Mario Andreotti: „Die Struktur der modernen Literatur“

Für Germanisten – und alle anderen

Mario Andreotti: „Die Struktur der modernen Literatur“ (Sachbuch)

Längst kann „Die Struktur der modernen Literatur“ des Germanistikprofessors Mario Andreotti als Standardwerk gelten. Mit der 4., vollständig neu überarbeiteten und aktualisierten Auflage führt Andreotti seine Betrachtungen und Analysen moderner Literatur nun bis in die Gegenwart hinein. Wer angesichts der Verwandlung von Menschen in Käfer schon immer ratlos war, wer in „Berlin Alexanderplatz“ vergeblich nach einem verlässlichen Erzähler gesucht oder sich über die Abwesenheit des Reims in moderner Lyrik gewundert hat, wird dank Andreottis Buch den Eigenheiten der modernen Literatur und damit auch einem neuen Verständnis für moderne Texte näher kommen.

Von Sandra Despont.

strukturdermodernenliteratur„Die Struktur der modernen Literatur“ startet mit einer Beruhigung und setzt damit genau dort an, wo die meisten passionierten Leser traditioneller Literatur stehen, die angesichts moderner Texte fragend die Augenbrauen hochziehen und zweifelnd die Stirn runzeln. Denn wahrhaft moderne Texte durchkreuzen allzu oft unsere Leseerwartungen, passen meist nicht zu herkömmlichen Deutungsstrategien und lösen damit Verwirrung, wenn nicht gar Ablehnung aus. Gibt es aber Interpretationskriterien, wie sie den meisten von uns von der Lektüre traditioneller Texte vertraut sind, auch für Texte der Moderne? Ja, meint Andreotti, es gibt sie.

Hinwendung zur Form

Die erste Klärung betrifft den Begriff der „Moderne“. Mario Andreotti legt grossen Wert auf die Unterscheidung zwischen „modern“ und „gegenwärtig“ oder „zeitgenössisch“, und das zu Recht. Er räumt damit das grosse Missverständnis aus, dass Literatur quasi nach Erscheinungsjahr einer literarischen Strömung zugeordnet werden kann und so die Texte von Autoren wie Thomas Mann oder Siegfried Lenz zur Moderne gehören müssen, obwohl sie in einer viel älteren Erzähltradition stehen. Andreotti macht die Unterscheidung zwischen traditionellen und modernen Texten statt am Zeitpunkt der Entstehung deshalb vielmehr an strukturellen Veränderungen in der Gestaltung der Figuren und der fiktionalen Wirklichkeit im Text fest. Mit der Abwendung von der gängigen Hermeneutik und der Hinwendung zu einer Methode der systematischen Analyse, die auch Schluss macht mit der Zweiteilung der literarischen Texte in Inhalt einerseits und Form andererseits und diesen Dualismus durch eine ganzheitliche Betrachtungsweise ersetzt, ist viel gewonnen, denn durch den Vergleich von Figuren- und Wirklichkeitsgestaltung in traditionellen und modernen Texten lassen sich Merkmale moderner Literatur hervorragend herausarbeiten. Immer wieder verbindet Andreotti seine theoretischen Überlegungen dazu mit kurzen Textanalysen, in denen  er seine Erkenntnisse gut nachvollziehbar macht. Sowohl Texte der klassischen Moderne wie Kafkas „Verwandlung“ oder Döblins „Berlin Alexanderplatz“ als auch zeitgenössische Autoren und Autorinnen kommen dabei zum Zug.

