Peter Henning: “Leichtes Beben”

Erschütterte Welten

Peter Henning: “Leichtes Beben” (Roman)

Jeder kennt sie, die kurzen Momente und Ereignisse, die man zum Zeitpunkt des Geschehens einfach wahr- und hinnimmt, von denen man aber später sagen kann: „Genau da hat sich mein Leben und mein Weltbild verändert, nach diesem Ereignis war ich ein anderer Mensch.“ Von solchen Momenten erzählt Peter Henning in den einunddreissig Episoden seines jüngsten Romans „Leichtes Beben“ und erschafft damit ein einfühlsames, facettenreiches, aber manchmal leider auch leicht verwirrendes Kaleidoskop menschlicher Erfahrungen.

Von Lisa Letnansky.

av_henning_beben_rz.inddBronnen ist mit der Bahn unterwegs an sein zwanzigjähriges Abiturtreffen, als aus heiterem Himmel ein Pferd aus einer Koppel ausbricht, auf die Gleise rennt und vom Zug erfasst wird; die anrückenden Feuerwehrleute kommen direkt von einem Fest in der Nähe und sind, betrunken wie sie sind, keine grosse Hilfe. Koch beobachtet mit dem Feldstecher in der Wohnung gegenüber einen Mann, der gerade dabei ist, sich zu erhängen; im letzten Moment versperren jedoch Fensterputzer die Sicht und Koch erfährt nie, wie die Sache ausgeht. Georg wird spätabends von seinem Vater angerufen, der ihm aufgeregt mitteilt, er habe gerade aus Versehen seinen Nachbarn erschlagen und Georg müsse ihm nun dabei helfen, die Leiche wegzuschaffen.

Vernetzte Leben

Das sind nur drei Beispiele aus den einunddreissig kurzen Geschichten, die Peter Henning in seinem Roman erzählt. Die Episoden sind alle eher kurz – meist nicht länger als ein paar Seiten – und die Charaktere, obwohl sie meist nur mit wenigen Charakterzügen skizziert sind, könnten unterschiedlicher kaum sein. Es ist also ganz wie im realen Leben: täglich kreuzen wir die Wege von unzähligen uns fremden Personen, die mit einer einzigen Handlung unseren Lebensweg verändern könnten. Und diese Personen führen alle auch wieder eigene Leben, die wiederum von unzähligen Menschen und Ereignissen beeinflusst werden. „Leichtes Beben“ zeigt uns die menschliche Welt als Netz, bei dem man einfach einen Faden herauszupfen kann, um diesem zu folgen und an einer beliebigen Abzweigung einen weiteren Faden aufzunehmen.

Nicht nur die Erde bebt

Auf der Handlungsebene sind die Episoden lose verbunden durch ein Erdbeben der Stärke 5.3 im Raum Freiburg/Breisgau, auf das immer wieder Bezug genommen wird. Das Beben und die sich kreuzenden Lebenswege sind jedoch nicht das Einzige, was Hennings Charaktere mit einander verbindet. Auch wenn sich ihre Handlungsweisen und Strategien deutlich unterscheiden, lässt sich die momentane emotionale Befindlichkeit aller auf einen gemeinsamen Nenner bringen: Sie alle sind Einsame, Traurige, Suchende und Enttäuschte. Wir erleben als Leser, wie wichtige Dinge so lange aufgeschoben werden, bis es zu spät ist, wie leidenschaftliche Vorhaben durchkreuzt werden, aber auch wie kurze Begegnungen neuen Schwung in stagnierte Leben bringen können. Das „Leichte Beben“ des Titels spielt eben nicht nur auf das von allen im Roman erlebte Beben der Erde an, sondern auch auf die Ereignisse und Begegnungen, die als seelische Erschütterungen Weltbilder und Lebensläufe in neue Bahnen lenken können. All dies beschreibt Peter Henning mit viel Gespür für das Aussergewöhnliche und mit viel Sympathie für seine Figuren.

Der Blick aufs Ganze

Obwohl die Kürze der Episoden nur sehr wenig Raum für eine Vertiefung oder gar Entwicklung der Charaktere lässt, schafft es Henning, dass man sich als Leser schnell für sie und ihre Schicksale interessiert. Und da es sich hier um sich kreuzende Lebenswege handelt und einige der Figuren in späteren Episoden wieder als Randfiguren auftauchen, wird das Lesen dieses Romans an einigen Stellen zu einem richtigen Detektivspiel und das Herausarbeiten der einzelnen Zusammenhänge zu einer spannenden Angelegenheit.

Da ist es gleich doppelt schade, dass man als Leser mit der Zeit zwangsläufig das Gefühl bekommt, dass der Autor bei so vielen Figuren und Geschichten anscheinend selbst den Blick aufs Ganze etwas aus den Augen verloren hat. Dass ihm irgendwann die Berufsbezeichnungen ausgegangen zu sein scheinen und in diesen einunddreissig Geschichtchen gleich drei Sportlehrer und drei gescheiterte Schriftsteller auftauchen, ginge ja noch. Aber dass das Erdbeben, das ja augenscheinlich als verbindendes Element wahrgenommen werden soll, in der einen Episode spätnachts, in der nächsten am Mittag und dann wieder am frühen Abend stattgefunden hat, wirkt dann doch eher verwirrend denn verbindend.

Nichtsdestotrotz: „Leichtes Beben“ ist eine anregende. unterhaltsame Lektüre und schärft den Blick für die unscheinbaren Dinge im Leben – denn die Welt ist klein und wer weiss, ob die Person, mit der wir gestern in der Schlange im Supermarkt ein paar Worte gewechselt haben, nicht irgendwann eine grössere Rolle in unserem Leben spielen wird?


Titel: Leichtes Beben
Autor: Peter Henning
Verlag: Aufbau
Seiten: 331
Richtpreis: CHF 28.90

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