Laurence C. Smith: “Die Welt ihm Jahr 2025”

Wissenschaftlicher Blick in die Zukunft

Laurence C. Smith: “Die Welt ihm Jahr 2025” (Sachbuch)

Niemand weiss mit Sicherheit, wie die Welt in 50 Jahren aussehen wird. Um abschätzen zu können, wie sie wahrscheinlich aussehen wird, scheinen die bisherigen Forschungen der Klima- und Globalisierungsforscher jedoch zu reichen. Laurence C. Smith, ein anerkannter amerikanischer Klimatologe, wirft in seinem Buch einen faszinierenden Blick in diese wahrscheinliche Zukunft.

Von Lukas Hunziker.

dieweltimjahr2050Trotz des zunehmenden Bewusstseins für die Gefahren des Klimawandels wird der Begriff noch immer weitläufig missverstanden. Wenn es im April noch einmal schneit, scheint das halbe Land darin die globale Erwärmung als Hirngespinst entlarvt zu sehen, wenn es im Juni fast nur regnet, wünschen sich viele den Klimawandel herbei, hoffend, dass er mehr Badewetter mit sich bringe. Das zweite, noch weiter verbreitete Missverständnis besteht darin, zu glauben, dass ein höherer Meeresspiegel und mildere Winter die einzigen Herausforderungen sind, welche in diesem Jahrhundert auf uns zukommen. Diesem verbreiteten Unwissen über unsere Zukunft versucht Laurence C. Smith abzuhelfen. Sein Buch “Die Welt im Jahr 2050” beschreibt praktisch ohne Fachlatein, was genau Klimawandel ist, welche Folgen er mit sich bringt und welche anderen Kräfte dazu beitragen, dass die Welt im Jahr 2050 ziemlich anders aussehen wird, als sie das heute tut.

Wer über die Zukunft schreibt, wird wohl nicht ganz zu unrecht skeptisch beäugt, wissen wir doch, dass nicht einmal der Wetterbericht es schafft, mit Zuverlässigkeit mehr als ein paar Stunden in die Zukunft zu schauen. Smith jedoch ist keiner jener illustren Gestalten, die vor Tarotkarten oder hinter einer Kristallkugel sitzen, sondern ein mehrfach ausgezeichneter Wissenschaftler, der als Berater in Sachen Klimawandel für die US-Regierung tätig war und bedeutende Teile zum 4. Uno-Weltklimabericht beitrug. Entsprechend wissenschaftlich und sachlich ist sein Ansatz; unsichere Faktoren berücksichtigt er für sein Zukunftsmodell aus Prinzip nicht, mögliche, aber unwahrscheinliche Entwicklungen, wie z.B. einen Atomkrieg oder unvorhergesehene Klimaphänomene, bezieht er ebenfalls nicht ein. Was bleibt, ist eine Studie der vier globalen Kräfte, welche unsere Zukunft im Wesentlichen bestimmen werden: Klimawandel, Bevölkerungswachstum, Globalisierung und Rohstoffknappheit.

Kein Öl, wenig Wasser

Man muss kein Genie sein, um zu erraten, dass alle diese Faktoren unser Leben wohl eher negativ als positiv beeinflussen werden. Gerade die Bevölkerungsentwicklung der nächsten fünfzig Jahre ist eine Bedrohung, derer wir uns kaum bewusst sind. Im 20. Jahrhundert wuchs die Weltbevölkerung von 1,6 auf 6,1 Milliarden, noch dieses Jahr werden wir wohl die 7-Milliarden-Grenze knacken und uns auf die nächste Milliarde zubewegen. Mehr Menschen verbrauchen bekanntlich mehr Rohstoffe, aber während die Weltbevölkerung wächst, werden viele Rohstoffe immer knapper. Gold, Zinn, Zink, Blei und Kupfer z.B. werden in 50 Jahren nicht mehr als natürlicher Rohstoff vorkommen, sondern können nur noch recycelt werden. Doch es sind andere Rohstoffe, deren Verlust die Welt wesentlich nachhaltiger verändern werden, wie Eisen, Erdgas, Erdöl und – Wasser.

