„Neid und Eifersucht können einem das Leben vergällen“

„Neid und Eifersucht können einem das Leben vergällen“

Alle Bilder: Patrick Mettraux
Alle Bilder: Patrick Mettraux

Das grosse nahaufnahmen.ch-Interview mit Michael von der Heide, 15.8.2011

Michael von der Heide ist mit seinem neuen, französischsprachigen Album „Lido“, welches Elektro-Pop und Dance sowie sehnsuchtsvolle Melodien und Texte miteinander verbindet, ein grosser Wurf gelungen.  Im Interview spricht er unter anderem über tragische Frauenstimmen, pathetische Todesfantasien von Teenagern, grausame Zwillinge, Gänsehaut-Momente im Studio und die Melancholie von französischen 80er-Jahre-Pop-Songs.

nahaufnahmen.ch: Die erste Single deiner neuen CD „Lido“ heisst „J’ai perdu ma jeunesse“. Wann hast du deine Jugend verloren?

Michael von der Heide: Ich kann mich nicht erinnern, dass es einen bestimmten Moment gegeben hat. Aber ich spüre, dass die Jugend so langsam am gehen ist. Ich werde bald 40 Jahre alt und finde, mit 40 darf man schon erwachsen sein. Wenn ich meine Nichten und Neffen anschaue, die wirklich Jugendliche sind, sehe ich, dass dies eine andere Generation ist.

Wie zeigt sich dieser Generationenunterschied?

Ich gehe beispielsweise nicht mehr unbedingt in Klubs. Obwohl ich jetzt mit dem neuen Album fast ein wenig Klubmusik mache. Wenn ich in Zürich, wo ich wohne, sehe, wie ein neuer Klub aufgeht und davor eine Kolonne junger Menschen auf Einlass wartet, denke ich: „Ah, das habe ich früher auch mitgemacht“. Nun bin ich jedoch froh, dass ich nicht mehr das Gefühl habe, ich müsste in den jeweils angesagtesten Klub gehen.

Das Lied „J’ai perdu la jeunesse“ ist ein Chanson, welches die Sängerin Damia in den 30er-Jahren interpretiert hat. Wie bist du darauf gestossen?

Ich habe früher immer wieder Brockenhäuser aufgesucht, um alte Platten zu sammeln. Heutzutage, mit Youtube und I-Tunes, mache ich das nicht mehr so oft, da man dort fast alles findet. „J’ai perdu ma jeunesse“ von Damia, einer Vertreterin des „Chanson réaliste“, habe ich jedoch noch auf Vinyl. Bereits vor Jahren, als ich die Platte entdeckt habe, dachte ich mir: „Dieses Lied will ich irgendwann einmal interpretieren“.

Was hat den Ausschlag gegeben, dass du das Lied nun gerade jetzt, für deine neue CD, aufgenommen hast?

Für das neue Album wollte ich eine sehr moderne Produktion, bei der jedoch immer wieder etwas Retromässiges aufblinken darf. Deshalb war „J’ai perdu ma jeunesse“ eine Art Vorlage für das Album und ausgehend davon sind die anderen Lieder entstanden, die – von „Dans la ville endormie“ von Dalida einmal abgesehen – alles Originale sind.

Wie hast du das Lied von Dalida ausgewählt?

Mich hat an dem Lied interessiert, dass es zwar wunderschön und grossartig, aber kaum bekannt ist. Dalida hat ja unglaublich viele Songs aufgenommen. Ihre Geschichte – sie hat mit 54 Jahren Selbstmord begangen – ist genauso dramatisch und tragisch wie ihre Stimme. Deshalb hat sie einen auch so berührt, sogar mit dem etwas oberflächlichen Disco-Zeugs, das sie am Schluss ihrer Karriere gesungen hat. Wenn ich heute Radio höre, erklingt selten eine derart tragische Stimme, ausser vielleicht diejenige von Amy Winehouse.

Gibt es noch andere Lieder, die du unbedingt gerne einmal covern möchtest?

Für das neue Album hatte ich noch eine weitere Idee für einen Cover-Song. Ich sage dir aber nicht welchen, sonst macht’s noch jemand anderes (lacht).

