“Ondine” von Neil Jordan

Nix(e) im Netz

“Ondine” von Neil Jordan

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Welcher Fischer würde nicht gerne einmal eine wunderschöne Frau in den Netzen finden, die er an Bord zieht? Syracuse, einem vom Pech geplagten irischen Fischer, passiert in “Ondine” genau das. Dass es sich bei der Frau aus dem Meer um das Sagenwesen Selkie handeln soll, will er nicht glauben, obwohl seine Tochter felsenfest davon überzeugt ist. Eine Romanze, angesiedelt im Niemandsland zwischen Märchen und Sozialdrama, beginnt sich zu entwickeln.

Von Lukas Hunziker.

Das Leben ist für den Fischer Syracuse, welcher das Meer an der südlichen Küste von Irland nahe Cork befischt, kein Zuckerschlecken. Seine Frau hat er an den Alkoholismus verloren, dem er selbst nur knapp entkommen ist, seine Tocher ist wegen einer Nierenkrankheit auf den Rollstuhl angewiesen und seine Netze sind die meiste Zeit leer. Doch dann plötzlich zieht er eine Frau damit aus dem Meer, die mit seltsamem Akzent spricht und von niemandem ausser ihm gesehen werden will. Es geht allerdings nicht lange, bis Syracuses Tochter Annie den seltsamen Gast in der Hütte ihres Vaters entdeckt, und nach einem Gespräch mit ihr sicher ist, dass sie eine Selkie ist: eine Robbenfrau, die Menschengestalt angenommen hat. Annie weiss, dass Selkies Männer haben, welche sie vom Land zurück ins Wasser holen wollen, und beschliesst, dies mit allen Mitteln zu verhindern.

Spannende Romanze mit enttäuschendem Finale

Bis kurz vor Schluss des Film wird der Zuschauer darüber im Unklaren gelassen, ob Ondine, wie sich die Frau aus dem Wasser nennen lässt, tatsächlich ein Mensch gewordenes Meereswesen ist, oder ob es eine andere Erklärung für ihr Erscheinen in Syracuses Netz gibt. Als seine Netze und Krebsfallen plötzlich immer voll sind, wenn Ondine ihn begleitet und singt, wird selbst Syracuse misstrauisch und beginnt seiner Tocher zu glauben, dass sein schöner Fang mehr ist als nur eine beinahe Ertrunkene mit Amnesie. Lange bleibt die Romanze daher spannend und unterhaltsam, obwohl der Schluss dann doch eine Aufklärung bringt, welche die Geschichte entzaubert und beinahe mathematisch genau aufzulösen versucht. Schade hat nicht einmal Neil Jordan den Mut, dem Erklärungswahn des aktuellen fantastischen Kinos zu trotzen (über den wir bei nahaufnahmen.ch schon seit der letzten Ausgabe des NIFFFs regelmässig schimpfen).

© Studio / Produzent
© Studio / Produzent

Auch wenn der Schluss eher enttäuscht, ist “Ondine” ein ganz unterhaltsamer Film geworden. Kameramann Christopher Doyle hat die Stimmung der irischen Küste sehr schön eingefangen, und Colin Farrell agiert gewohnt souverän davor – nie ist er besser als in europäischen Produktionen. Die Melancholie, die zumindest zu Beginn über der Liebesgeschichte hängt, sowie die Nebenhandlungen bewahren den Film davor, kitschig oder sentimental zu werden. Wäre das unpassende Finale – welches cinematographisch auch äusserst ungeschickt umgesetzt wurde – nicht so enttäuschend, müsste man fast voll des Lobes für Neil Jordans neuste Regiearbeit sein. Wem es nichts ausmacht, wenn ein Märchen sich mit einem Thriller zu paaren versucht, dem dürfte “Ondine” durchaus vergnügliche 100 Minuten vor dem Bildschirm bescheren.

Ausstattung

Das Bonusmaterial beschränkt sich auf Interviews mit den wichtigsten Darstellern und der Crew. Kurz, aber durchaus sehenswert.


Seit dem 11. März 2011 im Handel.

Originaltitel: Ondine (Irland 2009)
Regie: Neil Jordan
Darsteller: Colin Farrell, Alicja Bachleda-Curus, Stephen Rea, Dervla Kirwan, Alison Barry
Genre: Romanze/Drama
Dauer: 99 Minuten
Bildformat: 1,78:1
Sprachen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Audio: Dolby Digital 5.1
Bonusmaterial: Interviews, Trailer
Vertrieb: Warner

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Lukas Hunziker

Lukas Hunziker ist Gymnasiallehrer für Deutsch und Englisch. In seinem Garten stehen drei Bäume, in seinem Treppenhaus ein Katzenbaum. Er schreibt seit 2007 für nahaufnahmen.ch.

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