Kurt Palm: “Bad Fucking”

Schlechter Sex in Bad Fucking

Kurt Palm: “Bad Fucking” (Kein Alpen-Krimi)

2011 hat ein Kriminalroman den Glauserpreis gewonnen, dessen Taschenbuchausgabe wie ein etwas zu dick geratener Kioskheftroman daherkommt: Cheerleaderblondinen, Alpenidylle und ein Aal auf dem Karokissen. Willkommen in Bad Fucking!

Von Sandra Despont.

badfuckingSo bizarr das Cover, so grotesk die Figuren, so absurd die Handlung. Kurt Palms Roman, der „Kein Alpen-Krimi“ sein will, lädt seine Leser in einen Kurort ein, in dem es in der Regel keinen, und wenn doch, dann nur sehr schlechten Sex gibt. Dafür blühen hier so hübsche Verbrechen wie Korruption und Erpressung.

Ein Roman aus lauter Handlungsbeigemüse

Eines Tages findet Bartl den ehemaligen Hotelbesitzer Vitus Schallmoser tot in dessen Wohnhöhle auf. Schallmosers Tod ist ein bisschen rätselhaft, weswegen sich der naive Leser zu der Vermutung hinreissen lässt, es werde in „Bad Fucking“ nun um die Aufklärung eines Mordes gehen. Doch vorerst tritt kein kundiger Kommissar auf den Plan. Stattdessen geraten wir mitten in das entsetzte Stimmengewirr und pubertäre Gekreisch einer Truppe von Cheerleadern, die soeben erfahren musste, dass es in ihrem Trainingsort in den österreichischen Bergen so gut wie keinen Internetanschluss gibt. Verzweifelt und ungläubig nehmen sie zur Kenntnis, dass an dem idyllischen Örtchen die Zeichen der Moderne vorübergezogen sind und nur auf einer abgelegenen Erhöhung, Internetplattform genannt, der Handy-Empfang möglich ist. Welche Rolle die Cheerleader für diesen Nicht-Alpen-Krimi spielen, bleibt unklar; abgesehen davon, dass ihre Trainerin durch ein Loch in ein unterirdisches Höhlensystem fällt und eine Weile lang nicht gefunden wird, sind sie bloss Handlungsbeigemüse. Doch alleine sind sie damit keineswegs. Es wird rasch klar, dass Kurt Palm sich hier um vieles bemüht, nicht aber um das Erzählen einer stringenten Geschichte. Die Aufklärung des Todesfalles spielt allenfalls eine Nebenrolle. Viel wichtiger scheint, dass die Putzfrau Jagoda, die sich selbst als „die Erdbeere aus Belgrad“ bezeichnet, genug von dem armseligen Nest hat, in dem sie gelandet ist. Um ans notwendige Kleingeld für die Gründung einer neuen Existenz in ihrer Heimat zu kommen, erpresst sie ihren Arbeitgeber, den örtlichen Zahnarzt, der ihr nicht nur als Putzkraft in seiner Praxis zu tun gibt, mit einem Foto ihrer Genitalien. Dieselbe Idee hat sinnigerweise auch Veronika Sandleitner, die das lokale Fotogeschäft betreut und bei dieser Tätigkeit sämtliche Widerwärtigkeiten zu sehen kriegt, die ihre Dorfgenossen so ablichten. Beide wollen nur eins: Weg aus Bad Fucking. Verdenken kann man es ihnen nicht, denn seit einem Bergsturz ist das Kaff so gut wie von der Welt abgeschnitten, was den Bürgermeister wiederum dazu animiert hat, in einigen riskanten Börsengeschäften den ganzen Gemeindebesitz zu vernichten.

