Huldar Breiðfjörð: “Liebe Isländer”

Im Land der Tankstellenkioske

Huldar Breiðfjörð: “Liebe Isländer” (Reisebericht)

Huldar hat genug von seinem langweiligen Leben in der isländischen Hauptstadt. Er verlässt Reykjavik. Sein Plan: sein Heimatland auf der Ringstrasse einmal umrunden und dabei sich selbst und seine Landsleute kennen lernen. Sein Begleiter: ein eigenwilliger Jeep. Seine Stationen: unzählige Tankstellenkioske. Sein Buch: die ideale Vorbereitung auf die Frankfurter Buchmesse 2011.

Von Sandra Despont.

liebeisländerIn manchen Monaten werden die Isländer Island. Dann sind sie genau wie das ein wenig an einen breitgetretenen Kaugummi erinnernde Land, in dem sie wohnen: schwermütig, genervt, verwittert, reizbar, ihre Stimmung schwankend. Genau so fühlt sich Huldar Breiðfjörð. Er hat genug von seinem langweiligen Leben in der Hauptstadt, er hat genug davon, aufzuwachen, um zu arbeiten, die Wochenenden mehr oder weniger besoffen an coolen Partys zu verbringen, die doch alle irgendwie gleich sind, er hat genug davon, so zu tun, als habe er tolle Pläne, die ihn demnächst reich und berühmt machen, er hat genug davon, verkatert sein Auto zu suchen und von pseudo-munteren Radioleuten geweckt zu werden. Da hat er den besten Einfall, den er „je in seinem Leben hatte“: Er fährt aufs Land. Genauer: Er wird in den unwirtlichsten Jahreszeiten die Ringstrasse rund um Island abfahren. Er wird sich einen Bart wachsen lassen, frieren, verrückt werden. Mit einem Wort: „Aufwachen!“

Verrückt, tot oder einfach nur blöd

Einige Monate später. Huldar ist tatsächlich unterwegs. Nach einer langen Suche hat er den „Wagen mit Charakter“ gefunden, der ihn auf seiner Reise begleiten soll: Sein Volvo Lappländer, „blau, massiv und verwegen“, war Liebe auf den ersten Blick. Doch unterwegs beweist sein Auto, das Huldar liebevoll „Lappi“ nennt, seinen Charakter unter anderem dadurch, dass es sich plötzlich beharrlich weigert, anzuspringen, dass es sich weigert, über achtzig Stundenkilometer zu fahren, dass es so schwer manövrierbar ist, dass sich Huldar zuweilen vorkommt, als sitze er auf einer Kuh, dass es sich von heftigen Windstössen mitunter beinahe Klippen hinabwerfen lässt. Und an manchen Tagen, wenn Huldar früh erwacht, nach einer Nacht mit vierzehn Grad minus, und beobachtet, wie sein Atem an seinem Schlafsack zu Eisblumen gefriert, kommen Huldar Zweifel, dann fragt er sich, ob er „verrückt, tot oder einfach nur blöd“ ist. Die Reise zu sich selbst gestaltet sich als Selbsterfahrungstrip, der es in sich hat. Mehr als einmal erlebt Huldar Situationen, die ihn mental und körperlich an seine Grenzen bringen. Unverblümt schildert er, wie er mit grossstädterischer Schussligkeit Wetterprognosen falsch einschätzt, gegen orkanartige Seitenwinde kämpft, sich von Mechanikern über Ohr hauen lässt. Huldars erfrischende Ehrlichkeit lässt einen diesen jungen Menschen spüren, der hier in Eiseskälte unterwegs ist, um dem auf die Spur zu kommen, was das Leben ausmacht. Und sie lässt einen temporäre Sentimentalitäten und Anflüge von eitlem Selbstmitleid gern übersehen.

