John Cheever: “Die Lichter von Bullet Park”

Vorstadt-Satire

John Cheever: “Die Lichter von Bullet Park” (Roman)

Von aussen betrachtet scheint das Leben der Bürger von Bullet Park perfekt zu sein. Hier regieren Ordnung und Höflichkeit. John Cheever wagt jedoch einen Blick hinter die Fassaden der Vorortgesellschaft und erzählt in “Die Lichter von Bullet Park” von privaten Abgründen und Tragödien der Bewohner.

Von Birke Tunç.

“Tja, wenn man sich so umschaut, hat man wahrscheinlich viel Grund zur Traurigkeit, aber es ärgert mich, dass die Leute ständig auf den Vororten rumhacken. Warum tun sie das bloss? In jedem Theaterstück wird auf den Vororten rumgehackt, aber ich verstehe nicht, was am Golfspielen und Blumenzüchten so schlimm sein soll.”

dielichtervonbulletprakDie Lügen der Mittelschicht

Im Mittelpunkt der Geschichte stehen die beiden Männer Eliot Nailles und Paul Hammer. Während Hammer erst vor kurzem ein Haus in Bullet Park gekauft hat, wohnt Nailles bereits seit Jahren in dem beschaulichen Vorort. Nailles ist ein ehrenhafter und selbstloser Mann: Er sorgt liebevoll für seine Frau und den gemeinsamen Sohn Tony, geht einmal in der Woche zur Kirche und ist Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr. Schaut man jedoch genauer hin, sieht man, dass sich Nailles völlig aufgegeben hat und nur für seine Frau und Tony lebt. Alkohol und Tabletten sind seine ständigen Begleiter: mehrere Gläser Gin schüttet er täglich in sich rein und ohne seine Drogen zu nehmen kann er kaum das Haus verlassen. Doch der Schein des perfekten Lebens und des wahrgewordenen American Dreams wird nach aussen aufrechterhalten.

Den Schein aufrechtzuerhalten versucht auch Hammer. Sein Leben ist gezeichnet von Leere, Unruhe und Sinnlosigkeit. Das einzige, was ihm hilft den Tag zu überstehen, ist der Alkohol. Hammers Frau macht es ihm nicht einfacher, denn sie ist eine launische und egozentrische Person, die nie wirklich zufrieden gestellt kann. In seiner Einsamkeit und Verzweiflung schmiedet Hammer einen Mordplan, was auch der Grund für den Umzug nach Bullet Park ist.

Hammer und Nailles sind Teil einer Gesellschaft, die viel Wert auf frisch getrimmten Rasen und nette Cocktailpartys legt. In Wirklichkeit haben jedoch die meisten Bewohner von Bullet Park mit Depressionen zu kämpfen und etwa 3/4 haben ein ernsthaftes Alkohol- und Drogenproblem. Es geht einzig darum, den Schein vom Glücksichsein zu bewahren. Das tatsächliche Glücksein scheint zweitrangig zu sein.

Wo die “Mad Men” wohnen

Die Neuübersetzung von John Cheevers “Die Lichter von Bullet Park” aus dem Jahr 1969 trifft den Nerv der Zeit, denn das Interesse am Leben der Vorstadtbewohner der 60er Jahre ist gross. Der Grund dafür ist die amerikanische Fernsehserie “Mad Men”, die bereits Kultstatus besitzt. Darin werden erfolgreiche Geschäftsmänner und brave Hausfrauen gezeigt, die nicht ein so perfektes Leben führen wie sie es nach aussen zeigen. Die Männer stehen unter Druck, Ablenkung finden sie in Affären und Alkohol. Die Frauen dagegen leiden unter Depressionen und sind völlig überfordert mit den Rollen als Ehefrau und Mutter. Fans von “Mad Men” werden mit grosser Wahrscheinlichkeit Gefallen an John Cheevers Roman finden.

Cheever gelingt es sehr gut die Brücke zwischen Tragik und Ironie zu schlagen. Was thematisch traurig zu sein scheint, erzählt er auf eine ironische, ja manchmal sogar leicht boshafte, Art und Weise. An manchen Stellen ist “Die Lichter von Bullet Park” jedoch ein wenig anstrengend zu lesen, da es sich dabei nur um eine Art Aufzählungen von Ereignissen aus den Leben der beiden Protagonisten handelt und nicht um eine fliessende Geschichte. Manchmal scheint ein roter Faden zu fehlen und es kann passieren, dass man den Anschluss verliert. Diese Tatsache ändert jedoch nichts daran, dass es sich um ein sehr gutes Buch handelt, das auch nach über 40 Jahren funktioniert.


Titel: Die Lichter von Bullet Park
Autor: John Cheever
Übersetzung: Thomas Gunkel
Verlag: DuMont
Seiten: 256
Richtpreis: CHF 30.50

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