Auf der Suche nach den Wurzeln von Aggression und Gewalt

Genetische Anlage versus soziale Umwelt

Street Fight (China)
Nicht nur die gesellschaftliche Umwelt mit gewalttätigem Freundeskreis scheint die Aggressionsbereitschaft von Jugendlichen zu bestimmen. Forschungsergebnisse zeigen auf, dass aggressives Verhalten aus einem komplizierten Zusammenspiel zwischen Genen und Umwelt resultiert. Wissenschaftler identifizierten Gene, die den Stoffwechsel des Serotonins, eines neuronalen Botenstoffs, bestimmen und mit Aggression zusammenhängen.

Tagtäglich wird in den Zeitungen über gewalttätige Übergriffe und aggressive Handlungen berichtet. Sind die Übeltäter Junge aus schwierigen Verhältnissen wird nicht selten deren gesellschaftliche Umwelt als Ursache verdächtigt. Welche Faktoren Aggression und Gewalt wirklich bestimmen, wird unter Wissenschaftlern heftig diskutiert. Seit den 1990er Jahren gewinnt der Aspekt der Erblichkeit immer mehr an Bedeutung. Genetikern gelang es nämlich diverse Persönlichkeitsaspekte auf Variationen in Genen zurückzuführen.

Auch die Gene sind schuld
So liegt auch der genetische Anteil der Aggression weit über 50%. Dies zeigen die Forschungsbefunde der letzten Jahre. Zusammengetragen hat sie Klaus Wahl, Professor in Sozialwissenschaften unter anderem an der Universität München, in seinem Buch „Aggression und Gewalt“1. Somit sind sich Wissenschaftler nach Jahren der Spekulation heute einig, dass Gene bei der Entwicklung von Verhaltensweisen wie Aggression eine Schlüsselrolle einnehmen. Denn aggressives und gewalttätiges Verhalten hängt von der Funktion diverser Gehirnstrukturen ab. Diese werden wiederum von Genen reguliert. Doch wie kann Aggression oder Gewalttätigkeit auf bestimmte Gene zurückgeführt werden?

Von Gen auf böse?
Mehrere Gene beeinflussen den Stoffwechsel des Serotonins, eines neuronalen Botenstoffs, der mit Impulsivität und Aggression in Verbindung gebracht wird. Besitzt ein Mensch bei diesen Genen eine Variation oder einen Defekt, wirkt sich dies auf den Auf- oder Abbau von Serotonin, auf den Serotonintransport oder auf dessen Funktion aus. Beispielsweise kann eine Genvariation dazu führen, dass in Nervenzellen zu wenig Serotonin hergestellt wird. Ein reduzierter Serotoninspiegel oder verringerte Serotonin-Aktivität beeinflusst die Funktion von Gehirnbereichen, die Stimmung und Emotionen kontrollieren. Dies kann dann mit der Entwicklung von impulsivem, aggressivem Verhalten zusammenhängen.

Nebst dem Serotonin, wird auch dem Dopamin ein Einfluss auf aggressives Verhalten nachgesagt: Eine erhöhte Dopamin-Aktivität in bestimmten Gehirnbereichen korreliert mit verstärkter Aggression. Wissenschaftler haben somit zwar Gene identifiziert, die mit erhöhter Aggression zusammenhängen. Doch sie betonen stets, dass diese Gene bloss eine Veranlagung für aggressives Verhalten und nicht deren alleinige Ursache darstellen.

Was Hänschen nicht lernt
Aggression und Gewaltbereitschaft wird des Weiteren von mehreren nicht-genetischen Faktoren beeinflusst. Der Psychologe Albert Bandura betont mit seiner „Social learning theory“, wie wichtig die Umwelt ist. Seine Theorie beruht auf der Annahme, dass Kinder die Werte und Normen ihrer sozialen Gruppe durch eigene Erfahrungen und Beobachtungen übernehmen. Eine Schlüsselrolle nehmen dabei die Eltern ein. Sie sind verantwortlich für die Weitergabe von Informationen, die dem Kind erlauben soziale Fähigkeiten zu entwickeln.
Die Forschung definiert vier Bereiche der Erziehung, welche die Entwicklung von aggressivem und gewalttätigem Verhalten begünstigen: Eine geringe Aufsicht, ein inkonsistenter Erziehungsstil, ein Mangel an emotionaler Wärme, wie auch fehlende gemeinsame Aktivitäten.

Neben den Eltern ist im jugendlichen Alter der Freundeskreis prägend für die Persönlichkeitsentwicklung.  Eine junge Person kann sich eher mit Aggression und Gewalt identifizieren, wenn bewunderte Vorbilder ebenfalls gewalttätig sind. Hinzu kommen Gewaltszenen in Videos und Computerspielen, mit welchen sich Jugendliche die Zeit vertreiben. Am Bildschirm konsumierte Gewalt führt zu erhöhter verbaler und körperlicher Aggressivität. In der Forschung wird spekuliert, dass das Gehirn über diesen Weg lernt, Gewalt als Problemlösung zu erachten.

„Nature and Nurture“
Aggressives und gewalttätiges Verhalten entsteht also aus einer Wechselwirkung zwischen Genen und sozialem Umfeld. Der amerikanische Wissenschaftler Christopher J. Ferguson, fasst dies im „Catalyst model“ zusammen. Dieses Modell besagt, dass eine stressige Umgebung aggressives Verhalten in genetisch veranlagten Personen verstärkt. Hier zeigt sich auch, wie wichtig der Einfluss der Umwelt ist: Ein gutes Umfeld könnte existierenden biologischen Defiziten in der Entwicklung von aggressiven Verhaltensweisen entgegenwirken.

 

Literatur zum Thema:
1 Wahl Klaus, 2009. Geerbte Aggression: Gene und Gewalt, Kapitel 9 aus Aggression und Gewalt. Spektrum Akademischer Verlag.

Mendes et al., 2009. Study review of the biological, social and environmental factors associated with agressive behavior, Revista Brasileira de Psiquiatria. 31, 77-85.

NZZ online: 21. Mai 2008, Wie das Gehirn Bildschirmgewalt verarbeitet
NZZ online: 25. Mai 2009, Warum werden Jugendliche gewalttätig?

 

Link

http://www.wissenschaft-online.de/abo/lexikon/neuro/226

2 Gedanken zu „Auf der Suche nach den Wurzeln von Aggression und Gewalt

  • 08.11.2018 um 18:39
    Permalink

    M.E. hat ein Mangel an Dopamin Einfluss auf die Gewaltbereitschaft, Aggressionspotential eines Menschen. Jeder Gewalttäter sollte hinsichtlich seines Dopaminspiegels untersucht werden. Eine Störung der Hirnanhangdrüse geht einher mit Gewaltbereitschaft (auch Depressionen). Hier besteht eindeutig ein kausaler Zusammenhang. Warum, wird dem so wenig Bedeutung beigemessen? Das Max-Planck-Institut in Berlin hat m.W. in diese Richtung bereits geforscht.

  • 12.11.2018 um 13:42
    Permalink

    Sie können gerne hier einen Link zu besagter Studie einfügen.
    Beachten Sie bitte zudem, dass der Artikel 2011 geschrieben wurde und daher neuere Forschungsergebnisse nicht berücksichtigen kann. Das Thema ist allerdings durchaus interessant und könnte daher wieder einmal aufs Tapet kommen.

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