Ideologie vs. Lehrauftrag 2

Das Bild der Universität im moralischen Licht der Öffentlichkeit

An gleicher Stelle wurde im März eine Empörung über eine Empörung kundgetan (nahaufnahmen – Denken 3/11). Es ging dabei um den Fall eines Assistierenden am Philosophischen Seminar der Universität Zürich, dem seine Vergangenheit zum Verhängnis wurde. Die Biographie des Dozenten wurde daraufhin von der Zürcher Studierendenzeitung „ZS“ (Ausgabe 1/11) in Form einer reisserischen Story zu einer Hochschul-Affäre hochstilisiert, wobei der Entscheid der Universität keinerlei kritische Beurteilung erfuhr.

Von Garabet Guel.

Im Gegenteil, die Stossrichtung des Artikels war eindeutig, es war die des Boulevards, der selbsternannten Hüterin der öffentlichen Mehrheits-Moral. Zwischen den Zeilen lag der texttragende Schrei: Wie um Himmels Willen konnte so etwas Schreckliches nur passieren? Wie konnte es dazu kommen, dass ein ehemaliger Neonazi Heidegger lehrte?  Es war die Sprache einer medialen Moral, die da waltete, eine Sprache, die Ausdruck eines engen, dichotomen Denkens ist, welches nur innerhalb normativer Pole zu denken vermag. Die Welt dieser Sprache ist wie ein hermetischer Film in schwarz-weiss, der dimensionale und farbliche Nuancen nicht kennt und meidet – so wie die Ideologie die Differenz. Dieselbe Sprache spricht auch der Artikel in „Der Sonntag“ vom 28./29.5.11. Hier wurde der Vorfall noch einmal aufgerollt und mit angeblich neuen, investigativen Fakten („Offiziell hat sich die Uni Zürich von L. getrennt – doch Recherchen zeigen…„) angereichert. Diese Wiederaufnahme des Ereignisses soll im Folgenden als Ausgangspunkt für ein weiteres Nachdenken dienen.

Die Medien und die Wiederkehr des Gleichen

Die Welt der (digitalen) Medien ist die Realität der (digitalisierten) Moderne. Diese Welt erscheint als öffentlicher Schauplatz; auf der medialen Bühne werden aus alltäglichen Vorkommnissen in der Lebenswelt Skandale konstruiert und Katastrophen gebastelt: „Neonazi-Affäre an der Uni Zürich“ titelt „Der Sonntag“ und setzt so zur Fortsetzung des vermeintlichen Eklats an. (Zur Erinnerung: Der Titel in der ZS vom Januar lautete „Vom Neonazi zum Assistenten“). Der neue Artikel prangert an, dass der ehemalige Dozent noch immer an der Universität Zürich aktiv sei, obschon sein Vertrag nicht verlängert wurde. Als Aktivität des Dozenten werden seine beiden Mitgliedschaften in zwei universitären Gruppierungen angeführt. Es sind dies die Gruppen „Theoretische und Praktische Philosophie“ und „Philosophische Kehrseiten“.

Es handelt sich dabei vor allem um Interessengruppen für Nachwuchswissenschaftler im Bereich der Geisteswissenschaften. Immerhin findet im Bericht Erwähnung, dass in diesen Gruppen darüber abgestimmt wurde, ob der ehemalige Dozent trotz einer fehlenden Anstellung an der Universität und seiner – 17 Jahre zurück liegenden – Tätigkeit im Neonazi-Milieu seine Mitgliedschaft beibehalten darf oder nicht. Es wurde entschieden, die Mitgliedschaft weiterzuführen, da sich der Doktorand, so ein Zitat vom Pressesprecher der Universität Zürich, „klar und glaubwürdig von seiner Vergangenheit distanziert“ habe. Mit diesem Entscheid wird auch eine Darstellung aus der Studierendenzeitung als nicht den Tatsachen entsprechend entlarvt; dort war behauptet worden, dass seine Kollegen ihn meiden würden. Dass dem nicht so ist, ist auch ersichtlich in einer Mitteilung des akademischen Mittelbaus des Philosophischen Seminars, die auf der Internetseite der ZS als Kommentar zum Artikel einsehbar ist.

Trotz dieses relativierenden Einschubs jedoch kommt der „Der Sonntag“ zum Schluss („Fakt aber ist“…), dass es sich bei dem aussondierten Hochschullehrer um eine Persona non grata handeln müsste und gewichtet seine jugendlichen Irrwege stärker als die Läuterung. Die Sühne wird dem Schuldigen ein weiteres Mal verwehrt.

