Sascha Lange: “Das wird mein Jahr”

Im Westen nichts Neues

Sascha Lange: “Das wird mein Jahr” (Roman)

Über die 80er-Jahre kann man sich ja so toll lustig machen. Und mit Wenderomanen hatten ja auch schon so einige andere Schriftsteller Erfolg. „Das kann ich auch!“, dachte sich da wohl Sascha Lange und legt tatsächlich eine solide, witzige und unterhaltsame Story vor. Etwas wirklich Neues ist dabei aber leider nicht herausgekommen – oder zumindest fast nicht.

Von Lisa Letnansky.

DasWirdMeinJahrFriedemann, Andi, Katrin und Anke sind Freunde. Sie treffen sich regelmässig im Jugendclub in Leipzig Grünau, haben vor Kurzem eine Band gegründet, fahren mit Andis Wartburg durch die Gegend und fühlen sich cool. Im Sommer 1989 fahren sie zusammen in die Ferien nach Ungarn, doch dort kommt schliesslich alles anders als geplant. Andi trifft seinen älteren Bruder, der schon vor Jahren in den Westen ausgewandert ist und beschliesst, diesem über die grüne Grenze zu folgen. Katrin, die sich in Andi verliebt hat, schliesst sich ihm nach kurzem Überlegen an, und auch Friedemann wäre dieser Idee nicht ganz abgeneigt, wäre da nicht Anke, die lieber zurück nach Leipzig zu ihren Eltern möchte. „Was ist der ganze Westen gegen diese schöne Frau?“, überlegt sich Friedemann und verabschiedet sich von seinem besten Freund.

Einberufung und Mauerfall

Zurück in Leipzig beherrschen einige Tage lang Glücksgefühle Friedemanns Dasein, denn er ist sich sicher, dass auch Anke Gefühle für ihn entwickelt hat. Doch als diese plötzlich mitsamt ihren Eltern verschwunden ist und sich der Verdacht erhärtet, dass auch sie Richtung Westen aufgebrochen sind und nicht mehr zurückkehren werden, fällt Friedemann in ein schwarzes Loch. Allein gelassen und übertölpelt kommt er sich vor, ausgetrickst und ausgenutzt. Als dann eines Morgens auch noch der Einberufungsbefehl zum Grundwehrdienst bei der Nationalen Volksarmee im Briefkasten liegt, scheint das Desaster perfekt. Doch Friedemann hat Glück, am selben Tag fällt die Mauer und er kann endlich in den Wartburg steigen, den Andi ihm hinterlassen hat, und nach Westen düsen, ohne viel Mut oder Überwindung mehr aufbringen zu müssen.

Stuttgart ist nicht das Paradies

Euphorisch und mit einem eigens für diesen Anlass zusammengestellten Mixtape ausgestattet fährt Friedemann erst mal nach Stuttgart zu Andi. Den Moment, in dem er im Westen ankommt, kann er sogar spüren, aber nicht etwa, weil dort die Luft anders wäre oder man die Freiheit riechen könnte, sondern „weil sich der Belag der Fahrbahn plötzlich änderte“. In Stuttgart empfangen ihn Andi und Katrin jedoch weder mit einer Willkommens-Fete noch sonst mit offenen Armen, sondern eher ernüchtert und bodenständig. Die beiden sind im Gegensatz zu Friedemann im Westen bereits angekommen, die hohen Preise und das überdimensionale Angebot an Konsumgütern haben sie bereits auf den Boden der Tatsachen geholt. Friedemann muss erkennen, dass der Westen nicht das Paradies auf Erden ist, dass auch hier gearbeitet wird und dass er sich eine eigene Wohnung suchen muss.

Also sucht er sich einen Job als Gärtner (und macht eigentlich tagtäglich genau das Gleiche wie früher in Leipzig) und eine kleine Wohnung oberhalb der Gärtnerei, findet neue Freunde (und Feinde), startet einen kleinen Nebenverdienst, indem er in seinem Dachboden Cannabis anpflanzt und beginnt eine Affäre mit einer fünfzehn Jahre älteren, verheirateten Frau.

Doch kein Wende-Roman?

Die täglichen, aber nicht ganz so alltäglichen Dinge, die Friedemann erlebt, sind zwar durchaus witzig und unterhaltsam, könnten so aber jedem jungen Mann an so ziemlich jedem Ort in Europa widerfahren und nicht nur ausgerechnet einem jungen Ossi im Westdeutschland von 1989. Es ist also nicht unbedingt ein Wenderoman, den Sascha Lange hier geschrieben hat, sondern eher ein Jugendbuch über die erste Liebe, die ersten echten Freundschaften und die ersten Schritte eines Jugendlichen im unabhängigen Leben. Unterhaltsam ist die ganze Geschichte ja, aber leider nicht sehr innovativ oder einprägsam, nach wenigen Wochen wird sie in den Köpfen der Leser wohl nur noch winzige Erinnerungsfetzen hinterlassen haben.

Einen Einfall muss man Sascha Lange jedoch zugutehalten und hier unbedingt erwähnen: Indem er die verschiedenen Kapitel jeweils mit passenden Songtiteln aus den 80er-Jahren überschrieb, hat er sozusagen gleich einen Soundtrack zum Buch mitgeliefert. Die ausgewählten Lieder passen meist perfekt zu der Stimmung des zugehörigen Kapitels. Wenn im Hintergrund die Talking Heads „Road to Nowhere“ trällern, während Friedemann Richtung Westen fährt, oder bei seinen ersten Arbeitstagen in der Gärtnerei „Dirty Boots“ von Sonic Youth ertönt, kann man tatsächlich richtig nostalgisch werden.


Titel: Das wird mein Jahr
Autor: Sascha Lange
Verlag: Aufbau Taschenbuch
Seiten: 224
Richtpreis: CHF 14.50

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