Damit nicht wieder das Gleiche geschieht wie bei „Campari Soda“, als dir Stephan Eicher zuvor gekommen ist?

Wenn ich ehrlich bin, war es so, dass mein damaliger Plattenboss unbedingt wollte, dass ich dieses Lied aufnehme. Ich hatte jedoch das Gefühl, dass der Song fast ein bisschen heilig ist und man ihn deshalb nicht covern darf. Ich habe deshalb damals gelogen und meinem Boss gesagt: „Es tut mir leid, wir sind mit dem Song im Studio nicht rechtzeitig fertig geworden.“. Obwohl ich von Grandjean, dem Komponisten von „Campari Soda“ ein Kompliment für meine Interpretation erhalten habe, wollte ich mit meiner zweiten Platte „30 Grad“ nicht gleich ein dermassen berühmtes Schweizer Lied veröffentlichen. Ein paar Monate später hat es dann Stephan Eicher getan. Schliesslich habe ich es doch noch veröffentlicht, auf meiner Best-of-Platte „2Pièces“, weil es ein toller Song ist, den ich manchmal auch an meinen Konzerten singe. Man macht ja gerne etwas, das dem Publikum gefällt. Ich habe jedoch immer geschaut, dass ich Lieder covere, um ihnen damit eine persönliche Note zu geben und mich nicht unbedingt an Songs vergreife, nur um einen Hit zu landen. Gerade heutzutage ist vieles nur geschnipselt, so wie „Tu vuò fa l’americano“, der letztes Jahr ein Hit war. Ich habe mich nie getraut, ein Lied mit dem Rezept zu covern: „Wir machen ein bisschen Bum-Bum drunter und dann gibt’s einen Hit“. Ich verurteile das zwar nicht, aber für mich ist das nichts.

Wie lange hast du an deiner neuen CD gearbeitet?

Von der Idee bis zur fertigen Platte sind etwa zweieinhalb Jahre vergangen. Ich habe aber immer wieder geschrieben, Songs wieder verworfen, Demos aufgenommen. Mit der Eurovision-Teilnahme gab es ein Intermezzo, während dem ich keine Zeit mehr hatte, an der CD zu arbeiten. Die Arbeit an der Platte war jedoch ganz entspannt und ich fand, sie wird dann erscheinen, wenn sie fertig ist.

„Lido“ ist ein ziemlicher Kontrast zur letzten CD „Freie Sicht”, welche akustisch, sehr ruhig und in deutscher Sprache gehalten war. „Lido“ ist, abgesehen von drei Balladen, eine Tanzplatte und du singst ausschliesslich französisch. Gab es einen konkreten Entscheid, eine Elektro-Pop-/Dance-Platte zu machen, oder hat sich das langsam entwickelt?

„Freie Sicht“ gefällt mir immer noch sehr. Bei den Konzerten merkte ich jedoch, dass es irgendwann auf der Bühne wieder etwas mehr abgehen müsste. Zu Hause höre ich sehr gerne rhythmische Musik, sitze also nicht nur mit dem Rotweinglas herum, während im Hintergrund Tom Waits läuft. Zudem bin ich auf den Geschmack für elektronische Musik gekommen, als ich für „2raumwohnung“ geschrieben habe. Ich war oft an deren Konzerten und die Atmosphäre hat mir sehr gut gefallen. Die grossartige Inga Humpe, die noch einen Hauch älter ist als ich, macht fantastische Tanzmusik. Sie inspirierte mich und ich finde, dass dieses musikalische Universum sehr gut zu mir passt.

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Wie viele Lieder haben es nicht auf die CD geschafft?

Es sind viele Lieder in einer relativ frühen Phase schon hängen geblieben. Als ich den Produzenten Thomas Fessler kontaktiert habe, hatte ich den grössten Teil des Materials schon. Zusammen haben wir relativ schnell ausgemistet.

Nach welchen Kriterien?

Gewisse Sachen haben ihm nicht gefallen. Zudem habe ich von Freunden aus Deutschland gelernt, mich bereits in der Entstehungsphase eines Albums mehr zu öffnen. Bei „Lido“ habe ich deshalb bereits die Demos Freunden von mir, die gerne Musik haben und von denen ich weiss, dass sie mir gegenüber ehrlich sind, gezeigt. Aufgrund von deren Reaktionen sind ebenfalls Lieder weggefallen. Früher habe ich meine Lieder nie anderen Leuten ausserhalb des Produktionsteams gezeigt. Ich wollte einfach mit der fertigen Platte kommen und dann sagen: „Schaut, wie toll!“. In der Erwartung natürlich, dass die Leute die Platte ebenfalls gut finden.

