NIFFF 2011 – Tag 1

Von Schnurbärten und nomadischen Restaurantketten

NIFFF 2011 – Tag 1

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Rote Latexpullover, Bösewichter kopiert aus einem Marvel-Comic und das Hirn im Schleudersitz: Mit dem Superhelden-Schinken „Red Eagle“ bekam die elfte Durchführung des Neuchâtel International Fantastic Film  Festival den Auftakt, den sie verdient. Später am Tag zeigte „Operation Tatar“, der erste mongolische Beitrag in der Geschichte des Festivals, dass weniger auch mehr sein kann.

Von Christof Zurschmitten.

Ein Festival wie das NIFFF lebt ein gutes Stück weit von basalen Trieben, wie sie weiland befriedigt wurden durch Freakshows und „Negerdörfer“: Es sind nicht zuletzt eine Gier nach Exotismus und eine Neugierde auf das Morbide, die jedes Jahr Heerscharen in die Kinosäle am Neuenburgersee locken. Und dagegen gibt es natürlich auch nicht das Geringste einzuwenden.

„Red Eagle“, der erste Film, der heuer gezeigt wurde, vollbringt das Kunststück, beides zu bedienen und trotzdem unbefriedigend zu bleiben. Für den Exotismus sorgt in allererster Linie das Herkunftsland: Die Mär um den Mann im roten Pullover ist tief in der thailändischen Pop-Kultur verwurzelt, wo der rote Adler bereits in den 60er-Jahren seine Kreise zog. In seiner neuen Auflage hat er seinen Kurs ausgeweitet bis nach Hollywood, auf das er aus der Luft so unverhohlen hinabschielt, dass es kaum verwunderlich ist, wenn er vom Kurs abkommt. In gewisser Weise ist es auch äusserst passend, dass Wisit Sasanatieng die Regie übernommen hat. Schliesslich war er es, der mit „Tears of The Black Tiger“ als einer der ersten Regisseure des Landes dem Westen die Augen dafür öffnete, dass sich das asiatische Kino nicht in China, Hongkong, Japan und Süd-Korea erschöpft. Und er schien auch insofern eine logische Wahl, als bereits die Tränen des schwarzen Tigers ein Ausfluss der thailändischen Pop-Kultur waren (ein Drittel Thai-Romanze, ein Drittel thailändisches TV-Abenteuer), gemischt mit einer gehörigen Portion ur-westliches Genre-Kino (Western!) – stilsicher überhöht in eine extreme Künstlichkeit, die sich mit der ganzen Aggressivität der Pasteltonpallette ins Gedächtnis frass.

Der Spagat zwischen Ost und West gelingt Sasanatieng in „Red Eagle“ nicht mehr (womit auch die Neugierde auf das Morbide, in diesem Fall das spektakuläre Scheitern, auf ihre Kosten kommt). Auf den ersten Blick – das heisst ungefähr die erste Stunde lang – scheint sich die Flexibilität zwar noch auszuzahlen: Mit quasi prophetischem Blick wird der Kampf um die Errichtung eines Kernkraftwerks und die damit einhergehenden Proteste als zentraler Konflikt aufgegleist, ein korrumpierter Vorkämpfer für das Gute und seine Freundin werden als Identifikationsfiguren eingeführt, und schliesslich kommt es auch zur ersten spektakulären Actionszene, in der ein Dutzend Bösewichter auf die im (in dieser Hinsicht erstaunlich liberalen) Kino Sasanatiengs übliche blutige Art ums Leben kommen. Ihr unerbittlicher Richter, neben dem selbst der Punisher wie ein Chorknabe aussieht: Der Rote Adler, eine Gestalt irgendwo zwischen Muay Thai-Kämpe, Batman und Zorro (schliesslich führt er die leidlich unterbediente Tradition beschnurrbarter Helden fort). Und dann bricht, mit all dem Pomp eines Karaokeabends und der tranigen Coolness einer frühen Bond-Hymne, der Vorspann über uns herein. Gespannt wartet man auf mehr.

