen per Kassetten quer über den Ozean auszutauschen. Schon bald darauf zog VV von Florida nach London, um besser mit Hotel zusammenarbeiten zu können. Im Jahre 2002 veröffentlichten sie ihr Debut-EP „Black Rooster“ unter dem Name The Kills. Es tönte nach zu lauten Gitarren und schepperndem Schlagzeug (oder Drumcomputer) in staubigen Garagen, nach Bier und Schweiss. Kurz: Nach Rock’n’Roll. Und es beförderte sie in Kürze in aller Kritikermunde. Es folgten drei höchst erfolgreiche CDs und inzwischen sind sie beim Label Domino Records (u. a. Franz Ferdinand, Arctic Monkeys, Four Tet) gelandet. Alison Molisshart spielt noch mit Jack White in Supergruppe The Dead Weather und Jamie Hince ist mit dem Supermodell Kate Moss liiert. Folgt man der Popbusiness-Logik müsste jetzt ein schlechtes Album folgen, in dem sie Altbewährtes aufwärmen und es durch den schmierig- glattmachenden Pop-Fleischwolf lassen. Ein paar Features mit verkaufsfördernden Berühmtheiten, eine Welttournee durch alle grosse Stadien und fertig ist der 0815-Rockstar und das volle Konto für die nächsten zehn Jahren. Doch glücklicherweise umschiffen das moderne Bonnie und Clyde-Paar der Rockszene geschickt diese Klippe.

Es gibt einige Merkmale, die beim ersten Durchhören von Blood Pressures auffallen: Das Tempo wurde allgemein etwas heruntergeschraubt, die Songs sind voller produziert mit Klavier teilweise sogar mit Synthies und Streichern, die Melodien sind häufig melodiöser und haben mehr Popappeal. Diese Tendenzen werden schon beim ersten Song „Future Starts Slow“ deutlich. Das Schlagzeug rumpelt zähflüssig vor sich hin, die Gitarre wirft spitze Schreie über den Bassteppich. Die Stimme von VV ist sexy wie eh und je, doch kommt die Melodie mit einem grossen Ohrwurmpotential daher. Vor allem sei hier auf die Bridge von „Future Starts Slow“ hingewiesen.

Noch deutlicher wird es beim zweiten Song: Der Single-Auskopplung „Satellite“. Gitarre und Schlagzeug tönen hier schon fast nach der hippen englischen Dub-Ästhetik. So langsam tropft der Groove vorwärts. Die Lyrics, obwohl immer noch sexy und intelligent wie eh und je, beschränken sich teilweise sogar  nur auf „Ohohs“ und „Ahahs“. Doch auch auf ihrer neusten CD vergessen The Kills ihre Wurzeln nicht. So tönt „Nail In My Coffin“,  „DNA“ und „You Don’t Own The Road“ genau, wie The Kills tönen müssen. Ein treibendes Schlagzeug, die verzerrt-lärmige Gitarre und die messerscharfen Texte und Melodien, die in den sich perfekt ergänzenden Stimmen von VV und Hotel wunderbar aufgehen.

Doch sie sind eindeutig vielfältiger geworden. Der Blues ist noch da, die dreckige Punk-Attitude ist noch da, die treffenden, intelligent-sexy Texte über Liebe und was damit einhergeht, sind noch da. Man hört jedoch dem Songwriting an, dass Alison Mosshart inzwischen mit Jack White zusammenarbeiten durfte. Es ist ausgefeilter, geschliffener geworden. Auch die Produktionsmethoden wurden hörbar verbessert. Es lohnt sich nämlich durchaus die Platte mit einer anständigen Anlage richtig laut zu hören. Am besten mitten in der Nacht, um den spiessigen Nachbarn zu zeigen, dass der kleine Punk in einem noch nicht tod ist.

Es ist jedoch noch mehr da, im neuen Wurf von The Kills. Da wäre zum Beispiel die schon erwähnten zähflüssigen Beats. Aber auch eine neue Intimität und Verletzlichkeit kommt zum Vorschein. So zum Beispiel in der kleinen, aber feinen Ballade „Wild Charms“. Vorgetragen von Hotel, begleitet von einem reduzierten Schlagzeug, Klavier und Gitarre. Mein klarer Favorit ist jedoch ganz klar der Rausschmeisser „Pots and Pans“. Schon nach 30 Sekunden haben sie mit grossem Vorsprung gewonnen: Bass und Drums hämmern vor sich hin, eine bluesige Akustikgitarre und VV und Hotel nehmen eine schlecht ausgerüstete Küche als Metapher für eine verlebte Liebe. Darauf wird aufgebaut: Schon fast U2-grosse Gitarrenwände, Backgroundchöre aus VV alleine und Bass und Schlagzeug hämmern unbeirrt vor sich hin. Grossartig!

Man kann nur froh sein, dass VV und Hotel genügend Standfestigkeit bewiesen haben und sich nicht von der Popwelt überrumpeln liessen. Denn, obwohl „Blood Pressures“ einige Längen aufweist, haben sich The Kills eindeutig weiterentwickelt. Ohne ihre Blues- und Punk-Wurzeln zu vergessen, sind viele neue, interessante Einflüsse zu hören: Das erfrischend-einfache und gradlinige Songwriting sicherlich beeinflusst von Jack White, ein zäher, schleppender Groove, wie er fast nur im Dub oder bei den alten Blueshelden zu finden ist, sogar Tom Waits selber hört man manchmal hindurch schimmern. Man kann auf jeden Fall gespannt sein, auf die weitere Zusammenarbeit dieses interkontinentalen Gespanns.


Links:

www.plattfon.ch

www.thekills.tv/bloodpressures.php

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