Wie kam es dazu, dass du für „Lido“ wieder mit dem Produzenten deiner ersten beiden Platten, Thomas Fessler, zusammengearbeitet hast?

Mein erstes Album war gleichzeitig auch Thomas Fesslers erstes Album als Produzent. Danach wurde er immer bekannter und erfolgreicher und hat diverse Mundartkünstler produziert (Sina, Plüsch, Adrian Stern, Florian Ast,etc.). Er hat so viele Sachen gemacht, dass ich irgendwann fand, ich möchte auch mit anderen Leuten arbeiten. So habe ich mit Gere Stäuble und Tom Etter von Züri West die nächste Platte gemacht und danach mit weiteren Produzenten gearbeitet, was mir sehr gefallen hat. Irgendwann haben Thomas Fessler und ich uns wieder getroffen, geredet und ich hatte ein bisschen ein schlechtes Gewissen, als wäre ich irgendwie abgehauen. Ich fand, dass wir musikalisch noch eine Rechnung offen hatten und dass ich mit ihm eine Platte machen möchte, bei der wir uns quasi neu begegnen und sagen können: Wir arbeiten beide zusammen an etwas Neuem, das wir zuvor noch nicht wirklich gemacht haben.

Wie fiel der Entscheid, dass die ganze Platte in französischer Sprache sein sollte?

Das wollte ich lustigerweise schon immer machen. Zu Beginn meiner Karriere habe ich aus Angst, nie mehr eine Platte realisieren zu dürfen, und weil ich zeigen wollte, was ich kann, alles durcheinandergemischt. Irgendwann habe ich mich entspannt und gesagt: „Ok, es geht sehr wahrscheinlich noch weiter“. Als ich in Deutschland aufgetreten bin, hat mir zudem Annette Humpe gesagt: „Wir möchten dich gerne in französischer Sprache singen hören“. Deshalb habe ich es jetzt probiert.

Vor zehn Jahren hattest du bereits einmal ein Angebot einer französischen Plattenfirma und warst in Paris, um Songs zu schreiben und aufzunehmen, welche jedoch nie erschienen sind.

Nein, aber die Songs gibt es immer noch. Aus dieser Zeit sind zudem Freundschaften entstanden und geblieben. Doriand, den Texter des neuen Liedes „La nuit dehors“ zum Beispiel habe ich damals kennengelernt. Immer wenn ich ein Französischproblem habe oder jemand Tolles für eine Zusammenarbeit herbeiziehen möchte, dann hilft er mir.

Welches war eigentlich der Grund, dass damals keine französische Platte erschienen ist?

Ich ging auf Einladung der A+R-Abteilung von Sony Music France nach Paris. Die fanden mich sowohl als Sänger als auch als Typ super. Ein Jahr lang bin ich von Studio zu Studio und von Songwriter zu Songwriter getingelt und habe diverse Sachen ausprobiert. Die Verantwortlichen der Plattenfirma sagten immerzu: „C’est magnifique, mais ce n’est pas encore ça“. Man denkt es vielleicht nicht von mir, wenn man mich auf der Bühne sieht, aber ich habe auch eine scheue und introvertierte Seite. Am Anfang habe ich mich deshalb nicht getraut, auf den Tisch zu hauen. Irgendwann ging mir dann das Geld aus und ich habe gesagt: „Schaut, es ist mir egal. Ich habe genug. Ich kann mir das alles gar nicht leisten.“ Es war nicht mehr die goldene Zeit der 80er-Jahre, von denen mir Kollegen erzählt haben. Sie haben damals von der Plattenfirma einen Monatslohn erhalten und konnten einfach mal ausprobieren. Ich habe während der Zeit in Paris natürlich auch deutsche Songs geschrieben. Als ich zurück in die Schweiz gekommen bin, habe ich die „Frisch“-Platte gemacht und dann ging es immer weiter. Ich schaue nicht mit Bitterkeit auf diese Zeit in Paris zurück. Ich habe einfach gemerkt, dass es für mich ein bisschen schneller und leichter gehen muss.

