Amanda Sthers: „Schweine züchten in Nazareth“

Eine schrecklich nette Familie

Amanda Sthers: „Schweine züchten in Nazareth“ (Roman)

Sie hassen sich. Und doch können sie nicht ohne einander. Damit unterscheidet sich die Familie um Harry Rosenmerck nicht sonderlich von vielen anderen. Dennoch fällt sie aus dem Rahmen. Denn hier ist alles ein bisschen extremer. Amanda Sthers zeichnet in „Schweine züchten in Nazareth“ eine Familiengeschichte in Briefen und E-Mails nach. Was zunächst kurios und abgedreht erscheint, entpuppt sich schnell als innovative Familientragödie.

Von Fee Anabelle Riebeling

schweinezüchteninnazarethHarry Rosenmerck hat es wirklich nicht leicht: Seine Tochter Annabelle läuft älteren, verheirateten Männern hinterher und seine Gattin lässt die junge Frau trotz räumlicher Entfernung nicht aus den Augen, um ihr genau das vorzuwerfen. Harrys Kontakt zu seinem Sohn David ist hingegen eingeschlafen. Denn dieser erfreut seinen alternden Vater zwar durchaus als erfolgreicher Theaterautor, aber entzürnt ihn gleichermassen mit seiner Homosexualität. Harry wird das alles zu viel und er steigt aus: Er beschliesst von nun an Schweine zu züchten – in Nazareth. Einfacher wird sein Leben dadurch nicht. Denn während seine Familie ihn bloss für verrückt hält, ruft dieser Entschluss auch weitaus heftigere Reaktion hervor.

Nähe finden

„Entweder halten Sie mich für einen Idioten oder Sie sind selbst einer. Es könnte auch sein, dass beides zutrifft und Sie von einer der beiden Tatsachen gar nichts wissen. Können Sie mir folgen?“, so lauten die ersten Zeilen von Rabbi Moshe Cattans Brief an Harry Rosenmerck. Sie zeigen deutlich, was er von dessen Schweinezucht hält. Nämlich nichts. Trotz dieser riesigen Meinungs-Kluft nähern sich die beiden an. Per Brief. Denn sehen können sich die beiden nicht. Der Tiere wegen. Ausserdem kommuniziert Harry Rosenmerck grundsätzlich schriftlich, und zwar auch mit seinen Familienmitgliedern, die in aller Welt verstreut sind.

Doch gerade diese distanzierte und auf den ersten Blick unpersönliche Form des Austausches führt dazu, dass die sich in den letzten Jahren fern Gewordenen wieder zueinander finden. Per Brief und E-Mail getrauen sie sich das zu sagen, was sie von Angesicht zu Angesicht nie wagen würden. Mal direkt, mal mit einem Augenzwinkern. Und das wohl überlegt. Denn die langsame Kommunikation lässt Zeit, sich über seinen Standpunkt klar zu werden. Die schonungslose Wahrheit kommt gut an. Plötzlich ist Verständnis da – und die alten Gefühle kommen wieder auf.

Loslassen müssen

Trotzdem gönnt Amanda Sthers, deren erster Roman „Geisterstraße“ Leser und Kritiker gleichermassen begeisterte, dem Leser kein rosarotes Happy End. Denn die Rückbesinnung auf das wirklich Wichtige kommt in einem Fall zu spät. Doch Harry Rosenmerck und seine Kinder machen es wie immer: Statt mit dem Schicksal zu hadern, sind sie dankbar für all das, was sie gemeinsam erleben durften.

„Schweine züchten in Nazareth“ ist unaufdringlich und rüttelt dennoch auf. Trotz der Kunstform des Briefromans wirkt der Roman völlig authentisch, denn Sthers hat ihre eigene Familienkonstellation wie eine Schablone über die Geschichte gelegt. Die Nähe zum Thema spürt man. Mit dem Ergebnis, dass wer das Buch aus der Hand legt, noch lange nicht zu Bett gehen, sondern über seine eigene Familie nachdenken wird.


Titel: Schweine züchten in Nazareth
Autorin: Amanda Sthers
Übersetzerin: Karin Ehrhardt
Verlag: Luchterhand
Seiten: 192
Richtpreis: CHF 26.90

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