Alles im Griff?

Alles im Griff?

Beim korrekten Einschätzen von Risiken scheitern wir oft.


Das Eidgenössische Nuklearsicherheitsinspektorat (Ensi) fordert in seinen neuesten Bericht Nachbesserungen in den Schweizer Atomkraftwerken.

Nach dem Unglück im Atomkraftwerk Fukushima I ist es gewiss vernünftig, sich zu überlegen: Könnte das auch bei uns passieren? Denn die katastrophalen Auswirkungen eines möglichen Unfalls rechtfertigen eine besonders strenge Überprüfung. Trotzdem: Die Atomkraftwerke sind in der Schweiz nicht plötzlich unsicherer geworden. Und die Wahrscheinlichkeit eines Erdbebens ist nicht auf einmal gestiegen.

Forderungen nach verbesserten Sicherheitsstandards oder gar sofortiger Abschaltung gehen wohl eher auf psychologische (und politische) Gründe zurück, als sie auf einer real erhöhten Gefahr basieren würden. Das ist durchaus nachvollziehbar: Ganz allgemein schätzen Menschen das Risiko eines Zwischenfalls höher ein, wenn es erst kürzlich dazu kam. Da die Möglichkeit eines GAU uns nun wieder bewusst ist, schätzen wir die Wahrscheinlichkeit dafür nun spontan wieder höher ein. Und auch die Aufmerksamkeit, die der Gefahr in den Medien geschenkt wird, trägt das ihre dazu bei.

Eine Gefahr, die schon längere Zeit keine Problemen verursachte, wird dagegen tendenziell unterschätzt. Auch wenn dazu rein statistisch kein Grund besteht. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein bestimmter Vulkan ausbricht oder eine bestimmte Lawine niedergeht, richtet sich nicht nach einem Fahrplan. Wenn 100 Jahre nichts passiert ist, bietet dies keinerlei Garantie, dass nochmals 100 Jahre alles gut geht. Solche Ereignisse sind zufällig und völlig unvorhersehbar. Schon morgen kann es soweit sein – oder erst in 1000 Jahren.

Doch zwischen solchen Naturkatastrophen und Risiken, die wir freiwillig eingehen, besteht ein grundsätzlicher Unterschied. Tun wir etwas aus freien Stücken, kommt es uns weit weniger gefährlich vor, als es tatsächlich ist. Zum Beispiel der Strassenverkehr: Obwohl er zahlreiche Menschenleben fordert, setzen wir uns dennoch in der Regel furchtlos hinters Steuer; manche denken sogar, sie könnten dabei noch problemlos telefonieren.

Wir überschätzen unsere eigenen Fähigkeiten, im Notfall noch eingreifen zu können. „Alles im Griff“, denken wir meist. Obwohl es objektiv betrachtet gar nicht so ist. Solche Selbstüberschätzung führte (u.a.) nachweislich zur Katastrophe von Tschernobyl. Und war wohl auch in Fukushima nicht unbeteiligt. Komplexe Systeme, wie ein Kernkraftwerk eines ist, können wir nur schwer erfassen, auch wenn wir das zunächst oft glauben. Ebenso schwierig ist es, das Risiko abzuschätzen, dass etwas schief geht, wenn viele unabhängige Faktoren zusammenspielen.

Nicht nur Komplexität sondern auch ein fehlender unmittelbar sichtbarer Zusammenhang erschwert es uns, das Risiko spontan richtig einzuschätzen. Dies dürfte einer der Gründe sein, warum auch „schleichende“ Gefahren, die ihr Gefahrenpotential nicht mit einem lauten Knall (und vielen Todesopfern auf einmal) offenbaren, ebenfalls unterschätzt werden.

Der Klimawandel ist sicher ein Beispiel dafür. Und gerade die Atomdebatte rückt diese Gefahr wieder in den Fokus: Wenn wir nun Atomkraftwerke sofort abschalten, werden wir auf fossile Energieträger zurückgreifen müssen. Damit wird aber der Klimawandel beschleunigt und die Gefahr von Naturkatastrophen wie Unwettern und Dürren erhöht. Weil wir nicht fähig sind, Risiken richtig einzuschätzen und es uns auch nicht vorrechnen lassen wollen.

 

Links:

Risikowahrnehmung, psychology48 (online-Psychologie-Lexikon)

Die Angsthasen, Artikel in Zeit-online

 

 

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