Romeo Castellucci & Socìetas Raffaello Sanzio “Sul concetto di volto nel figlio di Dio“ | Zürcher Theater Spektakel, Landiwiese

Vaterpflege unter den Augen Gottes

Foto | Copyright: Andreas Georg Scherer
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Romeo Castellucci & Socìetas Raffaello Sanzio “Sul concetto di volto nel figlio di Dio“ | Zürcher Theater Spektakel, Landiwiese

Väter-Söhne-Geschichten sind in der diesjährigen Ausgabe des Theater Spektakels aktuell. Neben “She She Pop und ihre Väter“ mit “Testament“ und Ilay den Boer & Het Huis van Bourgondië mit “This is my dad“ handelt auch dieses Stück von einer solchen Konstellation. Der italienische Regisseur Romeo Castellucci und die durch seine Schwester und ihn gegründete Socìetas Raffaello Sanzio gehen ein im Privatesten verhandeltes Thema – die Pflege eines kranken Elternteils – mit viel Einfühlungsvermögen an.

Foto | Copyright: Andreas Scherer
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Die fortschreitende Demenz seines Vaters hat Arno Geiger in seinem Buch “Der König im Exil“ berührend und mit feinem Humor beschrieben. Dort erfährt man, was geschieht, wenn das Gehirn nicht mehr in den gewohnten Bahnen funktioniert. Und wie der Sohn und seine Geschwister mit dieser Situation umzugehen versuchen. Sehr oft gerät man an seine körperlichen und geistigen Grenzen, ist traurig, dass sich der Vater nicht mal mehr an seine eigenen Kinder erinnern kann, oder wütend, dass ihm immer öfter nicht einmal mehr die kleinsten Handgriffe gelingen.

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“Scusa mi, scusa mi tanto“

Der Vater in Castelluccis Stück weiss sehr wohl, was er tut und was er nicht mehr tun kann. Er kann seinen Körper nicht mehr beherrschen, macht in die Hose und leider nicht nur dort hinein. Dicke, braune Exkremente, auch dünne, laufen – ja strömen – ihm aus den Windeln, die dann der Sohn mit grosser Geduld mehrmals versucht, wegzuräumen. Bis am Ende er und sein Vater gemeinsam, erschöpft und weinend dastehen. Von dem nicht enden wollenden in die Hosen machen und Wegputzen auf der einst schön weissen Loungegarnitur, mit dem weissen Loungetisch und dem weissen Teppich, dem blitzblank sauberen Glastisch in der Mitte und dem unschuldig weiss bezogenen Bett daneben. Alles befleckt und verschmiert von Kot und brauner Flüssigkeit. Der Vater weint verzweifelt, weil er sich schämt, und entschuldigt sich immer wieder: “Scusa mi, scusa mi tanto“ (worauf der Sohn beruhigend und sanft erwidert: “Non ti deve scusare, non ti deve justificare“). Der Sohn weint, weil er einerseits zur Arbeit wollte, zu der er nach mehrmaligem Windelnwechseln (das nichts genützt hat) aus seiner einst steril weissen Wohnung und jetzt zu einem Chaos voll braunem Kot und brauner Flüssigkeit verkommenen Ort viel zu spät kommen wird (einmal läutet sein Mobiltelefon), und andererseits, weil es ihm weh tut, den Verfall des Vaters so mit anzusehen. Die Überforderung der beiden ist für das Publikum körperlich spürbar.

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You are (not) my shepherd

Der Sohn geht hin zum überdimensionalen Ausschnitt des Gemäldes “Salvator Mundi“ des Renaissancekünstlers Antonello da Messina, dessen Jesus im Hintergrund die ganze Szenerie mit eine melancholischen Blick verfolgt. “Gesù“, Gesù, Gesù“, flüstert eine Stimme aus dem Off. Erst ertönt Kirchengesang, dann sanfte Klänge. Der Sohn hängt an den Lippen Jesu bis er abtritt, sein Vater folgt ihm, am Bild vorbei, mit dem Plastikkanister voll brauner Brühe, die eine Spur neben ihm her zeichnet.

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Dann plötzlich windet sich ein Körper hinter der Leinwand des Jesus-Bildes. Auf und ab und nach rechts und links. Das Bild wird von hinten bespritzt und der Körper-Wulst verschmiert alles auf dem abgebildeten Gesicht (bzw. der Leinwand, das Bild ist projiziert). Blasphemie? Wird hier das Leiden und Mitleiden Jesu in den Dreck gezogen? Oder ist es ganz einfach Frustration? Wo ist Gott? Weshalb sieht er zu und tut nichts? Weshalb erlöst er uns nicht, bevor es soweit kommen muss? Auf der Bühne folgt die Zerstörung des Bildes und die mögliche Antwort wird als leuchtender Text sichtbar: “You are my shepherd“ mit einem im Schatten stehenden “not“ auch als “You are not my shepherd“ lesbar. Der ganz offenbare Ikonoklasmus wird im Wort nicht bestätigt, ein Wanken zwischen Glaube und Nichtglaube, das wohl so viele Söhne und Töchter in ähnlichen, aber realen Szenen, hin- und herreisst.

Besprechung der Aufführung vom 3. September 2011.
Weitere Aufführung: 4. September 2011, 18.30 Uhr, Werft.
Dauer: ca. 50 Minuten


Besetzung
Gianni Plazzi (Vater) und Sergio Scarlatella (Sohn),
zusammen mit Dario Boldrini, Vito Matera und Silvano Voltolina


Konzept und Regie: Romeo Castellucci
Musik: Scott Gibbons |
Mitarbeit Bühne: Giacomo Strada
Bauten der Objekte: Istvan Zimmermann, Giovanna Amoroso
Licht: Luciano Trebbi
Ton: Marco Canali


Im Netz
www.theaterspektakel.ch
www.raffaellosanzio.org

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