Der Dekan und die Zeit

Es ist zwar zutiefst fragwürdig, doch nachvollziehbar, dass in den meisten Berichterstattungen in den Medien selten abgewogen und differenziert argumentiert wird. Es handelt sich hierbei um Medien-Unternehmen, die um Nachfrage ringen. Um wachsen zu können, ist ihnen fast jedes Mittel recht, ihre Funktionsweise entspricht der betriebswirtschaftlichen Logik. Hingegen sollte man bei einer offiziellen Stellungnahme der Philosophischen Fakultät eine nuanciertere Ansicht erwarten dürfen. Ihr Dekan, Herr Bernd Roeck, wird in beiden erwähnten Zeitungsberichten zitiert. Unter anderem spricht er von einem „höchst bedauerlichen Einzelfall“ und einem „gravierenden Vorgang”. Er wird zudem wie folgt wiedergegeben: „Es gibt so viele interessante junge Leute ohne eine solche Vergangenheit.“

Auf seine Aussagen hin befragt, schreibt der Dekan zurück: „Viele Ihrer Fragen beinhalten implizite Unterstellungen; sie verlangten sehr ausführliche und differenzierte Antworten, zu denen mir leider gegenwärtig absolut die Zeit fehlt. Ich habe zu dem Fall das Nötige gesagt, wenngleich ich nicht immer in voller Länge zitiert wurde.“

Dass Aussagen nicht immer in voller Länge zitiert werden (Das Zitat oben wurde nicht gekürzt) und zur Unterstreichung der eigenen Intention benutzt werden, ist verständlich und erstaunt nicht. Unter anderem auch deswegen wurde dem Dekan die Möglichkeit geboten, sich noch einmal zu den zitierten Stellen zu äussern und auch die Interpretation dieser Zitate zu kommentieren. Zwei dieser Fragen sollen hier in voller Länge wiedergegeben werden. Eine der gestellten Fragen war: „Sie sagen, dass der Vertrag „ohnehin ausgelaufen und auch aus anderen Gründen nicht verlängert worden wäre”. Waren diese “anderen Gründe” mit dem Assistenten besprochen worden, bevor ihm – kurzfristig – mitgeteilt wurde, dass das Arbeitsverhältnis nicht verlängert wird?“

Eine weitere Frage lautete: „Mir scheint, als wäre für Sie eine Person, die als Jugendlicher Mitglied in einer illegalen, politisch radikalen Organisation war, für den Rest seines Lebens als Lehrperson im Öffentlichen Dienst nicht zu dulden. Dies käme sozusagen einem lebenslänglichen “Radikalen-Erlass” gleich: Einmal ein Extremist, immer ein Extremist. Was denken Sie zu dieser Schlussfolgerung, liege ich richtig mit meiner Interpretation Ihrer Aussagen?“. Es stimmt, dass diese Fragen Unterstellungen äussern. Diese sind jedoch nicht nur implizit. Es wird explizit gefragt, ob die Einschätzung der Zitate der Meinung des Zitierten entspricht. Leider lässt das Zeit-Management des Dekans keine Antworten zu. So bleibt an dieser Stelle nichts weiter übrig, als dieses ökonomische Schweigen zu interpretieren, also versuchen zu verstehen.

Die Bildpflege des Unternehmens Universität

Die klare Haltung des Dekans in diesem Fall muss nicht unbedingt mit seiner persönlichen Einstellung korrespondieren. Er ist ein Repräsentant der Universität Zürich, er vertritt eine Institution, für deren Bild in der Öffentlichkeit er verantwortlich ist. Der Dekan ist zuständig für die Pflege des Bildes der Universität, welches mehrheitlich dem moralischen Diskurs zu entsprechen hat. Wäre der Vertrag des Dozenten trotz seinem Vergehen als Jugendlicher verlängert worden, hätte die Studierendenzeitung wahrscheinlich in etwa wie folgt ihren Titel gesetzt: „Ex-Neonazi darf weiter am Philosophischen Seminar lehren“. Und „Der Sonntag“ hätte vielleicht so nachgehakt: „Universität Zürich duldet Ex-Neonazi“.

Solche Meldungen könnten den Ruf der Universität schädigen, die sich, ähnlich einem Unternehmen, auch in einer Konkurrenz-Situation befindet und mit anderen Hochschulen um Studenten und Forschungsgelder ringt. Immerhin gilt es für die Universität Zürich ihren guten Platz im nationalen und internationalen Hochschulranking zu bewahren, der nicht nur von fachlichen Kompetenzen abhängig sein dürfte. Ein Ex-Neonazi als Assistent am Philosophischen Seminar könnte sich dabei als kontraproduktiv erweisen, weshalb der Dekan auch von einem „höchst bedauerlichen Einzelfall“ und „gravierenden Vorgang” sprechen muss, um damit klar zu stellen, dass solche Menschen an der Universität Zürich nicht erwünscht sind und nie sein werden.

Das Bild der Universität Zürich wäre somit wieder in das richtige Licht gerückt. Der Bildpfleger hat seine Öffentlichkeitsarbeit getan – das Bild glänzt.


Im Netz

Studierendenzeitung „ZS“
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„nahaufnahmen.ch“

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