“Piñero” von Leon Ichaso

Der Mann, der Ärger verkauft

“Piñero” von Leon Ichaso

Das unkonventionelle Biopic von Leon Ichaso über das Leben des Strassenpoeten Miguel Piñero soll hier nicht zum zeitlosen Meisterwerk erhoben werden, dafür lässt es einem am Ende zu ratlos zurück. Doch der impressionistische Film zeigt Mut zur narrativen und ästhetischen Zusammenhangslosigkeit und trifft so die Stimme eines sensiblen, talentierten, aber konfliktbeladenen und unkontrollierbaren Menschen.

Von Moritz Schuler.

piñero“Denkt man an lateinamerikanische Schriftsteller, dann wahrscheinlich an Garcia Marquez, Neruda, den magischen Realismus. Nicht hier. Um meinen Kopf flattern keine Schmetterlinge herum, wenn ich die Avenue B entlang laufe. Das ist Strassenrealität, hier brüllen wir sie raus!”,  erklärt Miguel Piñero mit dem Stolz, dem wachen, rastlosen Blick und gleichzeitig grosspurigen Imponiergehabe eines Mannes, dessen lässig arrogante Gestik von Manhattens Strassen der Lower East Side geprägt ist. Miguel Piñero, Schriftsteller, Poet, Reporter, Dieb, Junkie und “was immer man manchmal sonst noch so sein muss.”  Zu Beginn der 50er Jahren mit der Familie aus Puerto Rico immigriert, in New Yorks damaligen Lower-Class-Viertel vaterlos aufgewachsen, mit acht Jahren das erste Mal für die vier jüngeren Geschwister Brot geklaut, mit dreizehn inhaftiert und danach wiederholt im Knast wegen bewaffnetem Raubüberfall und Drogenbesitz. Und es hört sich etwas abgedroschen romantisch an, oder vielleicht magisch realistisch, aber in dieser unwirschen Umgebung entstand 1973 Piñeros gefeiertes und geehrtes Stück “Short Eyes”, das es bis an den Brodway schaffte.

Wie sollte also ein Film ausschauen, der diesem schizophrenen Lebenswandel gerecht werden soll. Der für seinen grobkörnigen, urbanen Realismus bekannte Regisseur Leon Ichaso hat für sich eine Lösung gefunden. Zum einen einen bis heute aufgrund seiner ansonsten fragwürdigen Rollenwahl verkannten Schauspieler, Benjamin Bratt (Miss Undercover, Catwoman, Law & Order). Man hasst ihn für das authentische Ghettogehabe und die abstossende Brutalität seiner Darstellung des Strassenpoeten, man liebt ihn aber umso mehr für die stellenweise ungebändigte Lebensfreude, die überschäumende Kreativität, unbestechlich vermengt mit seinem rohen, brachialen Witz, und schliesslich für jeden undurchdringlichen Blick, welcher von einer fein nuancierten Mimik getragen wird. Es erhebt sich das Gefühl, dass Bratts Schauspiel sehr nahe an die Lebenswirklichkeit herankommt. Und dies liegt nicht zuletzt am zweiten Lösungsansatz von Regisseur Ichaso. Er presst die unzähligen Episoden aus dem Leben des unberechenbaren Künstlers nicht in eine zeitlich chronologische Erzählstruktur. Die assoziativ verknüpfte Chronologie der einzelnen Sequenzen ergibt sich vielmehr aus der konsequenten Konzentration auf Piñero als Individuum in seinen euphorischsten und tragischsten Momenten. Die Geschichte folgt sprunghaft einzelnen Beziehungen zu den engsten Vertrauten, der Mutter, der Geliebten, den Freunden aus Knast, Theater und gesellschaftlicher Oberschicht, und deutet deren Einfluss auf den umherirrenden Künstler an.

Ein schwach gesponnener roter Faden lässt sich durch das stückweise Bekanntwerden von Piñeros fatalem gesundheitlichen Zustandes erkennen. Er benötigt eine neue Niere. Man könnte das Werk also als subjektive Erzählung der Erinnerungen eines Sterbenden verstehen. Das ist es wahrscheinlich in gewisser Hinsicht auch, jedoch erzählt ohne die üblichen Gestaltungsmittel. Der Einsatz von Schwarz-Weiss-Bildern dient hier nicht einfach dem Verständnis, damit wir zeitlich zurückliegende Ereignisse auch eindeutig erkennen, sondern wird als virtuoses Stilmittel angewandt, wie man es nur selten antrifft. Der Wechsel von schwarz-weiss zu Farbe und zurück bricht völlig unvorhergesehen teilweise mehrmals pro Szene über die Bilder herein und lässt einem beinahe den Vergleich zu Berthold Brecht wagen. Ja, Brecht, der einst durch Licht-, Ton- und dramaturgische Effekte eben diese Dramaturgie verfremdete und die Kontinuität der Geschichte durchbrach. Wir als Publikum werden herausgerissen aus der Welt, die uns das Theater oder der Film präsentiert und wir beginnen diese geschlossene Welt kritisch zu betrachten und zu hinterfragen.

Aber vielleicht beginnen wir uns auch einfach zu nerven ob den scheinbar willkürlichen Einsatz des dieser kraftvollen gestalterischen Mittel. Denn die Stärke des Films ist auch seine grösste Schwäche. Ohne Vorkenntnisse zur realen Person Miguel Piñeros fällt es im narrativen und ästhetischen Wirrwarr schwer, sich zurechtzufinden, und da hält einem das grandiose Schauspiel des Benjamin Bratt auch nicht auf ewig bei Stange. Eines bleibt jedoch hängen, das Bild von einem hochkomplexen und ebenso banalen und kaputten Menschen, bei dem das eine ohne das andere nicht funktioniert hat oder wie es “Benjamin Piñero” erklärt: “Ich wollte nie etwas besonderes sein, aber mir hat mal einer gesagt, du kannst schreiben und dass Schreiben einem aus dem Knast holt. Hat es aber nicht. Ich musste Scheisse bauen, damit ich gut schreiben kann. Ich verkaufe nämlich Ärger.” Man sollte es sich also gründlich überlegen, bevor man sich verärgert von dieser verworrenen Geschichte abwendet, denn dann ist man dem Film und in erster Linie dem Mann, dessen Geschichte dieser erzählt, bereits auf den Leim gegangen.


Originaltitel: Piñero (USA 2001)
Regie: Leon Ichaso
Darsteller: Benjamin Bratt, Giancarlo Esposito, Talisa Soto, Michael Wright, Nelson Velasquez
Genre: Drama, Biopic
Dauer: 103 Minuten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.