Unendlich brauchbar, ungemein aktuell

„Unendliche() Brauchbarkeit“ attestierte Martin Walser Andreottis Buch, und diese Brauchbarkeit ist in der vierten Auflage noch vermehrt worden: Zu den alles andere als banalen, ein ideales Mass von Wiederholung und Weiterführung beinhaltenden Übungen finden sich im Internet neu auch Lösungsvorschläge. Dazu kommt der dankenswerte Einbezug von avantgardistischen Formen wie Popliteratur, Beat, Rap und Slam Poetry. „Die Struktur der modernen Literatur“ schafft so ein grundlegendes Verständnis für die moderne Literatur und mit dieser Literatur verbundene Begriffe wie Verfremdung, Subjektkritik, Sprachkrise, gestische Figur und Montage, rollt zugleich in einem grossen Rundumschlag Grundlegendes wie Erzählsituationen, Gattungstheoretisches und Epochengeschichtliches noch einmal auf und garantiert durch das weite Ausholen, dass kein einziger williger Leser an einem Fachbegriff scheitert. Immer wieder stellt Andreotti in beeindruckend präzisen, dichten tabellarischen Darstellungen das traditionelle dem modernen Erzählen gegenüber, so dass man als Leser rasch einen Überblick gewinnen kann. Und trotz einer bewussten Konzentration auf den Text selbst, auf ein textimmanentes Vorgehen, gelingt es Andreotti die geistesgeschichtlichen, wissenschaftlichen und technischen Entwicklungen mit literarischen Tendenzen in Verbindung zu bringen und damit die literarischen Werke in ihrer Zeit bzw. als Reaktion auf Entwicklungen der Zeit zu verankern.

Dicht, präzis, eminent lesbar

Andreottis Buch, das mit Anmerkungen, ausführlichem Glossar und Namensregister ganze 488 Seiten umfasst, mag auf den ersten Blick eine lange, langatmige, harzige Lektüre verheissen. Doch bereits nach wenigen Seiten ist klar, dass man es bei dem Autoren mit einem klugen Didaktiker, sorgfältigen Sprachbenutzer und stilistisch sicheren Schreiber zu tun hat, der seinen Lesern bei aller Komplexität des Themas nicht auch noch einen undurchschaubaren Text zumuten mag. Die leichte Verständlichkeit, die Klarheit in den Formulierungen, die umfassende Folgerichtigkeit, mit der Andreotti seine Gedanken entwickelt, sind denn auch die grosse Stärke von „Die Struktur der modernen Literatur“. Was wie ein Buch für ein kleines Fachpublikum aussieht, ist viel mehr: Es ist ein Buch, das jedem und jeder, der beruflich mit Literatur zu tun hat oder privat liest, unbedingt empfohlen werden kann, seien dies GermanistInnen, AutorInnen, KritierInnen oder schlicht leidenschaftlichen LeserInnen, die ihre Lektüre besser einordnen wollen können. Wer prätentiöse Germanistenwortklauberei erwartet, wer abgehobenen Wissenschaftsstil fürchtet, wird von der leichten Lesbarkeit und der Eleganz, mit der Andreotti komplexe Sachverhalte vorträgt, begeistert sein. Wer andererseits befüchtet, ein triviales, für ein breites Laienpublikum geschriebenes und damit die Dinge stark vereinfachendes oder sie gar verzerrendes Sachbuch in der Hand zu halten, irrt. Andreottis Buch ist zwar durchwegs verständlich, teilweise gewollt redundant, oft werden ganze Entwicklungen extrem verdichtet präsentiert, doch keineswegs auf Kosten der sachlichen Korrektheit. Die Kombination von eminenter Lesbarkeit und präziser, glaubhafter Information macht Andreottis Buch zu einem Standardwerk der Germanistik, das aber auf keinen Fall Germanisten vorbehalten bleiben sollte.

Mario Andreotti leistet mit „Die Struktur der modernen Literatur“ eine Menge. Mit seinem umfassenden Blick bietet er nicht bloss einen Zugang zur Deutung moderner Texte, sondern bettet diese durch ausführliche Rückgriffe in die Gattungsgeschichte auch so in die Literaturgeschichte ein, dass man wie nebenbei eine Menge über Epochen, Gattungen, Autoren und ihre Themen erfährt. Vor allem aber gelingt es ihm, bisher hilflos vor modernen Texten stehenden und sich deshalb lieber in die vertrauten Erzählmuster traditioneller Literatur zurückziehenden LeserInnen Lust auf moderne Literatur zu machen.


Titel: Die Struktur der modernen Literatur
Autor: Mario Andreotti
Verlag: Haupt (UTB)
Seiten: 488 Seiten
Richtpreis: CHF 29.50

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