Volkmar Sigusch: “Auf der Suche nach der sexuellen Freiheit”

Hetero? Homo? Trans? Bi? Neo?!

Volkmar Sigusch: “Auf der Suche nach der sexuellen Freiheit. Über Sexualforschung und Politik” (Sachbuch)

Der Titel „Auf der Suche nach der sexuellen Freiheit“ macht einen glauben, es handle sich bei dieser Publikation um einen esoterischen Ratgeber oder um die Memoiren eines Althippies. Doch weit gefehlt! Bei Volkmar Siguschs neuem Buch dreht sich alles um die Wissenschaft der Sexualität und um Fragen, wie die körperliche Liebe mit der Politik verknüpft ist.

Von Melanie Martin.

aufdersuchenachdersexuellenfreiheitSchnee von gestern ist die Aussage, Sexualität sei ein Politikum. Schon seit langer Zeit kämpfen Frauenrechtlerinnen, Homosexuelle, Bisexuelle und viele mehr um die politisch-rechtliche Anerkennung ihrer Sexualitäten. Auch Volkmar Sigusch setzt sich dafür ein, Licht in die Tabubereiche der körperlichen Liebe zu bringen, und zwar mittels der Sexualforschung. Im Jahr 1972 wurde der Arzt und Soziologe an den neu eingerichteten Frankfurter Lehrstuhl für Sexualwissenschaft berufen. Dort gründete er das gleichnamige Institut und publizierte mehrere Werke, wie beispielsweise „Neosexualitäten“, „Geschichten der Sexualwissenschaft“ und zusammen mit Günter Grau das „Personenlexikon der Sexualforschung“.

Grenzziehung zwischen Norm und Perversion

In dieser neuen Publikation sind keine geringeren Fragen zu klären als: Gibt es wirklich nur zwei Geschlechter in unserer Kultur? Besteht zwischen dem katholischen Zölibat und dem Kindsmissbrauch ein Zusammenhang? Ist das Verliebtsein in tote Gegenstände eine neue Krankheit? Gibt es eine Weltsexualität? So unterschiedlich die Fragen, so verschieden sind die Kapitel, welche diese Themenbereiche beleuchten sollen. Die Beiträge reichen von Interviews und veröffentlichten Artikeln über theoretische Abhandlungen bis hin zu Briefwechseln. All diese Texte hat Herr Sigusch im Verlauf seiner wissenschaftlichen und politischen Aktivitäten gesammelt oder verfasst. Es ist erfrischend, dass beim Thema Sexualität für einmal nicht die Medienwirksamkeit im Vordergrund steht, sondern der wissenschaftliche Gehalt.

Das Verhängnis

Trotzdem gelingt es dem Buch leider nicht zu überzeugen. Die Vielfältigkeit, die es anstrebt, wird zu seinem Verhängnis. Das Sammelsurium an Beiträgen fügt sich nicht zu einer Einheit zusammen, sondern kippt von einem Extrem ins andere. Der Schreibstil ist mal abgehoben theoretisch, mal unwissenschaftlich populär. Die Satzstrukturen sind mal komplex und überladen mit wissenschaftlichen Ausdrücken, mal erinnern Passagen an die Regenbogenpresse mit ihrer fehlenden Differenziertheit. Ein konkretes Zielpublikum scheint zu fehlen und es fällt als Leserin schwer, in einen angenehmen Lesefluss zu finden.

Die Irritation

Eine gewisse Irritation verursacht schliesslich die Tatsache, dass die Sexualität der Frauen in dieser Publikation kein Gegenstand von akademischem Interesse zu sein scheint. Ausgenommen im Kapitel zur Prostitution wird die weibliche Liebe, ob hetero- oder gleichgeschlechtlich, kaum thematisiert. Im Kapitel zu Homosexualität fehlt der Bezug zu lesbischen Beziehungen fast gänzlich. Auch die Forschungsergebnisse zu Transsexuellen scheinen ausschliesslich auf männlichen Fallbeispielen zu beruhen. Die männlichen Forscher der akademischen Wissenschaft haben über Jahrhunderte hinweg die Sexualität der Frauen definiert. Haben sie sich nun entschieden, gänzlich über diese zu schweigen, anstatt sie wissenschaftlich fundiert zu erforschen?

Weniger ist mehr

Nichtsdestotrotz bietet „Auf der Suche nach der sexuellen Freiheit“ interessante Perspektiven auf viele Tabuthemen. Die Schlussfolgerung: das Buch in einer Bibliothek ausleihen und lediglich diejenigen Kapitel zu Gemüte führen, für welche Sie sich spezifisch interessieren. In seiner Gesamtheit ist das Buch – zumindest für eine nicht akademische Leserschaft – kaum zu empfehlen.


Titel: Auf der Suche nach der sexuellen Freiheit. Über Sexualforschung und Politik
Autor: Volkmar Sigusch
Verlag: Campus Verlag
Seiten: 273
Richtpreis: CHF 39.90

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.