Eine spezielle Beziehung zum Pferd

Tölter in der Hippotherapie bevorzugt!

Eine spezielle Art der Beziehung zum Pferd

08:30: Der Geschäftsführer des Hippotherapiezentrums Daniel von Gunten, selbst MS-Patient, ist bereit für seine Hippotherapie.08:30 – Der Geschäftsführer des Hippotherapiezentrums Daniel von Gunten,
selbst MS-Patient, ist bereit für seine Hippotherapie. (Foto Graziella Putrino)

 

Im Hippotherapie-Zentrum in Binningen sind Islandpferde die Hauptakteure. Mit ihnen wird heilpädagogisches, therapeutisches, Rehabilitations- und Behinderten-Reiten, sowie die Hippotherapie-K durchgeführt.

Von Graziella Putrino

Pferde sieht man in Basel kaum. Man muss schon in die nähere Umgebung fahren, mit dem Auto rund eine Viertelstunde, mit dem Bus fast dreissig Minuten, bis man in Binningen, an idyllischer Lage, auf Islandpferde trifft: An der Benkenstrasse 104 befindet sich das Hippotherapie-Zentrum, das ich während eines ganzen Vormittags besuche.

Hier treffe ich auf Daniel von Gunten. Er leidet an Multipler Sklerose und ist seit 15 Jahren Patient in dieser Infrastruktur. Vor zwei Jahren hat er die Geschäftsführung des Zentrums übernommen. Er, seine Pferdeführerin und seine Hippotherapeutin erwarten mich um acht Uhr dreissig.

Der Patient von Gunten sitzt bereits auf einem wunderschönen Islandpferd. Die Pferdeführerin steht vorne beim Kopf des Pferdes. Die Hippotherapeutin neben ihrem Patienten. Das Islandpferd, mit einem Sattel ohne Bügel und mit einem Keil beim Sattel, steht noch bei der Aufstiegsrampe.

Die Pferdeführerin und die Hippo-Physiotherapeutin
Mit ruhigen, gleichmässigen Schritten wird das ausgebildete Pferd nur mit Stallhalfter und Führleine von der Pferdeführerin zur U-förmigen Therapiebahn geführt. Die Pferdeführerin hat eine entscheidende Aufgabe: Beim Aufsteigen sorgt sie dafür, dass das Pferd ruhig und geduldig stehen bleibt. Im Therapieablauf ist sie um einen regelmässigen Schritt des Pferdes bemüht.

Die Physiotherapeutin versucht mir, wenn sie nicht gerade dem Patienten Hilfestellungen gibt, ihre Funktion folgendermassen zu schildern: „Diese Art von Therapie ist kein Reiten. Die Patienten haben keine aktive Einwirkung auf das Pferd. Sie lassen sich vom Pferd bewegen. Meine Aufgabe ist, die Bewegungsübertragung des Pferdes am Körper des Patienten zu unterstützen und optimieren.“

Nach 30 Minuten führt die Pferdeführerin das Pferd zur Rampe, wo nebst der Physiotherapeutin noch eine weitere Person dem Patienten aus dem Sattel hilft.

Die Stiftung und Ursula Künzle
Nach der Therapie stösst Ursula Künzle zu uns, die Pionierin der Hippotherapie-K. Während wir die Stallungen besuchen, erfahre ich vom Geschäftsführer von Gunten, dass die 32jährige Geschichte des Hippotherapie-Zentrums sich nicht von der Entstehung der Hippotherapie-K und demzufolge auch nicht von Ursula Künzle trennen lässt: Das „K“ steht für Künzle.

Im Gespräch erzählt Künzle, heute Chefphysiotherapeutin in der Neurologie des Universitätsspitals Basel, aus den 1960er Jahren: Damals entstanden die ersten Zentren, in denen Pferde einen wesentlichen Teil der Behandlungen von Kranken übernahmen. Im Auftrag der Neurologischen Klinik am Universitätsspital Basel, durfte sie 1966 als junge Physiotherapeutin in England in Reitbetrieben hospitieren, wo „Riding for Disabled“ praktiziert wurde.

Dabei erkannte sie, dass die Bewegung des Pferdes unter bestimmten Voraussetzungen eine wertvolle therapeutische Erweiterung der gängigen Physiotherapie sein konnte.

1979 wurde die Stiftung Hippotherapie-Zentrum Basel gegründet.  Dieser neugegründeten Stiftung überliess das Ehepaar Fünfschilling ein Gebäude mit Stall und ein grosses Gelände in Binningen. Hier konnten nun speziell geschulte Physiotherapeuten von der Neurologie Basel die Hippotherapie vielen MS-Betroffenen und Kindern mit Cerebralparese anbieten.

Physiotherapie mit Pferdehilfe

Künzle definiert Hippotherapie-K, kurz HTK, in ihrem Buch1 wie folgt: „Es handelt sich um eine Physiotherapie mit Hilfe eines Kleinpferdes, meistens eines Islandpferdes, wobei die Übertragung der Bewegung vom Pferd im Schritt auf dem Patienten therapeutisch genutzt wird.“

Die therapeutische Wirkung der HTK entsteht wie folgt: Die auf dem Pferd sitzende Person muss den Körper in drei Richtungen korrigieren, um die Bewegungen des Pferdes auszugleichen. Diese Bewegungen auf dem Pferderücken haben für den Patienten vielfältige, vorwiegend lockernde, durchblutungsfördernde, und kräftigende Effekte.

Das Besondere bei Islandspferden: Der Tölt
Neben ihrer geringen Grösse verfügen Islandpferde über einen weiteren Vorteil: Die „Zusatzgangart“ Tölt. Dabei geht das Pferd in stolzer Haltung mit hoher Aktion in der Vorderhand. Künzle schwärmt: „Der Reiter sitzt dabei beinahe erschütterungsfrei auf seinem Pferd“. Beim Tölt ist die Fussfolge des Pferdes gleich wie beim Schritt. Nur mit höherer Geschwindigkeit, so dass dabei keine sogenannte Flugphase entsteht, wie bei anderen Pferderassen.

Diese auch für den Gesunden angenehme Gangart kommt zwar in der HTK selten zur Anwendung. Aber sie fordert die Arbeit der Rückenmuskulatur des Pferdes, was sich dann bei der Therapie im Schritt für den Patienten auf dem Pferderücken positiv auswirkt.

Das Islandpferd als möglicher Therapeut
Die HTK eignet sich aber nicht nur für Personen mit neurologischen Krankeitsbildern. Auch im Bereich der Orthopädie und Rheumatologie können Betroffene von diesem Ansatz profitieren. Die Anerkennung aller Former der Hippotherapie durch die verschiedene Kostenträger, wie Krankenkassen würde es ermöglichen, weitere Patienten ganzheitlich behandeln zu können.


Literatur:

1 Ursula Künzle: Hippotherapie auf den Grundlagen der funktionellen Bewegungslehre Klein-Vogelbach. Hippotherapie-K, Theorie, praktische Anwendung, Wirksamkeitsnachweis. Springer-Verlag, Berlin 2000.

Links:

Hippotherapie-Zentrum Binningen

Schweizer Gruppe für Hippotherapie-K

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.