“Small World” von Bruno Chiche

Erinnern durch Vergessen

“Small World” von Bruno Chiche

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Die Verfilmung des Erfolgsromans von Martin Suter wartet mit einem gewohnt brillanten Gérard Depardieu auf. Dem Vergleich mit dem Roman hält sie aber nicht stand.

Von Sandra Despont.

Es beginnt damit, dass Konrad Lang eine Luxusvilla abfackelt, weil er das Brennholz für das Kaminfeuer statt im Kamin direkt unter einer Wäscheleine platziert. Die Villa, in der er als Hausmeister arbeitet, gehört Familie Senn, in der Konrad als Sohn eines Dienstmädchens und enger Freund von Thomas Senn aufgewachsen war. Konrad kommt zwar neuerdings weder mit dem kontrollierten Feuermachen noch mit so alltäglichen Vorgängen wie dem Bezahlen an einer Supermarktkasse zurecht, dafür scheint er Zugang zu seinen frühesten Kindheitserinnerungen wiederzuerlangen. Und das, so wird immer klarer, kann Elvira Senn, die Matriarchin der Familie, nicht zulassen.

Einem Familiengeheimnis auf der Spur

Während Elvira angesichts von Konrads unheimlichem Erinnerungsvermögen immer beunruhigter und Thomas immer genervter wird, kümmert sich Simone, die Frau von Thomas’ Sohn Philippe, rührend um den Alten. Die junge Frau hat erst kürzlich in die Familie eingeheiratet und fühlt sich im riesigen Senn’schen Anwesen und der alterwürdigen Steifheit des Grossindustriellenhaushalts einigermassen alleingelassen. Auch in ihrer Ehe läuft nicht alles wie geplant. Als Elvira veranlasst, dass Konrad im Gästehaus der Villa untergebracht wird, verbringt Simone immer mehr Zeit mit ihm und kommt langsam, aber sicher dem wohlgehüteten Geheimnis der Familie Senn auf die Spur.

Viel Verlust, kleiner Gewinn

Es ist mit „Small World“ wie mit so vielen Literaturverfilmungen: Durch sie wird oft erst deutlich, was wir an einem Roman so lieben, warum wir ihn immer und immer wieder mit Begeisterung lesen. Wie handlungsreich, wie komplex, wie geschickt ausgedacht und wie liebevoll ausgestaltet Martin Suters Erfolgsroman „Small World“ ist, könnte durch die Verkürzung auf 94 Filmminuten nicht klarer werden. Was im Film keinen Platz fand, ist es, was den Roman ausgemacht hat: Die liebevollen Schilderungen des Sonderlings Konrad Lang, die erschütternde und gleichzeitig komische Darstellung der Krankheit Alzheimer, die rührende Liebesgeschichte zwischen Konrad und Rosemarie Haug (die in dem Film ganz wegfällt bzw. halbherzig durch eine kleine Tändelei Konrads mit der Exfrau von Thomas Senn ersetzt wird), das packende und bloss ganz allmählich gelüftete Rätsel um die Vergangenheit der Familie Senn.

© Studio / Produzent
© Studio / Produzent

Von all dem ist im Film leider nicht viel übrig geblieben. Einige Charaktere sind allzu holzschnittartig geraten, die Handlung schreitet mit Siebenmeilenstiefeln voran, die Entwicklungen scheinen allzu absehbar, ohne dass die Zeit reichen würde, mehr als einige wenige einprägsame Momente zu gestalten. Nicht einmal eine noch so ordentliche Machart, nicht einmal ein so grandioser Schauspieler wie Gérard Depardieu kann diese Mängel, insbesondere den Mangel an Komplexität sowohl in der Figurenzeichnung als auch in der Handlung, ausgleichen. Und so ergeht es einem wie so oft mit Literaturverfilmungen, deren Vorlage man kennt und liebt: Man vermisst in der Verfilmung mehr, als dass man durch sie gewinnt.

„Small World“ eröffnet keine neue, keine spannende, keine bereichernde Sicht auf den Roman und opfert viele der witzigsten und bewegendsten Szenen des Buches der filmischen Erzählweise, kommt keiner seiner Figuren wirklich nahe, verflacht die Komplexität des Romans gnadenlos; aber nichtsdestotrotz ist „Small World“ kein schlechter Film. Wer mit Suters Roman nicht vertraut ist, wird am ausgezeichneten Cast und an der stringenten, vorwärts drängenden Erzählweise durchaus seine Freude haben können. Der Film ist sorgfältig inszeniert und angesichts der kurzen Zeit, die den Schauspielern bleibt, um verschiedene Aspekte ihrer Figuren herauszuarbeiten, gewinnen einige sogar ein wenig an Tiefe.

Ausstattung

Making of und das Featurette zur Weltpremiere gehen, wie so oft, nicht weit über die gegenseitige Beweihräucherung hinaus. Die Interviews sind etwas aufschlussreicher, aber eher kurz.


Seit dem 10. Juni 2011 im Handel.

Originaltitel: Small World (Frankreich, Deutschland 2010)            
Regie: Bruno Chiche
Darsteller: Gérard Depardieu, Alexandra Maria Lara, Nathalie Baye, Niels Arestrup, Françoise Fabian, Féodor Atkine, Yannick Renier, Pascale Arbillot, Anne Benoît
Genre: Drama
Dauer: 94 Minuten
Bildformat: 16:9
Sprachen: Deutsch, Französisch
Untertitel: Deutsch
Audio: DolbyDigital 5.1
Bonusmaterial: Featurette Weltpremiere, 6 Making of-Featurettes, deutscher und französischer Kinotrailer, Interviews mit Alexandra Maria Lara und Martin Suter
Vertrieb: Warner

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