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Neben Thomas Fessler als Produzent hat eine weitere alte Bekannte an der neuen Platte mitgearbeitet: Milena Moser hat den Text zu „Quand je serai mort“ geschrieben.

Milena, mit der ich seit vielen Jahren befreundet bin, sagte mir vor einiger Zeit, sie hätte einen Text, der zu mir passe und mir quasi auf den Leib geschrieben sei. Ich habe den Text gelesen und hatte das Gefühl, dass dieser, obwohl ich ihn super fand, für das  deutsche Album „Freie Sicht“ doch etwas zu hart ist. Deshalb habe ich den Text auf die Seite gelegt und erst für das neue Album wieder hervorgenommen. In der französischen Übersetzung ist das Lied nun stärker geworden. Die Fantasie, die im Text beschrieben wird, hatte ich ebenfalls. Mir haben viele Leute attestiert, dass sie als Teenager eine pathetische Todesfantasie hatten, sei es, weil die Eltern nicht nett waren oder wenn es in der Schule Probleme gab. Sie stellten sich dann vor, wie das Umfeld reagieren würde, wenn sie nicht mehr leben würden. Eigentlich ist es eine Hoffnung: „Das würde euch so leid tun! Würde ich sterben, wüsstet ihr, was ihr an mir gehabt hättet“. Der Song beschreibt ganz einfach dieses jugendliche Gefühl.

Ein toller Text ist ebenfalls „Jumelles cruelles“. Was ist mit diesen grausamen Zwillingen genau gemeint?

Neid und Eifersucht, diese hässigen Geschwüre, die einem das Leben vergällen können und von denen man sich so schnell immer wieder vergiften lässt.

Gibt es im Showbusiness viel Neid und Eifersucht?

Ich würde das nicht einmal unbedingt aufs Showbusiness beziehen. Showbusiness ist sowieso nur ein anderes Wort für das Leben. Man will besser scheinen als man ist. Die einen haben mehr Erfolg als die anderen und man denkt: „Wieso denn nur? Ich bin doch besser!“. Mit dem Neid und der Eifersucht fängt es schon in ländlichen Gegenden an, wenn die Nachbarin beispielsweise die schöneren Rosen hat. Diese Gefühle kannte ich bereits als Kind. Ich bin einfach, aber nicht ärmlich, aufgewachsen. Meine Mutter kaufte mir damals meine Kleider immer im Vögele. Die Nachbarn hingegen haben in der Boutique Designerklamotten gekauft. Das hat mich unheimlich genervt. Meine Mutter sagte jeweils: „Die Vögele-Jeans sind genauso gut und sehen genauso aus wie die anderen“. Ich habe ihr dann geantwortet: „Nein, die sehen eben nicht gleich aus!“. Meiner Mutter war dies jedoch egal, sie hatte dieses Flair einfach nicht.

Wie reagierst du auf Neid und Eifersucht?

Ich tue jeweils so, wie wenn ich es nicht merken würde. Lächeln und sich blöd stellen, das ist in solchen Momenten immer das Gescheiteste.

„Jumelles Cruelles“ ist ein Lied, welches du mit der Westschweizer Texterin Nadine Mayoraz geschrieben hast. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?

In Deutschland oder der Deutschschweiz hatte ich immer „Gspändli“, mit denen ich texte. Für französische Texte fehlte mir ein solcher Austausch lange Zeit. Obwohl ich relativ gut französisch schreiben kann, ist es trotzdem nicht meine Muttersprache. Eine Redewendung, die in Deutsch clever tönt, kann im Französischen platt sein. Der welsche Sänger Thierry Romanens, mit dem ich mal ein Duett gesungen habe, hat mich mit Nadine Mayoraz, die für ihn bereits Texte verfasst hat, bekannt gemacht. Wir haben uns sofort sehr gut verstanden. Das ist wichtig, denn man muss jemanden haben, der einen ähnlichen Geschmack hat und der auch Kritik ertragen kann. Ihr kann ich sagen: „Ça c’est nul. Il faut chercher autre chose“. Das verträgt sie dann auch. Lustigerweise habe ich das selber lernen müssen, als ich in Deutschland gearbeitet habe und mir jemand sehr direkt gesagt hat: „Nee, das geht überhaupt nicht!“. Zuerst dachte ich, nun sei mein ganzes Leben, ich als Künstler, einfach alles in Frage gestellt. Mit der Zeit habe ich gemerkt: „Nein, es war nur diese eine Textzeile gemeint und nichts anderes.“

Ein gewisser André Grueter ist bei vielen Liedern ebenfalls als Texter aufgeführt.

