“Eine griechische Tragödie. Die Krise des Euro und des Weltwährungssystems“ | Reihe: Salongespräche | Theater Neumarkt, Zürich

Vorschau auf die Veranstaltung vom Samstag, 12. November 2011, 20 Uhr

Foto | Copyright: Kurt F. Dominik | Pixelio.de

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Einen spannenden Abend versprechen die beiden Experten Prof. Urs Birchler, Professor für Banking an der Universität Zürich, Prof. Heiner Flassbeck, Chef-Ökonom der Uno-Organisation für Welthandel und Entwicklung und der Moderator Daniel Binswanger, an dem die Gründe der Krise und Lösungen zu ihrer Überwindung diskutiert werden. Wie aber definierte Aristoteles, der grosse Meister der Dichtkunst, die Tragödie?

“Die Tragödie ist Nachahmung einer guten und in sich geschlossenen Handlung von bestimmter Grösse, in anziehend geformter Sprache, wobei diese formenden Mittel in den einzelnen Abschnitten je verschieden angewandt werden – Nachahmung von Handelnden und nicht durch Bericht, die Jammer und Schaudern hervorruft und hierduch eine Reinigung von derartigen Erregungszuständen bewirkt.“

Wir können wohl noch so viele Finanzkrisen (sprich: Kapitalismuskrisen) erleben, die nicht nur gute Handlungen in sich bergen, die Jammer und Schauder bei den Hauptakteuren in engen Grenzen halten, bei den kleinen Leuten aber einen umso grösseren hervorrufen und dem Allgemeinwohl zudem viel Schaden zufügen. Da nützt auch das Gerede von Corporate Governance, Corporate Citizenship und Corporate Social Responsibility nicht viel, das sich vielfach diejenigen auf die Fahne schreiben, die sich am wenigsten an den dort enthaltenen Grundsätzen orientieren.  Der Schaden wird die Allgemeinheit tragen, das heisst, der Staat und die Nationalbank müssen eingreifen. Paradox, hat man sich vorher doch nach “so wenig Staat als möglich, so viel Markt wie möglich“ heiser geschrien.

Auch sollen in der Tragödie die Charaktere erkenntnisfähig sein, also eine Läuterung (im Guten Sinne) erfahren. Die Tragödie soll einen Anfang, eine Mitte und ein Ende und der Umschlag vom Unglück ins Glück oder vom Glück ins Unglück soll in seiner Grösse die richtige Begrenzung haben.

Wir wissen es – die Hauptdarsteller in der aktuellen Tragödie sind wenig erkenntnisfähig: Sie sind Wiederholungstäter. Und das mit der Erkenntnis, dass ihnen eh keiner an den Kragen geht. Das Ende der Tragödie? Dies scheint als Endlosschlaufe nicht kommen zu wollen, entsprechend kann sich das Unglück ins Unermessliche steigern.

Und noch die hier – nicht bei Aristoteles – letzten Anforderungen an eine Tragödie, damit diese als gelungen bezeichnet werden kann:

“1. Man darf nicht zeigen, wie makellose Männer einen Umschlag vom Glück ins Unglück erleben; dies ist nämlich weder schaudererregend noch jammervoll, sondern abscheulich.

2. Man darf auch nicht zeigen, wie Schufte einen Umschlag vom Unglück ins Glück erleben, dies ist nämlich die untragischste aller Möglichkeiten, weil sie keine der erforderlichen Qualitäten hat: sie ist weder menschenfreundlich noch jammervoll noch schaudererregend.

3. Andererseits darf man auch nicht zeigen, wie der ganz Schlechte einen Umschlag vom Glück ins Unglück erlebt. Eine solche Zusammenfügung enthielte zwar Menschenfreundlichkeit, aber weder Jammer noch Schaudern. (…)“

Ganz als Gegenteil dessen stellt sich die Finanzkrise dar: abscheulich, menschenfeindlich und keine Katharsis bringend. Das heisst nichts weniger, als das sie sogar die Regeln des Aristoteles für die Tragödie missachtet. Aber, das muss noch gesagt werden, die Tragödie ist eine nachahmende Kunst. Die aktuellen Geschehnisse sind dies leider nicht, sie folgen nicht dem Gesetz der Wahrscheinlichkeit, sie sind ganz einfach Realität. Und das ist schlicht gesagt ein Schlamassel.

Quelle: Aristoteles, Poetik, Reclam Verlag Stuttgart, 1997.

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www.theaterneumarkt.ch

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