Wladimir Makanin: “Benzinkönig”

Die Absurdität des Krieges

Wladimir Makanin: “Benzinkönig” (Roman)

Kriege kennen keine Regeln. Schon gar nicht ein Krieg, der keine Fronten hat und dessen Hintergründe für viele der Involvierten undurchsichtig ist, wie jener vor noch nicht allzu langer Zeit in Tschetschenien. In diesem täglichen Chaos aus Recht und Unrecht, Feind und Freund versucht der “Benzinkönig” Major Schilin etwas Ordnung zu schaffen – der Altmeister der russischen Literatur Wladimir Makanin erzählt in seinem zehnten Roman vom Kampf eines Einzelnen gegen die höhere Gewalt.

Von Lisa Letnansky.

BenzinkönigAls russischer Major im Tschetschenienkrieg war Schilin zunächst als Bauleiter tätig, also in jenem Bereich, in dem er sich bereits von früher her auskannte. Als die Situation im Krisengebiet aber langsam brenzlig wurde und sowohl Kameraden als auch Vorgesetzte allesamt nach und nach desertierten oder sich versetzen liessen, sieht sich Schilin auf einmal verlassen und allein – und zudem noch verantwortlich für ein Benzin- und Heizöllager. In die Ecke gedrängt und den eigenen Tod vor Augen entwickelt er jedoch erstaunliche Fähigkeiten in Verhandlung und Organisation und schafft so eine kleine Insel der Ordnung inmitten des alltäglichen Chaos des Krieges.

Ein selbstgekrönter König

Da er seine Geschäfte nicht nur mit Landsmännern, sondern auch mit Tschetschenen abwickelt und zu der Ware stets auch die fristgerechte Lieferung durch Krisenherde und Hinterhalte garantiert, zollt ihm praktisch jeder, der ihm über den Weg läuft, wenn nicht Hochachtung, so doch zumindest einen gewissen Respekt. Man ist auf ihn angewiesen, wer würde denn sonst diesen undankbaren Job erledigen? Dass Schilin dabei den Erlös von jedem zehnten Fass Benzin in die eigene Tasche steckt, stört die wenigsten.

Auch Schilin selbst ist sich der Abhängigkeit der umliegenden Truppen und Bauern von ihm durchaus bewusst und entwickelt mit der Zeit ein Selbstbewusstsein, das an Grössenwahn grenzt: “Major Schilin ist schliesslich der Benzinkönig. Das wissen alle. Den König stellt man nicht zur Rede. Dem König wirft man die Krone nicht vor.” Einer geladenen Kalaschnikow schaut er gelassen in den Lauf, er fühlt sich seines Lebens sicher, der Schütze würde sich mit seinem Tod ja ins eigene Fleisch schneiden.

Benzin und Blut

Diese Selbst- und Fremdüberhöhung des selbstgekrönten Benzinkönigs steigert Makanin mit vielen kleinen Anspielungen  ins Mythisch-Metaphorische. Von der tschetschenischen Bevölkerung, die Mühe damit hat, den Namen Alexander auszusprechen, hat Schilin den Spitznamen Assan erhalten (so lautet übrigens auch der Titel der russischen Originalausgabe). Assan ist aber auch der Name einer uralten Gottheit der Bergbewohner, ein Rachegott in Gestalt eines riesigen Vogels mit zupackenden Klauen, die auch gerne einmal Blutrache fordert. Nachdem der Gott eigentlich schon in Vergessenheit geraten war, haben ihn die Widerstandskämpfer für Ihre Sache wiederentdeckt: “Assan will Blut!”, tönt der Schlachtruf unentwegt aus dem Radio. Major Schilin ist quasi die moderne Verkörperung dieser mythischen Gestalt: “Benzin ist das Blut des Krieges”, erklärt er kurzerhand, für sein Benzin und das daraus entspringende Geld würde er fast alles tun, seine leere Hosentasche ist ein “aufgesperrter Rachen, hungrig und durstig”, in den man Geld hineinwerfen muss, um ihn zu besänftigen.

Den Krieg erklären

Diese Gegenüberstellung von realer und mythischer Figur, von Vergangenheit und Gegenwart, Geld und Blut bildet den zwar nicht explizit ausformulierten, aber in formelhaft wiederkehrenden Anspielungen immer präsenten Rahmen für Schilins Schilderungen des Alltags in einem Krisengebiet des Tschetschenienkriegs. Denn daraus besteht der Grossteil von Makanins Roman: Wie kann ein Mensch in einem Krieg überleben, wenn er nicht an den höheren Sinn dahinter glaubt? Was macht er den ganzen Tag, mit wem unterhält er sich über was? Wie geht er um mit Heimweh, Freundschaften und der stets mindestens im Hintergrund lauernden Gewalt? In zum Teil protokollartigen Aufzeichnungen und zum Teil etwas ausführlicheren Erzählungen, jedoch nie abschweifend oder fabulierend, sondern stets auf die Prägnanz der Kürze bedacht, zeigt Makanin, dass im Krieg ein Leben nicht möglich ist – höchstens ein Überleben. Lange hat Schilin für sich selbst eine Erklärung für den Krieg gesucht und schliesslich eine gefunden, die auch als Hauptaussage von Makanins Roman gelten kann. „Sie ist einfach: Der Krieg ist an sich absurd. Solange er nicht zu Ende ist.“


Titel: Benzinkönig
Autor: Wladimir Makanin
Übersetzerin: Annelore Nitschke
Verlag: Luchterhand
Seiten: 480
Richtpreis: CHF 35.90

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