Den habe ich entdeckt (lacht). Lustigerweise ist er ein alter Bekannter von mir, der mir immer dreingeredet und mir gesagt hat, was ich karrieremässig machen sollte. Ich war jeweils leicht beleidigt. Da er Übersetzer ist, habe ich ihn dann aber mal engagiert, als ich eine Übersetzung benötigte. Während der Arbeit haben wir viel über Musik gesprochen und ich dachte mir: Eigentlich bräuchte ich so jemanden, der sowohl sehr musikalisch, als auch nicht auf den Mund gefallen und etwas frech ist. Sich also im gleichen Universum bewegt. Er ist super und kann das, was ich nicht kann und umgekehrt. Die Ideen und das Poetische bei den Liedern kommen vor allem von mir und er veredelt es dann.

Bei vielen Liedern auf der Platte gibt es einen starken Kontrast zwischen der tanzbaren Musik und den doch eher traurigen Texten.

Ja, aber zum Beispiel „Je ne sers à rien“ – das ist jetzt zwar eine Ballade – ist auch mit Hoffnung getränkt. Es wäre sehr deprimierend, wenn der letzte Satz nicht käme. Eine deutsche Freundin hat zu mir gesagt: „Ich kann dieses Lied nicht hören. Was willst du, dass man sich dabei umbringt?“. Sie hat das Lied aber nur bis zur Hälfte und nicht bis zum Schluss gehört. Dieser ist nämlich sehr schön und hoffnungsvoll, wenn es heisst: „Reviens! Komm zurück!“ Das Lied handelt von einem Gefühl, das wohl viele Leute kennen. Man entwickelt in der Liebe mit der Zeit eine gewisse Abhängigkeit von seinem Partner. Das muss nicht einmal negativ sein. Man merkt einfach: Ich bin nur die eine Hälfte und brauche die andere Person.

Obwohl auf „Lido“ viele computerprogrammierte Klänge zu hören sind, ertönen als prägnante Farbtupfer auch einige akustische Instrumente, wie beispielsweise die wunderbaren Bandoneonklänge von Michael Zisman.

Ja, der ist super. Als ich bei dem Projekt „Buebetröim“ des Swiss Jazz Orchestra mitgemacht habe, war Michael Zisman dort Gast. Wenn er sein Bandoneon gespielt hat, hat es einem richtiggehend die Haare aufgestellt. Ich wusste zwar, dass ich mit „Lido“ etwas Elektronisches machen wollte, aber mit Elementen von Instrumenten, die einem ans Herz gehen. Deshalb habe ich Michael Zisman ganz einfach gefragt, ob er mitmachen möchte und er hat sogleich zugesagt und sich sehr geehrt gefühlt.

Bei „Je t’aime“, wenn die Klänge der Bag Pipe ertönen, stellt es einem ebenfalls die Haare auf.

Bereits bei der Komposition des Liedes habe ich an dieses Instrument gedacht. Alle anderen, auch der Produzent,  waren jedoch skeptisch und meinten, dass dies nicht unbedingt sein müsse. Irgendwann habe ich im Studio gesagt: „So, und wann nehmen wir jetzt diese Bag Pipe auf?“ Thomas Fessler hat mir dann erzählt, dass er den irischen Musiker Brendan Wade kenne, der eine Koryphäe auf diesem Instrument sei und in der Schweiz wohne. Als Wade mit seinem ganzen Arsenal, seinen Flöten, ins Studio kam und zu spielen begann, hielten alle den Atem an. Die Bag Pipe gibt dem Song eine unglaubliche Weite. Es ist schon verrückt, dass ein Instrument, das jemand so toll spielt, so viel auslösen kann.

