Florian Beckerhoff: “Das Landei”

Wenn einen die Vergangenheit einholt

Florian Beckerhoff: “Das Landei” (Roman)

Wenn sich Landeier in der Stadt verirren, kann das nicht gut ausgehen. Oder etwa doch? Rob, der damals auf dem Land noch Robbie hiess, gefällt die Stadt. Er hat schliesslich fast alles, was er sich wünscht: eine erfolgreiche Agentur, eine Stammkneipe und einen besten Freund. Nur etwas fehlt ihm: eine Frau.

Von Luzia Zollinger.

daslandeiEndlich weg aus dem kleinen Dorf, hinein in die Grossstadt. Solche Gedanken werden wohl viele Junge haben, die in einem Dorf aufgewachsen sind. So auch Rob, der vor 16 Jahren zusammen mit seinem besten Jugendfreund Golo in die Stadt zog. “Also du und ich, wir sind damals doch einfach so abgehauen, ohne jeden Grund, sagen wir, fürs Abenteuer, und tun seitdem so, als wären wir eigentlich von hier, als wären wir Männer ohne Vergangenheit”, sagt Golo einmal, als Rob an der “Auswanderung” in die Stadt zweifelt. Er zweifelt daran, weil seine langjährige Freundin Mariette ihn verlassen hat und er sich nicht mehr sicher ist, ob er wirklich noch in die Stadt gehört.

Heimatgefühle in der Stadt

Die Heimat und seine eigenen Wurzeln kann man nicht leugnen und auch nicht vergessen. Der in Zürich geborene Florian Beckerhoff geht genau dieser Aussage auf den Grund und begleitet Rob mit einer sehr lockeren Sprache in seinem städtischen Alltag und dem Wunsch, doch wieder näher an die Heimat zu rücken. Ob sich dieser Wunsch mittels einer Frau an seiner Seite, die genau aus dem gleichen Dorf stammt, erfüllen lässt? Ja, aber nur teilweise. Denn das Treffen von ehemaligen Mitschülern wirbelt auch längst Vergessenes auf. “Ein Heimatstammtisch hier in seiner Stadt! War jetzt nicht der Zeitpunkt gekommen, so schnell wie möglich wegzurennen?”, kommentiert Beckerhoff mit leicht sarkastischem Unterton das Unwohlsein seiner Hauptfigur Rob. Oder ist Heimat nicht viel mehr etwas, das Menschen auf einer Ebene verbindet, die sonst gar nicht existiert, eine Ebene, die für Aussenstehende unsichtbar ist? Eine Frage, die jeder und jede für sich selbst beantworten muss.

Als die Kommunikationsagentur von Rob ihr fünfjähriges Bestehen feiert, lassen ihn seine Freunde vom Dorf nicht im Stich. An diesem Abend trifft Rob auch zum ersten Mal seit 16 Jahren wieder auf Gabi, die Tochter seines ehemaligen Mathematiklehrers. Liebe auf den ersten Blick ist es nicht, was Rob für Gabi empfindet. Und doch kann er diese Begegnung nicht aus seinem Gedächtnis streichen. “Zum ersten Mal verstand er, erlebte er, dass ihm wirklich warm wurde ums Herz, so glücklich war er, so vollkommen in Erfüllung.”

Advent: Zeit für Sentimentales

Einer von Robs ehemaligen Mitschülern, Holger, organisiert immer in der Adventszeit einen gemütlichen Abend unter Freunden. Nach langem Überlegen entschliesst sich Rob, dort auch aufzutauchen. Denn genau diese Erinnerungen an früher hat er gesucht. Und doch werden sie ihm plötzlich wieder zu viel. Er steht den Abend nur aus Liebe zu Gabi durch. Doch dann kommt alles anders – wegen Golo. Wer nun ein abruptes Ende erwartet, täuscht sich. Rob flüchtet ans Meer und glaubt, dort der Weihnachtszeit auszuweichen, die für ihn zu sentimental wird. Aber dort fühlt er sich noch viel mehr in der Fremde als in der Stadt.

Florian Beckerhoff ist mit “Das Landei” ein Roman gelungen, der einen selbst über seine Heimat nachzudenken anregt. Ist Heimat dort, wo ich aufgewachsen bin? Oder dort, wo ich mich zuhause fühle? Oder dort, wo mich etwas an zuhause, an die Kindheit erinnert?


Titel: Das Landei
Autor: Florian Beckerhoff
Verlag: List
Seiten: 256
Richtpreis: CHF 20.90


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