Letzteres wird es zwar immer geben, aber an immer weniger Orten in Form von einfach zugänglichem Grundwasser. Wo es keine natürlichen Gewässer gibt, wird die Bevölkerung auf den Wasserimport angewiesen sein – eine denkbar unheimliche Vorstellung, wenn Leben und Tod von einer Importware abhängen. Kriege um Wasser sind zwar nicht Teil von Smiths Zukunftsmodell, sind aber durchaus denkbar, genauso wie Kriege um die letzten Ölvorräte. Wer diese Kriege führen wird, ist allerdings noch ungewiss; denn auch politisch wird sich in den nächsten Jahrzehnten so einiges verändern. Das oben erwähnte Bevölkerungswachstum wird sich nämlich vor allem in Afrika, Südamerika und Asien abspielen, während die westlichen Industrienationen wegen stetig sinkenden Geburtenraten kontinuierlich überaltern werden. Wirtschaftlich wird die Welt von Ländern wie China, Indien oder Brasilien dominiert werden, während die wirtschaftliche Zukunft im Westen nur für eine kleine Anzahl Staaten gut aussieht.

Trumpfkarte Polarmeer

Diese Staaten sind Russland, Kanada, die USA, Island, Norwegen, Schweden, Finnland und Dänemark, die eines gemeinsam haben: Sie grenzen nördlich an das Polarmeer, weshalb man sie auch als NORCs bezeichnet (Northern Rim Countries). Im zweiten Teil seines Buches geht Smith vor allem auf das Entwicklungspotential dieser acht Staaten ein, da deren nördliche Regionen durch den Klimawandel Zugang zu Bodenschätzen im Polarmeer erhalten und durch das mildere Klima wohl auch bevölkerungstauglich werden. Der Rückzug des Polareises wird beispielsweise die Schifffahrt entlang den nördlichen Küsten für eine wesentlich längere Zeit pro Jahr möglich machen, worin erhebliches wirtschaftliches Potential liegt.

Dies soll allerdings nicht heissen, dass man, um vom Klimawandel nicht belästigt zu werden, einfach nach Sibirien umziehen kann (nicht vergessen: Die Winter werden dort zwar milder, aber die Sonne scheint trotzdem nicht öfter). Selbst den NORCs stehen ungeahnte klimatische Herausforderungen bevor. So könnte beispielsweise das Verschwinden des Permafrostes dazu führen, dass Strassen, Eisenbahnlinien und sogar ganze Ortschaften quasi im Morast versinken. Dazu kommen zahlreiche andere Faktoren, die es unwahrscheinlich machen, dass der Klimawandel den hohen Norden in ein Paradies verwandelt.

Knallharte Recherchen butterweich erzählt

Die Welt im Jahr 2050 wird vielerorts ein hartes Pflaster sein, das macht Smiths Buch klar. Dennoch handelt es sich dabei keineswegs um eine deprimierende Beschreibung des kommenden Weltuntergangs, sondern um eine fundierte, gründliche und enorm spannende Auseinandersetzung mit den grössten globalen Herausforderungen, welche uns im angebrochenen Jahrhundert erwarten. Dazu kommt, dass Smith überhaupt nicht nur für Wissenschaftsinteressierte schreibt, sondern das Buch klar für ein breites Publikum geschrieben hat. Nicht nur vermag er komplizierte Zusammenhänge nachvollziehbar zu erklären, sondern er lässt seine wissenschaftliche Analyse auch durch persönliche Anekdoten und Schilderung interessanter Ereignisse quasi zur Erzählung werden. Kurz, das Buch liest sich spannend und flüssig, auch wenn man kaum etwas über Klimaforschung, Globalisierung und Demographie weiss.

“Die Welt im Jahr 2050” ist alles, was ein Sachbuch sein soll: sachlich, fundiert und umfassend, aber gleichzeitig auch einfach zugänglich und spannend geschrieben. Wem die Zukunft nicht egal ist, dem sei das Buch wärmstens empfohlen.


Titel: Die Welt im Jahr 2050
Autor: Laurence C. Smith
Übersetzung: Martin Pfeiffer, Udo Rennert
Verlag: DVA
Seiten: 480
Richtpreis: CHF 39.90


Lukas Hunziker

Lukas Hunziker ist Gymnasiallehrer für Deutsch und Englisch. In seinem Garten stehen drei Bäume, in seinem Treppenhaus ein Katzenbaum. Er schreibt seit 2007 für nahaufnahmen.ch.

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