Didier Decoin: „Der Tod der Kitty Genovese“

Alle schauen, niemand unternimmt etwas

Didier Decoin: „Der Tod der Kitty Genovese“ (Roman)

Eine erschütternde Geschichte, erschütternd erzählt: Didier Decoin rollt den wahren Fall der Kitty Genovese auf, die am 13. März 1964 im New Yorker Stadtteil Queens Opfers eines Gewaltverbrechens wurde – 38 Zeugen schauten zu und unternahmen nichts.

Von Stephan Sigg.

dertodderkittygenoveseDas Martyrium der Italo-Amerikanerin dauert über neunzig Minuten. Am 13. März 1964 um 3.15 Uhr wird die junge Kellnerin, die gerade von ihrer Schicht nach Hause kommt, auf dem Parkplatz von einem Unbekannten angefallen, niedergestochen, vergewaltigt und am Ende ermordet. Wie die untersuchenden Behörden bei den Ermittlungen herausfinden, haben mindestens 38 Zeugen die Tat mitbekommen: Einige, die das Verbrechen durch die Fenster ihrer sicheren Wohnung beobachteten, einige, die die Frau um Hilfe schreien hörten – aber kein einziger von ihnen alarmierte die Polizei oder versuchte, Kitty Genovese zu helfen. Diese anhaltende Untätigkeit wird in der Psychologie seither als „Genovese-Syndrom“ bezeichnet. Kitty Genovese – schon über vierzig Jahre her? Die Berichte in den Medien sprechen leider eine andere Sprache: Angriffe auf öffentlichen Plätzen oder Bahnhöfen, ohne dass Passanten eingreifen, kommen immer wieder vor –  das Genovese-Syndrom ist auch Teil unserer Gegenwart.

Hättest du etwas unternommen?

Wie kann so etwas passieren?, fragt sich der Leser immer wieder und ist überzeugt, an Stelle der Zeugen anders gehandelt zu haben. Doch Didier Decoin macht gerade hier die Nagelprobe und treibt den Leser in die Enge. Decoin erzählt die Geschichte aus der Perspektive von Nathan, einem Schriftsteller, der mit seiner Frau in der Nähe des Tatorts wohnt, während des Verbrechens aber abwesend war. Nun nimmt das Ehepaar an der Gerichtsverhandlung teil und wird – nachdem das Verbrechen und die Ignoranz der Zeugen bereits mehrere Wochen in den Medien für Aufruhr gesorgt haben – hautnah mit der Abscheulichkeit der Tat und dem genauso unbegreiflichen Verhalten ihrer Nachbarn, die sie bisher als liebenswürdige Zeitgenossen wahrgenommen haben, konfrontiert. Auch wenn Nathan und seine Frau eine reine Weste haben, wissen sie, dass sie – und eben auch der Leser – mit den Zeugen im gleichen Boot sitzen. Die Frage, die während der ganzen Lektüre im Raum steht, wird erst am Schluss ausgesprochen, schmettert dann aber den Ball dem Protagonisten wie dem Leser mit voller Wucht entgegen. Im letzten Satz fragt Giulia ihren Mann Nathan: „Bist du dir denn so sicher, dass du etwas unternommen hättest, Nathan?“

Plädoyer für Zivilcourage

„Der Tod der Kitty Genovese“ zieht einen in den Bann – nicht nur wegen der Brutalität des Überfalls, sondern auch wegen Decoins strengen Stils: Gekonnt switcht er zwischen Rückblende und Gerichtsverhandlung hin und her. Liebevoll beschreibt er Kittys Alltag, nüchtern hingegen das Leben des Täters, im Prozessgeschehen wiederum gibt er die nackten Zitate des Staatsanwaltes, des Anwaltes, des Angeklagten und der Zeugen wieder. Man hat es hier mit einem Tatsachenroman zu tun, der einen auch nach der Lektüre noch lange beschäftigt. Decoin bemüht sich, die Ereignisse der Mordnacht möglichst wahrheitsgetreu zu schildern. Kein Zweifel: Sein Buch ist Truman Capotes „Kaltblütig“ ebenbürtig. Es ist zu wünschen, dass diese Dokumentation von Genoveses Sterben viele erreicht und zum Nachdenken bringt. Als Plädoyer für Zivilcourage sollte man es zur Pflichtlektüre für den Schulunterricht erklären.


Titel: Der Tod der Kitty Genovese
Autor: Didier Decoin
Übersetzung: Bettina Bach
Verlag: Arche
Seiten: 160 Seiten

Richtpreis: CHF 28.90


Hintergründe zum Fall Kitty Genovese

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