Die zauberhafte Welt der Oh Land

Die zauberhafte Welt der Oh Land

"Oh Land", kürzlich erschien die neue Scheibe der dänischen Electro-Pop Queen. Bild: Ohland.com
"Oh Land", die neue Scheibe der dänischen Electro-Pop Queen. Bild: Ohlandmusic.com

Oh Land-Interview, Zürich, 01.06.2011

Märchenland, unendliche Möglichkeiten, geheimnisvolle Landschaften und mystische Klänge; das ist die musikalische Szenerie, in der sich Oh Land bewegt. Die Kopenhagenerin, die eigentlich Nanna Øland Fabricius heisst, verwebt Realität und Träume. Es entsteht ein kaum fassbares Soundkonstrukt, das durchzogen von Extremen mal zuckersüss, mal stockfinster klingt. Ihre Songs bestehen nicht „nur“ aus Melodien, sondern auch aus dem Klicken, Piepsen, Zupfen und Surren, das man hören kann, wenn ihre Musik entsteht. In einer Künstlerfamilie aufgewachsen, entschied sich Oh Land vorerst für eine Tanzkarriere und studierte an den königlichen Ballettschulen von Dänemark und Schweden. Eine Rückenverletzung zwang sie, das Tanzen an den Nagel zu hängen. Um die kreative Lücke zu füllen, begann sie Songtexte zu schreiben, die aus einem Märchenbuch stammen könnten. Nach wie vor ist das Tanzen ein wichtiges Element der Performance von Oh Land. Das Publikum wird an Konzerten gleichermassen mit musikalischen und visuellen Elementen konfrontiert – etwa durch eine Bühne voller weisser Luftballone auf deren Oberfläche eigenartigen Projektionen schimmern, begleitet durch den dumpfen Sound von Drumpads. Dabei schwebt Oh Land wie im Traum über die Bühne und schildert in allen Formen und Farben, was sie sieht.

Nach ihrem Erstling „Fauna“ (2008) erschien letzten Freitag das neue Elektro-Pop Album der 26-jährigen Dänin. „Oh Land“ heisst das Meisterwerk mit zwölf Songs, das mit dem Sony Music Label „Epic“ in New York aufgenommen wurde. Auf ihrer Promotionstour legte Oh Land einen Stopp in Zürich ein und gab am Frühstückstisch im Hotel Europe ein exklusives Interview für nahaufnahmen.ch. Bei einer Tasse Tee plauderte die lebendige Sängerin über Träume, Kunst und Märchen.

nahaufnahmen.ch: Bist du das erste Mal in der Schweiz?

Oh Land: Ja, ich war noch nie hier, obwohl es gar nicht weit weg ist von Dänemark. Aber ich werde bald wieder kommen: Im Juli spiele ich am Montreux Jazz-Festival.

nahaufnahmen.ch: Dein neues Album „Oh Land“ wird in den nächsten Tagen veröffentlicht. Kannst du es in drei Worten beschreiben?

Oh Land: Verträumte, elektronische Popmusik.

nahaufnahmen.ch: Hast du ein Lieblingslied?

Oh Land: Immer, wenn ich einen Song fertig geschrieben habe, mag ich den am besten, weil er so frisch ist. Aber wenn ich mich jetzt entscheiden müsste, wäre es „Wolf and I“. Ich liebe es, den Song live zu spielen.

nahaufnahmen.ch: „Wolf and I“ besteht aus vielen Dubstep-Elementen. Ist Dubstep die neue Form von Drum n Bass?

Oh Land: Ich würde sagen ja.

Ich lernte Dubstep vor drei Jahren an einem Festival in Schweden irgendwo draussen im Wald kennen. Neben einem Stromkraftwerk legte Scream auf, der Vater des Dubstep. Während den drei Stunden konnte ich den Bass sogar in meiner Nase spüren – ein unglaubliches Gefühl. Ich war völlig beeindruckt und das war wohl der Punkt, an dem meine Dubstep-Besessenheit entstand. Ich hatte allerdings schon auf meinem ersten Album „Fauna“ viele dieser starken tiefen Bass-Elemente – nur wusste ich damals nicht, dass es Dubstep hiess.

nahaufnahmen.ch: Welche andere Musik beeinflusst dich?

Oh Land: Ich habe während meiner Kindheit oft klassische Musik gehört, zum Beispiel ungarische Chöre. Aber auch Daftpunk, Radiohead, Björk und Portishead beeinflussen meinen Alltag und meine Musik.

nahaufnahmen.ch: Was inspiriert dich sonst noch?

Oh Land: Vor allem Filme und die bildende Kunst begleiten mich immer. Meine Lieblingskünstler sind der amerikanische Medienkünstler Matthew Barney, ich mag vor allem die Art und Weise, wie er Performance in seine Werke einfliessen lässt. Und natürlich Eske Kath, ein dänischer Künstler, der das Artwork für mein neues Album gemacht hat. Wir haben auch vor kurzem zusammen eine Ausstellung gemacht in New York: Er hat einen ganze Galerie nach dem Oh Land–Spiritus gestaltet und ich habe darin ein Konzert gegeben. Und David Lynch war auch immer eine sehr grosse Inspiration. Und der Fotograf Tim Walker. Und Tim Burton.

nahaufnahmen.ch: Machst du selber Kunst?