Das Herz jedes Ortes

„Jetzt ist die Gelegenheit, all das Rumgehänge in den Tankstellenkiosken zu erläutern, denn es wird nicht weniger werden“, stellt Huldar auf Seite 69 seines Buches fest. Und Nichteingeweihte sind dankbar, denn was einen an Huldars Reise rund um die Insel doch etwas befremdet: Mindestens die Hälfte der Zeit scheint der Mann an Orten abzuhängen, die wir allenfalls mit Benzintanken und Noteinkäufen in Verbindung bringen würden. Doch Island ist anders. Die Siedlungen auf dem Land, an irgendwelchen gottverlassenen Fjorden, haben nicht viel, aber einen Tankstellenkiosk haben sie. Was sich harmlos Tankstellenkiosk nennt ist zugleich auch Videothek, Ersatzteilhandel, Supermarkt, Spielhalle, Kaffeehaus und Nachrichtenzentrale, kurz: Der Tankstellenkiosk ist das Herz jeden Ortes. Logischerweise muss deshalb Huldar, will er seine Landsleute und die Seele des jeweiligen Ortes kennenlernen, hier mit seiner Besichtigung anfangen, ausführlich Kaffee trinken, mit den Verkäuferinnen quatschen, Einheimischen lauschen. Hier, in Form der Tankstellenkioske, wird etwas von der Eigenartigkeit Islands greifbar, etwas, das das Land im hohen Norden vom mitteleuropäischen Festland unterscheidet.

Duschen in der Sportanlage

Huldars Reise erscheint unspektakulär, ja, man möchte fast sagen: langweilig. Er erstarrt angesichts der schroffen Schönheit Islands nicht in Ehrfurcht, denn er vergisst nie, dass die faszinierende Natur höchst ungemütlich, sogar lebensbedrohlich sein kann. Seine Landsleute sind für ihn jederzeit reale Menschen, die in einer grösstenteils abweisenden, wenn auch wunderschönen Landschaft ihre Existenz unter meist harten Bedingungen ertrotzen. Huldars Reise führt denn auch nicht von Sehenswürdigkeit zu Sehenswürdigkeit. Stattdessen besichtigt er neben den Museen, über die auch noch das kleinste Dorf zu verfügen scheint, die lokalen Gaststätten, die Schulen, Gemeinschaftszentren und Fischfarmen, setzt sich mit den Eltern eines bekannten Autors an den Tisch, geht bei abgelegenen Farmen vorbei, unter dem Vorwand, als Buchverkäufer unterwegs zu sein, er duscht in Sporthallen und lässt sich von Einheimischen abenteuerliche Geschichten über mit Autoverfolgungsjagden gekoppelte Sauftouren beschreiben.

Einlullender Rhythmus

Genauso unberechenbar, vielseitig, gleichzeitig reizend und karg wie seine isländische Reise ist auch Huldar Breiðfjörðs Sprache. Meist erzählt der Autor nüchtern, oft lakonisch von seinen Seelenzuständen und Wirrnissen während der Reise, manchmal wird er enthusiastisch, poetisch, hat metaphysische Anwandlungen, die sich in längeren Sätzen, gesuchteren Worten, einer höheren Stilebene spiegeln, nur damit er dann, etwa nach der Beschreibung eines Meteoriten, das Kapitel beenden kann, indem er sachlich feststellt: „Ich übernachte in Blönduós“. Diese abrupten Wechsel, die Gedankensprünge, die inneren Monologe, verbunden mit den sich wiederholenden Beschreibungen ganz alltäglicher Handlungen und den scheinbar immer gleichen Besuchen in Tankstellenshops, den Gängen durch immer neue, sich aber immer ähnelnde Dörfer, die Suche nach einem geeigneten Übernachtungsort, geben Huldar Breiðfjörðs Text ein ganz eigenes Gepräge, eine Art Rhythmus, der einen beim Lesen einlullt, so dass man meinen könnte, selbst auf den eintönigen Strassen Islands unterwegs zu sein. Ohne jemals in Island gewesen zu sein, steht einem alles klar vor Augen, bekommt man einen Eindruck von der Kargheit und der Härte des Landes, von der Warmherzigkeit und Verschrobenheit seiner Menschen. Huldar Breiðfjörðs Reisebericht ist daher die ideale Einstimmung für die Buchmesse Frankfurt 2011, bei der Island als Gastland seine Literatur, Kultur und Geschichte präsentieren wird.


Titel: Liebe Isländer
Autor: Huldar Breiðfjörð
Übersetzerin: Gisa Marehn
Verlag: Aufbau
Seiten: 224
Richtpreis: CHF 25.90

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