Mythos in Geschichte und Gegenwart

Von der Kunst, einen Mythos zu malen

Mythos in Geschichte und Gegenwart

Junotempel in Agrient (Ausschnitt) von Caspar David Friedrich

Frank Sinatra, Zentauren oder das Matterhorn – sie alle fasst der Künstler Lambert Maria Wintersberger in einer farbigen Ausstellung im Forum Würth in Arlesheim, unter dem Oberbegriff Mythos zusammen. Mittels dieser Beispiele, können sich die Besucher ihre eigene Definition des Begriffes Mythos bilden. Ein Begriff, der schwierig zu definieren ist, obwohl oder vielleicht gerade weil sich Philosophen und Künstler immer wieder damit befasst haben.

Von Stephanie Santschi

Betritt man die Ausstellung „Mythos“ des Elsässer Künstlers Lambert Maria Wintersberger, wähnt man sich in einer Bergwelt. Matterhörner auf allen Seiten. Mit Öl, Aquarell und Asphaltfarbe nähert sich Wintersberger vielfach dem bekanntesten Schweizer Berg an. Bei Wintersberger ist – wie bei vielen Künstlern des 20. Jahrhunderts – die Frage nach dem Sinn und Inhalt von Kunst, und bei ihm speziell auch dem des Mythos zentral. Wintersberger arbeitete die letzten vier Jahrzehnte an dessen Auslegung.
Was Mythos bedeutet ist auch für Philosophen nicht einfach zu definieren. So sind im Verlauf der letzten Jahrtausende vielschichtige Bedeutungen entstanden: Von halbwahren Geschichten im antiken Griechenland bis hin zum Starkult unserer Tage. Immer wieder stand der Mythos aber auch für einen Erklärungsversuch unseres Daseins. Seine Kernaussage jedoch ist vermutlich die Unmöglichkeit einer umfassenden Welterklärung.

Auf der Suche nach der Wahrheit

Die Ursprünge sind im antiken Griechenland zu finden. Plato bezeichnete den Mythos als eine Geschichte, welche aus erfundenen und wahren Elementen besteht.  Durch die konkrete Verwendung von Mythen in seinen Schriften entstand so der sogenannte Platonische Mythos: Einfach zu begreifende Beispiele verweisen auf eine höhere Wahrheit, deren Bedeutung noch nicht ganz aufgedeckt und dem Menschen schwer zugänglich ist.
Antike Mythen mitsamt ihren Figuren blieben lange populär. Zur Zeit der Aufklärung galt der Mythos als Grundgerüst einer erzählerischen Handlung, vor allem aber auch als Fabel mit Erziehungsfunktion. In dieser wurde er den biblischen Geschichten gegenübergestellt. Die Bibel diente bis dahin der Kirche als Sittenlehre und kann im weitesten Sinne auch als Mythos verstanden werden.

Exotik und Märchen
In der Romantik dann bekam der Mythos den Aspekt des Märchenhaften. Wie in den ebenfalls beliebten Märchen, kamen in Mythen verpackt Träume und Wünsche zum Vorschein. Unter Herbeiziehung neuer Elemente, beispielsweise Geschichten aus Kolonien und Figuren aus Nordeuropa, akzeptierten die Europäer zur Zeit der Säkularisierung Mythen als eine Art Ersatzreligion. Die fortschreitende Industrialisierung und Entzauberung der Welt liess den Menschen in einer Art Hilflosigkeit, in der der irrationale und nun eigenständig existierende Mythos die Funktion einer Konstante übernahm.
Erleben und Erzählen waren die beiden Kernpunkte des Mythos im 19. Jahrhundert, sie prägten ihn als immer wiederkehrend, ewig gültig und aktuell.

Stars und Warenfetischismus
Vom Anbeginn des 20. Jahrhunderts bis heute schliesslich verzigfachten sich Definitionen und Deutungen des Begriffs Mythos. Zeitgenössische Mythen haben gewöhnlich keine religiöse Konnotation mehr, sondern bestehen aus einem Gemisch aus Symbolen, Berichten und Erfahrungen. Auch Stars, Marken und unglaubliche Geschichten mit Kultstatus repräsentieren den modernen Mythos. Von der Werbeindustrie werden solche in den Köpfen der Konsumenten verankerten Bilder zudem oft zu Werbezwecken genutzt: Eine Ware lässt besser verkaufen, wenn sie den Leuten mit einer packenden Story schmackhaft gemacht wird.

Die Marke Matterhorn
Eine solche Marke ist auch das von Lambert Maria Wintersberger verwendete Matterhorn. Er verwendet viele solche Symbole in seinen Bildern: Durch Reduzierung komplexer Inhalte auf einfachere Motive spricht er die Betrachter an, denn ein Bild sagt mehr als tausend Worte.
Mit dem Matterhorn als Markenzeichen der Schweiz weckt Lambert Maria Wintersberger in seiner Mythos-Ausstellung Assoziationen beim Betrachter. Kein anderer Schweizer Berg ist so bekannt. Er ist ein Symbol des Mythos Schweiz: Uhren, Schokolade und Tourismus werden mit dem Berg beworben, Geschichten ranken sich um ihn. Die verschiedenen, nur leicht veränderten Darstellungen des Berges laden den Betrachter ein, das Matterhorn und den Mythosbegriff aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten.
Auch wenn ein Mythos die Welt nicht erklären kann, lässt er uns über sie nachdenken. Dies ist vermutlich seine Hauptqualität.

Literatur zum Thema:
Peter W. Schatt: “Musikpädagogik und Mythos. Zwischen mythischer Erklärung der musikalischen Welt und pädagogisch geleiteter Arbeit am Mythos”, Schott Campus Verlag, 2008.
Abhandlung über die Problematik der pädagogischen Arbeit über Mythen ohne die Musik selbst als Mythos wahrzunehmen

C. Sylvia Weber/Thomas Schwager (Hrsg.):„Lambert Maria Wintersberger: Mythen“, Ausstellungskatalog Forum Würth Arlesheim 8. April – 6. November 2011, Swiridoff Verlag, 2011.
Katalog zur „Mythen“-Ausstellung des Künstlers Lambert Maria Wintersberger im Forum Wü rth Arlesheim

Links:

Online-Magazin für die Forschungsbereiche Mythos, Ideologie und Methoden

Anlässlich seines siebzigsten Geburtstags zeigt das Forum Würth Arlesheim das Werk Lambert Maria Wintersbergers in einer umfangreichen Einzelausstellung zum Thema „Mythen“ (Ausstellung: 8. April – 6. November 2011).

Homepage Lambert Maria Wintersbergers

2 Gedanken zu „Mythos in Geschichte und Gegenwart

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