Ein Spiegel für Bill Callahan und die Welt

Bill Callahan – Apocalypse

Ein Spiegel für Bill Callahan und die Welt

Bild: http://www.dragcity.com/
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Mit seinem dritten Album unter seinem bürgerlichen Namen gelang Bill Callahan eine beeindruckende Introspektion auf sich als Musiker, Mensch und Bürger von Amerika. Ein Album voll in typisch amerikanischen Metaphern ausgedrückten Reflexionen über sein Land, seine Leute und sich selbst. Schon seit gut zwanzig Jahren ist Bill Callahan, früher als Smog unterwegs, eine feste Grösse am amerikanischen Songwriter-Himmel. Mit „Apocalypse“ hat er wieder einmal bestätigt wieso.

Seit 1992 veröffentlichte Bill Callahan fast jedes Jahr ein neues Album. Bis 2005 war er noch unter dem Namen Smog unterwegs, „Apocalypse“ ist – nach „Woke On A Whaleheart“ von 2007 und „Sometimes I Wish We Were An Eagle“ von 2009 – sein drittes Album, das er unter seinem richtigen Namen Bill Callahan veröffentlicht. Ein beeindruckender Output also: Seit 1992 sammelten sich so insgesamt fünfzehn Alben von Bill Callahan auf dem Label Drag City an, auf dem auch Künstler wie Will Oldham alias Bonnie „Prince“ Billy und Joanna Newsom zuhause sind.

Man hört deutlich, wieso Bill Callahan auch den Post-Punk Leonard Cohen genannt wird. Reduzierte Lo-Fi-Songs, die in kryptischen Metaphern und mit seinem distanziert beobachtendem Bariton von den menschlichen Abgründen und den unterschiedlichsten Problemen, die das Menschsein so mit sich bringt, berichten.

Die grösste Qualität von „Apocalypse“ ist jedoch seine konzeptuelle Anlage. Nur sieben Songs sind auf der Platte enthalten, doch damit spannt Callahan den Bogen von seinen Beziehungsproblemen und seine Rolle als Amerikaner über seine Angst vor Abschieden und die Freiheit, die von der Fähigkeit loszulassen kommt, bis zum unweigerlichen Ende seines Weges, seiner Apokalypse. Selten wird in vierzig Minuten Musik so intensiv mit Emotionen um sich geworfen, ohne einen Augenblick sentimental zu wirken. Neben den distanzierten, mit Metaphern gespickten Texten und Callahans fast schon beiläufigem Bariton sorgt auch die reduzierte, zurückhaltende Instrumentierung dafür, dass nie ein Gefühl von Kitsch oder überflüssiger Emotionalität aufkommt.

Meistens genügt Callahan eine akustische Gitarre, ein wenig Banjo, ein zurückhaltendes Schlagzeug um seine Songs zu arrangieren. Deshalb wirken auch sparsam eingesetzte Arrangements-Tricks wie die bluesig verzerrte Gitarre zum Beispiel in „America“, die zarten Querflöten-Tupfer unter anderem in „Drover“ und in „Universal Applicant“ oder das balladeske Piano in „One Fine Morning“ umso mehr. Die Songs wirken beim ersten Hören eher wie Skizzen, als fertige Arrangements. Doch je mehr man sich in das Album hineinhört, desto deutlicher merkt man, wie alles in sich stimmt.

Wenn er im Opener „Drover“ über einen rollenden Countrybeat über seine Rolle als Viehtreiber (eine Metapher für ihn als Künstler?) reflektiert oder in „America“ ironisch doch liebevoll über sein Heimatland singt und sich dabei mit einer Rock’n’Roll-artigen Leadgitarre begleitet, dann zeigt sich, dass die Songs äusserst sorgfältig ausgearbeitet sind.

Eines von Callahans Meisterstücken ist sicherlich der letzte Song: „One Fine Morning“. In Western-getränkten Metaphern stilisiert er den Tod, seine persönliche Apokalypse, zu einem einsamen Davonreiten in den Sonnenaufgang. Mit seinem gemächlichen Bariton, ruhiger Gitarrenbegleitung und einigen schweren Pianoakkorden schafft er es über knapp neun Minuten die Aufmerksamkeit des Zuhörers zu fesseln und dem düsteren Thema eine ruhige, friedliche Abschlussstimmung zu geben. Es ist sowieso eine der grossen Meisterschaften von Bill Callahan auf ehrliche direkte, unsentimentale Art und Weise über die kleinen und grossen Dramen der Menschen zu singen.

Er beginnt seine „Apocalypse“ mit der Phrase „The real people went away“ und endet mit „For I am a part of the road/ The hardest part.“. Dazwischen liegt ein langer Weg, den es zu verfolgen lohnt. Denn selten werden die grossen Themen der Popmusik so ehrlich und unaffektiert angepackt wie auf dem neusten Wurf vom Bill Callahan.


Links:

www.plattfon.ch

www.dragcity.com/products/apocalypse


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