Simon Lelic: “Ein toter Lehrer”

Wut und Verzweiflung

Simon Lelic: “Ein toter Lehrer” (Roman)

In der Aula einer Londoner Eliteschule erschiesst ein Lehrer drei Schüler und eine Lehrerin. Was nach einem tragischen, aber einfachen Fall aussieht, entwickelt sich für Ermittlerin Lucia May zu einem Wendepunkt in ihrem Leben, und für den Leser zu einem äusserst emotionalen Leseerlebnis.

Von Lukas Hunziker.

toterlehrerFünf Schüsse feuert Samuel Szajkowski auf die versammelte Lehrer- und Schülerschaft ab, bevor er sich selbst richtet. Der Fall ist kaum publik, schon ist er in den Köpfen der Öffentlichkeit abgeschlossen: ein weiterer Psychopath, ein weiteres Monster ist Amok gelaufen – zu ermitteln gibt es da nichts. Auch der Vorgesetzte von Lucia May, die den Polizeibericht zur Schreckenstat verfassen soll, sieht keinen Anlass dazu, den Motiven des Täters nachzugehen, da dieser schliesslich tot ist. Doch die Gespräche, die Lucia mit Lehrern, Schülern und Eltern führt, lassen sie immer mehr daran zweifeln, dass Samuel Szajkowski die alleinige Schuld am Blutbad träg, welches er angerichtet hat.

Der schmale Grat zwischen Täter und Opfer

Der junge, unscheinbare und nicht eben gut aussehende Geschichtslehrer war nicht lange vor seiner Tat neu an die Schule gekommen und hatte durch sein Äusseres und durch sein mangelndes Durchsetzungsvermögen in kürzester Zeit den Spott sowohl seiner Schüler als auch seiner Kollegen auf sich gezogen. Sein Unterricht wurde von den Bullies in seiner Klasse systematisch sabotiert, während die Schulleitung jede Unterstützung verweigerte, und ein Turnlehrer, den er bei der Schuljahreseröffnung unabsichtlich verärgert hatte, führte im Lehrerzimmer eine regelrechte Mobbingkampagne gegen ihn. Von solchen Vorfällen will aber weder die Schule noch Lucias Vorgesetzter etwas wissen; den Täter zum Opfer zu machen käme gerade in diesem Fall einem Skandal gleich.

Lucia jedoch entwickelt ein erschreckendes Verständnis für den Täter, weil auch sie weiss, was es heisst, am Arbeitsplatz schikaniert zu werden: Sie verbringt keine Stunde im Büro, in der ihr Kollege Walter sie nicht aufs Übelste sexuell belästigt, und das meist zum Genuss der anderen Männer im Büro. Die Hilflosigkeit, die Samuel Szajkowski an seinem neuen Arbeitsplatz empfunden haben muss, kann einen in kurzer Zeit zur Verzweiflung treiben – das weiss Lucia. Um den Hintergründen des Amoklaufs trotz dem Druck ihres Chefs weiter nachgehen zu können, geht sie in ihrer Freizeit dem Fall eines Jungen nach, der von Schülern derselben Eliteschule schikaniert und verprügelt wurde, in der Hoffnung, eine weitere Spur zu finden.

Der Leser als Mittäter

“Ein toter Lehrer” ist in vielerlei Hinsicht ein ungewöhnlicher Krimi. Der Täter ist schon vor Beginn der Handlung tot, die Schilderung der Tat verzichtet komplett auf effekthascherische Details und die Handlung kommt ohne überraschende Enthüllungen und andere Plottwists aus. Stattdessen widmet sich Simon Lelic ganz seinen Figuren und den perfiden Mechanismen des Mobbings, die er so treffend beschreibt, dass man des Buch mehrmals vor Wut an die Wand schmeissen möchte. Bis zum Schluss des Romans entwickelt man als Leser einen so tief sitzenden Hass auf gewisse Figuren, dass man den Amoklauf nicht nur verstehen kann, sondern ihn beinahe gutheisst. Ein Meisterstück seitens von Lelic, dem es gelingt, den Leser quasi zum Mittäter werden zu lassen.

Ebenso gelungen wie die Schilderung des Mobbing ist die Darstellung der Figuren. Zwischen jedem Kapitel, in welchem Lucia weiterermittelt, folgt die wortwörtliche Aussage einer Person, die Lucia während ihren Ermittlungen befragt: Schüler erzählen vom Lehrer, der Schule und den erschossenen Mitschülern, Lehrer berichten von ihrem Verhältnis zu Samuel Szajkowski, und Eltern sprechen über ihre Kinder, welche die Schule besuchen. Für jeden von ihnen findet Lelic einen anderen, immer passenden Ton und gibt damit tiefe Einblicke in das Leben der beteiligten Figuren.

“Ein toter Lehrer” ist und bleibt bis zum Schluss eine gnadenlose, düstere und emotionale tour de force, ein Roman wie ein Faustschlag mitten ins Gesicht. Obwohl man nach der Lektüre kaum noch an das Gute im Menschen glauben kann, bereut man keine Sekunde, ihn gelesen zu haben, da man sich fühlt, als sei man aus einem wirklich guten Albtraum aufgewacht.


Titel: Ein toter Lehrer
Autor: Simon Lelic
Übersetzerin: Stefanie Jacobs
Verlag: Droemer
Seiten: 348
Richtpreis: CHF 25.90

Lukas Hunziker

Lukas Hunziker ist Gymnasiallehrer für Deutsch und Englisch. In seinem Garten stehen drei Bäume, in seinem Treppenhaus ein Katzenbaum. Er schreibt seit 2007 für nahaufnahmen.ch.

2 Gedanken zu „Simon Lelic: “Ein toter Lehrer”

  • 22.04.2012 um 12:50
    Permalink

    auch ich habe über dieses Buch einen Bericht geschrieben. Mir gings genauso, meine Wut wuchs und wuchs, je weiter ich las.
    Ein hervorragendes Buch !

  • 03.11.2014 um 14:07
    Permalink

    Ein packend erschreckender Roman. Wahrscheinlich herrschen solche Verhältnisse in deutschen Schulen (Hauptschulen, aber auch in Realschulen und teilweise in Gymnasien) und anderswo auch.
    Was besonders schockiert ,das die Menschen so kalt, unberührend, distanziert zu den Ereignissen sich äußern. Und es betrifft nicht nur junge Leute, sondern Eltern der Schüler, Kollegen des Lehrers und auch Polizeibeamten (Kollegen der Ermitlerin).
    Ich fühlte mich beängstend und befürchte, dass als Mobbingopfer, man ganz alleine da ist und nur die Familie, falls man sie hat, eine wesentliche Hilfe wäre. Vielleicht ein guter Psychotherapeut.
    Bin selber vor fast 30 Jahren Lehrerin gewesen, so was erlebte ich nicht, aber die Zeiten haben sich geändert. Und ich war in der ehemaligen UdSSR tätig.
    Ist die Welt so kalt geworden? Sind die Menschen einsamer geworden? Macht die Politik zu wenig?
    Es ist zu empfehen diese Publikation in Schulen zu besprechen.
    Schade, dass dieses Buch nicht verfilmt worden ist.
    Lesenswert!

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