Auch der Background-Gesang von Madeleine Rascher, der im Lied „Reste“ fast opernhaft klingt, ist sehr eindrücklich.

Vor drei Jahren hätte ich noch gesagt: „Komm, das ist zu pathetisch!“ Aber ich finde den Part ebenfalls super. Ursprünglich wollte ich für dieses Lied mit einer norwegischen Opernsängerin zusammenarbeiten, die ich am Theater Basel kennengelernt hatte. Dann habe ich mir gedacht: Das wäre schon ein wenig übertrieben, wenn sie extra für die Aufnahmen dieser Sequenz aus Norwegen in die Schweiz kommen müsste. Als ich „Lido“ aufgenommen habe, war Madeleine Rascher nebenan im Studio. Ich habe sie gefragt, ob sie den Part übernehmen möchte, ihr diesen vorgesungen und sie hat das so toll gemacht! Sie ist ganz jung, erst 18 oder 19 Jahre alt und absolviert die Ausbildung zur Sängerin und Pianistin. Sie hat etwas sehr Herzliches und singt sogar noch schöner als eine Opernsängerin.

Du bist, wie schon im Vorfeld des Albums „Freie Sicht“, mit den Liedern aus „Lido“ auf Tour gegangen, bevor die Platte fertig war. Wie hat das Publikum darauf regagiert, dass ein grosser Teil des Konzertes aus unbekannten Liedern bestand?

Das kam richtig super an. Ich habe ein sehr interessiertes Publikum, welches auch goutiert, wenn es im Konzert Lieder zu hören bekommt, die es auf Platte noch nicht gibt. Das ist eigentlich ein Luxus. Deshalb war es für mich eine tolle Erfahrung.

Du hast gesagt, der Sound der neuen CD sei für Leute in deinem Alter gedacht, die sich gerne an ihre Teenagerzeit zurückerinnern möchten. Was hast du für Erinnerungen an deine Teenagerzeit?

Schöne und furchtbare. Als Teenager hat man ganz viele Hoffnungen und stellt sich gleichzeitig Fragen wie: „Was wird aus mir?“ Diese Fragen sind dermassen präsent. Mit 40 weiss man dann einigermassen, was aus einem geworden ist. Ich war zwar gerne Teenager, aber ich habe mich auch gefreut, als diese Zeit vorbei war.

Einige Lieder auf „Lido“ erinnern mit ihren Retro-Elementen im Stil ein wenig an „Ouragan“ von Stéphanie de Monaco, der du im Booklet der neuen CD deinen Dank aussprichst.

Das mache ich immer, das hat bereits Tradition (lacht). Mir gefällt bei diesen französischen Liedern wie „Ouragan“ oder auch „Voyage, voyage“, dass sie zwar poppig und recht elektronisch sind, aber auch eine gewisse Melancholie verströmen. Sie haben zum Teil zwar einen leichten Text, sind aber trotzdem nicht doof. „Ouragan“ und „Voyage, Voyage“ finde ich nach wie vor sehr gut. Natürlich ist der Gesang von Stéphanie de Monaco sehr französisch. Dieses Gehauchte, eine Art „Non-Voice“, gibt es aber in der französischen Musik immer wieder.

Der stimmgewaltigen Patricia Kaas dankst du  im Booklet ebenfalls.

Als ich als Au-Pair im Welschland war und dort Gesangsstunden genommen habe, hatte Patricia Kaas mit „Mon mec à moi“ gerade einer ihrer ersten Hits. Meine Gesangslehrerin sagte damals: „Écoute! Das ist zwar kein klassischer Gesang, aber diese Künstlerin ist super und hat eine tolle Stimme!“. Als Patricia Kaas später in Zürich gewohnt hat, haben wir uns oft getroffen. Wir kennen uns mittlerweile schon lange und reden jeweils viel über Musik. Obwohl sie ein so grosser Star ist, findet der Austausch mit ihr immer auf einer Augenhöhe statt. Das ist toll. Einmal kam sie an eines meiner Konzerte und sagte nachher zu mir: „Mais tu fais peur aux gens“ (lacht) Ich solle etwas kommerzieller lächeln, dann hätte ich mehr Publikum. Die Reinunterhaltung, die nur brav und lieb ist, liegt mir aber nicht, sonst würde ich mich mit meiner Musik im Schlagerbereich bewegen.