Und bekommt schliesslich mehr, als man verkraften kann. Der Film nimmt die Logik des Superhelden-Genres todernst (trotz teils sogar gelungener Abdrifter ins Komische): Wenn irgendjemand, sei er Set-Designer, Drehbuchschreiber, Pyrotechniker oder Regisseur, eine halbwegs brauchbare Idee für  ein Set-Piece hatte, DANN WIRD DAS AUCH GEMACHT. Wir haben Ausbrecher in Richtung Wire-Fu, Super-Bösewichter, Verfolgungsjagden, Martial Art-Kino, Mantel- und Degenfilm, wir zitieren John Woo, Jackie Chan, Die Hard, die Fantastic Four und Batman… was nicht passt, wird passend gemacht. Dass die Action-Szenen dabei knallhart der neuen Hollywood-Schule folgen, die alle Choreographen gefeuert hat um ein Rudel hyperaktiver Cutter im Koffeinrausch anzuheuern, macht die Sache nicht unbedingt besser. Das eigentlich Erstaunliche an „Red Eagle“ ist aber überhaupt, dass dieser thailändische Blockbuster es in seinen Krondiszplinen – Action, und aggressives Produktplacement – durchaus aufnehmen kann mit zumindest der zweiten Liga des amerikanischen AAAction-Kinos, aber ausgerechnet in Sachen Dramaturgie und Storytelling hinter ihm zurückbleibt: Das Endresultat wirkt, als würde man mit einem „Best of“ der Folgen ein, sieben und zwölf der TV-Serie „Red Eagle“ konfrontiert. Dass der Film einem nach zweieinhalb Stunden auch noch ein „To be continued“ an den Kopf watscht, ist da geradezu dreist.

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In so ziemlich allem das exakte Gegenteil ist „Operation Tatar“ – emblematisch gemacht bereits im Vorspann, wo sich eine Restaurantkette stolz als Produzentin des Films präsentiert. Und damit ist das Product Placement denn auch erledigt; es herrscht also kein Zweifel daran, dass die Mittel äusserst beschränkt sind. Allerdings besitzt Regisseur Bat-Ulzii Baatar die Tugend, sich damit zufrieden zu geben – mit dem Resultat, dass der erste mongolische Beitrag am Wettbewerb des NIFFFs ein durch und durch kleiner Film ist, als solcher aber durchaus erfolgreich.

Teil des Erfolgs trägt die Tatsache bei, dass – soweit man dies als mit der lokalen Filmkultur unvertrauter Westler jedenfalls beurteilen kann – dieser Film durch und durch mongolisch scheint, ohne jedoch die üblichen Klischees zu bedienen: Die aus den Filmen von Byambasuren Bavaa bekannten Steppen und Hirten jedenfalls finden sich nur noch in Firmennamen wieder (der grossartige Titel der Geldgeber: „Nomads Chain of Restaurants“). „Operation Tatar“ ist ein durch und durch urbaner Film, der Schauplatz Ulan Baator – eine Stadt immerhin, in der Geschäftsmänner in grösster Selbstverständlichkeit in traditioneller Kleidung umherlaufen und sich besorgt über das Wohlergehen ihres Pferdes erkunden (das freilich Statussymbol ist, und nicht Transportmittel). Insofern passt es auch, dass sich die Handlung an einem durch und durch urbanen Genre orientiert: Dem Heist Movie, wobei der mongolischen Variante allerdings der dem Gerne übliche Glamour abgeht – das hier ist weit mehr „A Dog Day’s Afternoon“ denn „Ocean’s Eleven“. Mit Slapstick-Comedy untersetzt.

Die Handlung entspinnt sich um Taivanaa, einem Bankangestellten, der gleich mehrere Schicksalsschläge einstecken muss: Seine Tochter ist an Krebs erkrankt, und ausgerechnet jetzt wird ihm der Job gekündigt. (In diesen Anfangsminuten zielt der Film durchaus mit Erfolg auf eine sentimentalitätsfreie Anteilnahme seitens der Zuschauer.) Was also tun? Unter Einreden seines Kindheitsfreundes Tulga, der seiner Arbeiterexistenz im Alkohol und schlechten Krimis entflieht, entschliesst er sich, seinen ehemaligen Arbeitsgeber zu überfallen.

Und damit nimmt eine nicht unbedingt originelle, aber durchaus clever arrangierte Handlung ihren Lauf. Auch „Operation Tatar“ bedient sich des Hollywood-Handbuchs für Montageanfänger, versucht im Gegensatz zu „Red Eagle“ aber nichts zu kaschieren im schnellen Schnitt: Stattdessen wird hier das Spiel mit verschiedenen Zeit- und Wahrscheinlichkeitsebenen für einen fliegenden Wechsel zwischen Actionfilm, (körperbetonter) Komödie und ein wenig Melodrama genutzt. Das mag zuweilen zwar ein wenig chaotisch wirken und gelegentlich auch amateurhaft (gerade den wiederum recht blutigen Actionszenen fehlt es, nicht unironisch für einen Heist-Movie, offensichtlich an Geld). Aber letztlich machen punktuell grossartige Einfälle (vergleiche: Waffenkauf in Ulan Baator), ein sympathisches (und zu allem bereites) Ensemble und die irgendwo zwischen ungebremstem Pioniergeist und ansteckendem Enthusiasmus angesiedelte Ausstrahlung derartiger Produktionen das alles wett.

„Operation Tatar“ will nicht allzu viel, er übernimmt sich dabei aber (im Gegensatz zu vielen, gerade auch asiatischen Beiträgen am NIFFF) nicht – und steht damit am Ende umso besser da.

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