Motus “Alexis. Una tragedia greca” | Zürcher Theater Spektakel, Landiwiese

Aufruf zur Revolution!

Motus “Alexis. Una tragedia greca” | Zürcher Theaterspektakel, Landiwiese

Bild|Copyright: Zürcher Theater Spektakel 2011/Christian Altorfer
Bild|Copyright: Zürcher Theater Spektakel 2011/Christian Altorfer

Wer ist Antigone heute? Das ist die Frage, die sich die Gruppe Motus aus Rimini in ihrem Stück “Alexis. Una tragedia greca“ stellt – ein modernes Theater muss heute ja auch immer ein Theater der Aktualität sein. Indem sie die antike Geschichte von Antigone in die heutige Zeit zu versetzen versuchen, entdecken Motus überraschende Parallelen, verlieren aber leider den grösseren Zusammenhang aus den Augen.

Es ist der 6. Dezember 2008. Das Ensemble von Motus steckt mitten in den Proben zu ihrem vierteiligen Projekt “Syrma Antigónes“, als sie die Nachricht vom Tod des 15-jährigen Alexandros-Andreas Grigoropoulos, genannt Alexis, erreicht. Dieser war am Rande einer Demonstration in Athen von einem Polizisten erschossen und auf offener Strasse liegen gelassen worden. Die jungen Theaterleute sind von dieser Nachricht erschüttert und Alexis’ Geschichte sollte sie für lange Zeit nicht mehr in Ruhe lassen.

Bild|Copyright: Zürcher Theater Spektakel 2011/Christian Altorfer
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Alexis: ein moderner Polyneikes?
“Alexis. Una tragedia greca“, der vierte und letzte Teil ihrer Antigone-Bearbeitung, ist nun gleichsam der Abschluss und der Anfang des Zyklus, da sie damit zum Beginn ihrer Langzeitrecherche im Herbst 2008 zurückkehren und den Stoff der Tragödie mit aktuellem Bezug neu zu deuten versuchen. Kann man Alexis, der schnell zu einer Identifikationsfigur und Ikone der jugendlichen Revolten in Griechenland aufstieg, als modernen Polyneikes bezeichnen? Sophokles’ Polyneikes durfte auf Befehl des Königs Kreon nicht bestattet werden und auch Alexis wurde nach seinem Tod einfach auf der Strasse liegen gelassen. Doch wichtiger ist die Reihe der Ereignisse, die der Tod beider nach sich gezogen hat – Antigone wehrt sich gegen den Befehl des Königs und weiht sich selbst dem Tod, indem sie den Bruder bestattet, und Alexis’ Tod schafft neue Parolen und Protestgründe für die jungen Athener, deren Unzufriedenheit und Gewaltbereitschaft danach noch stärker ist als zuvor.

Keine Tragödie des Einzelnen
Indem Sie Auszüge aus den Antigone-Bearbeitungen sowohl von Sophokles als auch von Bertold Brecht verwenden, reflektieren die Darsteller über den antiken Stoff und dessen Umsetzbarkeit und Aktualität. Die sehr starke schauspielerische Leistung, eine grossartige Musikauswahl und die Miteinbeziehung moderner Medien tragen dazu bei, dass auf der Bühne eine glaubhaft bedrückte und verzweifelte Stimmung entsteht, die den Zuschauer sicherlich nicht kalt lassen. Das riesige, blutrote Quadrat auf dem Boden der Bühne und kreative Spielereien mit Klebeband schaffen eine leicht aggressive Grundatmosphäre. Die Video-Installation, die Silvia Calderoni alias Antigone wild umherrennend überall auf die Wände des Raumes projiziert, und die Fotos, die sie während dem Stück schiessen und die anschliessend den Hintergrund des Bühnenraums bedecken, vervielfachen die Figuren nicht nur optisch, sondern verweisen darauf, dass diese Tragödie keine einzelne ist, sondern eine vielfache, die überall geschehen kann und auch geschieht.

Gewalt als letzter Ausweg
Die Versetzung des Antigone-Stoffes in die Gegenwart und die Frage nach der (damaligen und heutigen) Möglichkeit der Revolte und des Widerstandes ist vielversprechend. Die Parallelen zwischen Alexis’ und Polyneikes Tod und den Ereignissen, die sie ausgelöst haben, sind überraschend und glaubwürdig. Dennoch wirkt es, als ob sich die Gruppe Motus hier zu sehr auf diese Übereinstimmungen konzentriert und dabei den grösseren Zusammenhang aus den Augen verloren hat. In der Schlussszene steht das gesamte Ensemble inklusive einiger Personen aus dem Publikum auf der Bühne und ruft zum gemeinsamen Protest auf. Doch wie kommt es, dass der Protest hier immer mit einem zum Werfen bereit gehaltenen Stein und nie mit einem Protestschild oder ähnlichem versinnbildlicht wird? Ist das Werfen von Steinen auf Polizisten wirklich die einzige Möglichkeit für junge Menschen, heutzutage ihre Unzufriedenheit gegenüber dem Staat auszudrücken? Dass es Situationen gibt, in denen gewaltloser Protest keine Option mehr ist, zeigen aktuelle Krisen wie jene in Lybien und Syrien nur zu deutlich. Doch dass auch in Ländern wie Griechenland und Italien, wo doch immerhin demokratische Grundlagen gegeben wären, der Protest der einzige Ausweg – und dieser anscheinend immer ein gewaltbereiter sein muss – lässt bei diesem Stück leider einen etwas negativen Beigeschmack zurück.


Vorstellungen: 27. bis 29. August 2011
Dauer: 1 Std. 10 Min.

Idee & Regie: Enrico Casagrande und Daniela Nicolò
Darsteller: Silvia Calderoni, Vladimir Aleksic, Benno Steinegger, Alexandra Sarantopoulou


Im Netz
www.motusonline.com
www.theaterspektakel.ch

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