Die verstorbene deutsche Lyrikerin Hilde Domin erwähnst du in deinen Danksagungen ebenfalls. Inwiefern hat sie dich inspiriert?

Vor drei Jahren habe ich einen Dokumentarfilm über Hilde Domin gesehen. Da hat es mich richtig gepackt. Ihre Gedichte finde ich grossartig. In ihnen ist so viel drin, sie sind so reich. Das Lied „Je ne sers à rien“ ist deshalb von einem ihrer Gedichte inspiriert.

Auffallend ist, dass du, seit du vor 15 Jahren dein erstes Album veröffentlicht hast, je länger je mehr eigene Lieder schreibst. Was hat dazu geführt?

Ich habe immer eigene Songs geschrieben. Das Komponieren fällt mir aber oftmals einfacher als das Texten. Früher habe ich schnell einmal aufgegeben, weil ich dachte, ich sei kein begabter Texter, da ich die Texte nicht so schnell runterschreiben konnte. Wenn ich dann zum Beispiel einen Liedtext von Martin Suter erhalten habe, dachte ich jeweils: „Natürlich ist dieser Text besser. Ich nehme lieber den“. Annette und Inga Humpe haben mir aber Mut gemacht und gesagt, ich müsste einfach dran bleiben. Ich habe dann bei anderen Künstlern gesehen, dass auch diesen das Texten nicht immer leicht fällt. Manchmal fällt mir eine Zeile ein, die dann über Jahre herumliegt. Ich habe nun gelernt, dran zu bleiben und nicht gleich aufzugeben.

Du bist ein musikalisches Chamäleon. Jede CD war wieder anders, hatte einen anderen Stil. Live bietest du eine Mischung aus Chanson, Pop, Jazz und Tanzmusik. Gibt es auch etwas, das du nicht kannst?

Also, ich kann vieles nicht. Ich kann beispielsweise keine Punkmusik machen. Also ich könnte es vielleicht schon, aber es wäre einfach nicht gut und nicht authentisch. Für Heavy-Rock fehlt mir die geeignete Stimme. Ich höre sehr gerne Hardrock, die Sänger in diesem Genre sind oft fantastisch. Es gibt auch vieles, das ich gar nicht machen will, beispielsweise so richtige Schlagermusik.

Welches war das schönste Erlebnis in deiner bisherigen Karriere?

Ich habe so viele Dinge gemacht, da ist es schwierig, ein bestimmtes Erlebnis zu nennen. Es gibt für mich auch keinen schönsten Gig. Ich hatte so viele tolle Begegnungen: Mit Ute Lemper am Montreux Jazz Festival beispielsweise, oder die Duette, die ich mit Nina Hagen, Kuno Lauener oder auch weniger bekannten Leuten eingespielt habe. Das Schönste ist, dass ich immer noch Platten machen kann und es Leute gibt, die sich für mich und meine Musik interessieren und an meine Konzerte kommen. Dafür bin ich sehr dankbar.

Wo siehst du dich in 15 Jahren?

Gell, wenn man nach meinem Lied „Quand je serai mort“ urteilen würde, müsste ich dann wohl unter der Erde sein (lacht).

Im Interview mit einer Illustrierten hast du vor Jahren mal gesagt: „Ich glaube, dass ich nicht sehr alt werde“.

Ja, das weiss ich noch. Meine Grossmutter ist damals, als sie das gelesen hat, aus allen Wolken gefallen und hat gefragt: „Ja, bist du denn krank?“. Als junger Mensch konnte ich mir damals gar nicht vorstellen, überhaupt 40 Jahre alt zu werden. Ich werde jetzt bald 40 und bin überhaupt nicht alt. Jetzt muss ich auch sagen: Um jung zu sterben, bin ich mittlerweile zu alt. Nun habe ich so ein Gefühl, dass ich sehr alt werde, obwohl ich rauche. Was die Musik betrifft: Ich sehe immer wieder Konzerte von Künstlern, die 60,70 Jahre alt sind und bei denen ich finde: „Wow! Die machen das toll! Der Inhalt ist gut und die Performance ist stimmig.“ Das könnte ich mir ebenfalls vorstellen, aber natürlich nur, wenn die Leute immer noch Interesse an meiner Musik haben. Ich möchte nicht das Gefühl haben, dass es mit einem extremen Krampf verbunden ist. Nicht wie gewisse Schauspieler, die immer sagen: „Ich MUSS zur Bühne!“. Mit Musik würde ich mich immer gerne in der einen oder anderen Art beschäftigen, aber vielleicht müsste es nicht mehr unbedingt auf der Bühne sein. Aber ich plane nicht, jetzt gleich aufzuhören. Wenn man nicht dem Jugendwahn verfallen ist, auch künstlerisch, kann man dieses Metier sehr lange ausüben.