Oh Land: Ja, schon seit ich Kind war, zeichnete ich. Meine Zeichnungen sind eigentlich die bildliche Darstellung meiner Lyrics. Ich male oft patchwork-mässig, wie im Märchenwald. Alles muss idyllisch und schön sein. Aber gleichzeitig lasse ich dunkle Elemente einfliessen. Zum Beispiel habe ich einmal ganz viele kleine Ballerinas gemalt, was für mich die ultimative Schönheit bedeutet, doch alle diese Tänzerinnen zusammen lassen ein Bild von einem Gesicht entstehen, das ganz entsetzlich schreit. Ich mag Hologramme und Kontraste. Du musst die Dinge immer von zwei Seiten betrachten können.

nahaufnahmen.ch: Deine Lyrics handeln oft von Märchen. Kannst du dich an eines aus deiner Kindheit erinnern?

Oh Land: Natürlich, Alice im Wunderland! Das Buch lese ich oft. Ich bewundere die Art und Weise, wie es geschrieben ist. Die Geschichte ist simpel und logisch, handelt aber gleichzeitig von einer komplexen Welt. Es erinnert mich an den Zeitpunkt kurz bevor man einschläft. Du hörst Dinge von der realen Welt, die sich aber langsam vermischen mit jenen deiner Traumwelt. Genau in diesem merkwürdigen Zwischenland fühle ich mich zu Hause.

nahaufnahmen.ch: Schreibst du oft über deine Träume?

Oh Land: Ich habe sehr strukturierte Träume, sie sind immer eine vollständige Geschichte mit Anfang und Ende. Komisch, nicht? Manchmal stehe ich mitten in der Nacht auf, um die Träume aufzuschreiben, damit sie nicht vergessen gehen.

nahaufnahmen.ch: Zu deiner Performance auf der Bühne: Planst du sie?

Oh Land: Nein, alles ist spontan. Ich mache keine Choreografien. Ich versuche die Musik zu fühlen, das Publikum zu fühlen und lasse mich von meiner Umgebung anstecken. Dafür plane ich das ganze Bühnenbild von A bis Z: Visuelle Elemente, wie Ballone mit Projektionen drauf. Seltsame Beleuchtungen. Das muss alles sehr dramatisch sein, wie im Theater.

Bild: Chris LaPutt
Bild: Chris LaPutt

nahaufnahmen.ch: Du hast früher getanzt. Wie sind deine Gefühle beim Tanzen und wie beim Singen?

Oh Land: Bei beidem gehe ich verloren, mein Körper nimmt überhand und mein Kopf folgt. Ich gelange in einen friedlichen Zustand, wie meditieren. Du weißt, du bist mit deinem Körper und Geist voll da, wo du dich eben gerade befindest. Tanzen ist immer auch mit Leistung verbunden, wenn ich Musik mache bin ich introvertierter, ich stelle mir unmögliche Dinge vor, träume vor mich hin.

nahaufnahmen.ch: Du magst Mode…

Oh Land: Oh ja! Kleider machen unglaublich viel Spass!

nahaufnahmen.ch: Woher holst du deine Ideen?

Oh Land: Alte Menschen beeindrucken mich, weil sie nicht versuchen, einem Trend zu folgen und schon seit Jahren ihren persönlichen Stil haben. Sie sind so einzigartig. Neulich habe ich einen alten Mann mit einer Jacke gesehen, die ich unbedingt haben wollte. Ich fragte ihn, woher er sie habe. Leider ohne Erfolg, denn er sagte: „Was weiss ich, die habe sie vor 70 Jahren gekauft!“. Ich mische oft alte, für mich emotionale Dinge mit ganz neuen, schrillen Sachen.

nahaufnahmen.ch: Und auf der Bühne?

Oh Land: Da müssen meine Kleider natürlich sein und meine Musik unterstützten. Sie sollen ballett-ähnlich sein, mich an die Outfits von Tänzern erinnern, wie zum Beispiel diese Leggins hier, die ich heute anhabe (hebt das Bein und zeigt schwarze Leggins, die über und über mit schimmernden Pailletten besetzt sind). Kleider müssen eine Geschichte erzählen, und nicht einfach nur gerade angesagt sein.

nahaufnahmen.ch: Entwirfst du selber Kleider?

Oh Land: Ja, aber nur für mich selber, für die Bühne. Manchmal, wenn ich keine Zeit habe, auf die Schneiderin zu warten, schnipsle ich einfach selber an meinen Bühnen-Outfits herum.

nahaufnahmen.ch: Du lebst momentan in Brooklyn, New York. Ein sehr unmystischer Ort mit wenig Natur. Wie vereinst du das mit deiner Musik?

Oh Land: Solange ich in der Stadt lebe, werde ich mich immer nach der Natur, Landschaften und Wasserfällen sehnen. Und dies wirkt sich natürlich auf meine Songs aus. Aber sobald ich an einen See oder in den Wald ziehen würde, würde ich wohl Hardcore-Elektro machen. Ich brauche den Ausgleich. Und man sagt ja, auf der anderen Seite ist das Gras immer grüner. Du wirst inspiriert von Sachen, die du dir vorstellst, die nicht hier sind.

nahaufnahmen.ch: Auf was freust du dich speziell in diesem Sommer?

Oh Land: Auf meine Tour und natürlich die Festivals. Speziell freue ich mich auf das Roskilde Festival in Kopenhagen, weil ich in meiner Heimat spielen kann, meine Freunde und Familie treffe und vielleicht für einen kurzen Moment im Garten meiner Eltern ausspannen kann.

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