Ein Zerrbild der Alpenidylle

Aber dies alleine wäre viel zu einfach. Nein, Palm bietet noch eine ganze Reihe weiterer Handlungsstränge auf: Eine Ministerin, die im schönen Bad Fucking ein Asylantenheim bauen wollte, fällt in die Hände von Terroristen, die Höhle unter Schallmosers Wohnort scheint prähistorische Schätze zu bergen, eine zwielichtige Osteuropäerin landet in einer Designer-WG und das Beste, was man in „Bad Fucking“ an Polizei zu bieten hat, rührt in der Amtsstube eine grauenhaft stinkende Masse aus verwesendem Fleisch und Sperma an, weil der Beamte auf ein Jahrhundertereignis wartet: In wenigen Tagen sollen nämlich die Aale zu Tausenden nach Bad Fucking strömen. So viel zu dem, was angesichts des energischen Rumgehüpfes von einer Figur zur anderen handlungstechnisch gesagt werden kann. Doch da kein Autor, der nur halbwegs klar im Kopf ist, ernsthaft ein derart unmotiviertes Handlungsdurcheinander veranstalten würde, muss es Palm um etwas anderes gehen. Zu vermuten ist: Das Ganze ist eine bitterböse Satire auf Österreich, österreichische Alpenidylle, unser aller Vorstellungen vom ach so schönen Berglerleben. Doch in Bad Fucking sind Aufstiege zu Wohnhöhlen schweisstreibend, Knollenblätterpilze ohne Kompromisse giftig und das niedliche Reden von „Plasticksackerln“ kann die Dämlichkeit der in diesem Nicht-Krimi ermittelnden Beamtinnen mit Hundescheissphobie nicht verschleiern. Streckenweise macht die Bissigkeit, mit der Palm eine vermeintliche Idylle dekonstruiert, durchaus Spass. Der Haupthandlungsort, dessen Name allein schon ein Zerrbild der wohlklingenden Namen von Bädern des Alpenlandes ist, verliert durch Berge wie das „Hohe Hirn“ und Seen wie den „Höllensee“ jegliche Beschaulichkeit. Dieses Österreich ist kein Land der friedlich ihre Pfeife schmauchenden Älpler, sondern bis ins letzte Bergtal ein Hort der Korruption. In dieser scheinbar heilen Welt „sehen die Politiker einfach nur zu und stellen sich dumm“, wenn es um das organisierte Verbrechen geht und Dorfpolizisten mögen keineswegs ihre Dienstautos für Polizeiarbeit zur Verfügung stellen, wo diese Autos doch viel dringender für die Aufbewahrung einer Anglerausrüstung gebraucht werden.

Zu viel des Absurden

Schräg und grotesk sind Handlung, Figurenkabinett, Erzählweise. So lässt Palm seine Figuren schon einmal selbst eine Erklärung einschieben, wenn sie mit der Darstellung ihrer Handlungen nicht einverstanden sind. Und der alles überblickende Erzähler, der scheinbar mühelos von Bad Fucking nach Wien und zurück, in die Köpfe von Putzfrauen und verliebten Jünglingen hüpft, verliert ab und an die Kontrolle. So lässt er eine Figur unbegleitet für Minuten auf dem Klo verschwinden. Offenbar ist dieser Toilettengang erwähnenswert, sonst müssten wir nicht darüber informiert werden. Doch was Adalbert, übrigens einer der Designer-WG, dort treibt, das „weiss nur er“. Ein bisschen lustig ist das manchmal schon, doch die Idee einer Persiflage auf das Krimigenre ist nicht neu und hier auch nicht besonders geglückt. Insgesamt bleibt alles ein wenig nichtssagend, ein wenig beliebig, trotz Obszönität paradoxerweise handzahm in seinen absurden Verirrungen. Wer etwas für wenig feinfühlige satirische Rundumschläge und Parodien auf das Krimigenre übrig hat, mag es mit „Bad Fucking“ versuchen.


Titel: Bad Fucking
Autor: Kurt Palm
Verlag: Rowohlt
Seiten: 277
Richtpreis: CHF 15.90

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