Passend zum französischsprachigen Album „Lido“ beantwortete Michael von der Heide für Nahaufnahmen.ch zudem den berühmten Fragebogen des französischen Schriftstellers Marcel Proust:

Was ist deine Vorstellung von wahrem Glück?

Ich habe keine eigentliche Vorstellung davon. Deshalb antworte ich mit einem Zitat aus einem Lied von Hildgeard Knef: „Das Glück kennt nur Minuten, der Rest ist Warteraum“. Auch wenn man eigentlich zufrieden ist, sind doch die wirklichen Glücksmomente eher kurz.

Was ist deine grösste Angst?

Unter das Tram zu kommen.

Welche lebende Person bewunderst du am meisten?

Bette Midler

Gibt es eine lebende Person, die du verabscheust?

Ja, aber das erzähle ich dir nicht.

Was würdest du an dir ändern?

Optisch könnte man viel machen, aber da mache ich nichts. Die Ungeduld vielleicht.

Deine grösste Extravaganz?

Auf Massen-SMS zum Geburtstag und zu Weihnachten nicht zu antworten.

Deine Lieblingsreise?

Die habe ich noch nicht gemacht. Die kommt noch.

In welcher Situation würdest du lügen?

Wenn man mit der Wahrheit jemanden verletzen müsste und dies nicht unbedingt sein muss.

Was betrachtest du als deine grösste Errungenschaft?

Dass ich dranbleiben kann und einen langen Atem habe. Dies ist zwar keine Errungenschaft, aber dafür ein positiver Charakterzug.

Deine gegenwärtige Geistesverfassung?

In guter Hoffnung.

Dein meistgeschätzter Besitz?

Meine zwei Katzen und der Hund.

Wo möchtest du gerne leben?

Ich würde gerne in einem irrsinnigen Haus in Südfrankreich wohnen.

Deine Lieblingsbeschäftigung?

Musik machen, Musik hören und Aperitiv trinken mit Freunden.

Deine markanteste Charaktereigenschaft?

Meine Treue. Es gibt immer wieder Leute, die zu mir sagen: „Du bist eine treue Seele.“

Welche Eigenschaft magst du bei einem Mann beziehungsweise bei einer Frau am meisten?

Wenn jemand denselben, etwas bissigen Humor hat wie ich.

Dein Lieblingsschriftsteller/Deine Lieblingsschriftstellerin?

Hilde Domin

Dein Lebensmotto?

Wenn es diesmal nicht klappt, dann halt das nächste Mal.

Das Album:

„Lido“ (Sony Music Switzerland) ist seit 26. August im Handel erhältlich.

Die Tour-Daten:

Eine Übersicht über Michael von der Heides Konzerte in den kommenden Monaten findet sich auf www.michaelvonderheide.com.

Zusätzlich zu den Konzerten ist Michael ab 16. September im Theater Basel im Stück „Hush, no more“ zu sehen.

Ein Gedanke zu „„Neid und Eifersucht können einem das Leben vergällen“

  • 16.09.2011 um 23:03
    Permalink

    Das Interview war sehr interessant. Bin per Zufall drauf gestossen. Die neue Platte vom Michael von der Heide ist wirklich sehr gelungen. War auch schon am Konzert welches mir sehr gut gefallen hat. Gänsehaut pur. Und der Sänger der Michael ist auch sehr nett und hat sogar noch mit uns gequatsch und uns Autogramme gegeben. Ich muss sagen das macht dann nicht jeder Künstler.

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