Die seltsamen Blüten eines religiösen Konservatismus

Ein Stück Männerwelt

Die seltsamen Blüten eines religiösen Konservatismus

Kloster Dionysiou auf der Halbinsel Athos, GR

Das Kloster Dionysiou auf der Halbinsel Athos, Griechenland.

Quelle Wikipedia, User Mätes II.

 

Die Autonome Mönchsrepublik Athos gilt als spirituelles Zentrum des orthodoxen Mönchtums. Sie ist auch die Hochburg konservativer Wertvorstellungen, die manchmal mit kirchlichem Pragmatismus kollidieren. Eine tragikomische Geschichte über eine Mönchsgemeinschaft, die fernab der Welt zu leben strebt.

Von Giannis Mavris

Seit Jahrhunderten schon gilt die Halbinsel Athos im nördlichen Griechenland als eine der wichtigsten Zentren der christlichen Orthodoxie. Die Heilige Maria persönlich soll gemäss einer Legende nach einem Sturm auf hoher See auf der Landzunge gestrandet sein. Von der Schönheit des Ortes überwältigt, bat sie Jesus, ihr die Halbinsel als ihren persönlichen Garten zu schenken. Seitdem gilt Athos als der „Garten der Gottesmutter“, der einzig und allein ihr vorbehalten ist. Anderen Frauen, wie auch weiblichen Tieren (ausser Katzen, die Mäuse zu fangen haben) ist der Zutritt strengstens untersagt. Zuwiderhandlungen werden von den griechischen Behörden geahndet.

Bereits unter dem byzantinischen und später unter dem osmanischen Reich konnte Athos seine Unabhängigkeit wahren. Heute besitzt die Mönchsrepublik einen verfassungsmässig garantierten Autonomiestatus in Griechenland. Die Mönche regeln die Verwaltung und haben in einem beschränkten Masse auch politische Handlungsfreiheiten.
Viele Griechen unternehmen Pilgerreisen zum Agion Oros („heiliger Berg“), wo es neben den 17 griechischen Klöstern noch je ein russisches, serbisches und bulgarisches Kloster gibt. Während in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts die Anzahl der Mönche rapide abnahm, gab es in den letzten Dekaden wieder einen leichten Anstieg.

„Legale“ versus „rebellierende“ Mönche
Interne Streitigkeiten waren bei der Orthodoxie seit jeher im Programm, so dass sich heute ein stark zersplitterte Religionsgemeinschaft präsentiert: Kirchen sind in der Regel national organisiert. Innerhalb der Landeskirchen finden sich wiederum weitere Abspaltungen. Somit ist die orthodoxe Kirche weniger hierarchisch strukturiert als die katholische. Wie gross die Bereitschaft ist, die eigenen Glaubenssätze zu verteidigen, zeigt eine Geschichte, die sich seit einigen Jahren auf Athos abspielt.

Im Zuge eines Jahrzehnte andauernden Konflikts zwischen dem Patriarchen von Konstantinopel und den Mönchen des ultra-konservativen Klosters Esphigmenou, kam es in den letzten zehn Jahren zu einigen denkwürdigen Zwischenfällen. So warfen letztere dem Patriarchen Verrat an der Orthodoxie vor, da er ein für sie unverzeihliches Delikt beging: Er suchte das Gespräch mit der katholischen Kirche.
Der Patriarch antwortete 2002 mit einer Exkommunikation und der Aufforderung, die Mönche von Esphigmenou hätten das Gebiet von Athos zu verlassen. Diese ignorierten die Aufforderung jedoch. Gerichtsbeschlüsse, die weitgehend der Linie des Patriarchen folgten, lehnten sie als illegitim ab. Eine Gruppe von zwanzig Mönchen besetzte 2005 den Sitz des Vorstandes der Mönchsrepublik, als die übrigen Klöster den Weisungen des Patriarchen folgten und die Mönche von Esphigmenou als „Illegale“ betrachteten.

„Orthodoxie oder Tod“
Die Hüter des „wahren Glaubens“ gingen damit auf einen Konfrontationskurs gegenüber den restlichen Klöstern, der schon bald seinen Tribut forderte. Als ein Jahr später Mönche der anderen Klöster versuchten, die Besetzung zu räumen, kam es zu regelrechten Prügeleien. Nachdem Türen mit einem Vorschlaghammer aufgebrochen wurden, gingen die Mönche mit Brechstangen und Feuerlöschern aufeinander los. Bilanz: Sieben zum Teil schwer verletzte Mönche.

Die Fronten sind seitdem verhärtet. Der griechische Staat hat angeboten, die „rebellierenden“ Mönche aus Athos zu entfernen, was aber vonseiten der Klöster abgelehnt wurde, da sie keine gewaltsame Lösung des Problems wünschten. Die Mönche von Esphigmenou haben sich nun in ihrem burgähnlichen Kloster verbarrikadiert. Sie haben Transparente aufgehängt, auf denen die Parole „Orthodoxie oder Tod“ steht. Der offizielle griechische Wahlspruch „Freiheit oder Tod“ kommt übrigens aus dem Befreiungskampf gegen das osmanische Reich. Hieraus offenbart sich der  Anspruch, die „echte“ griechische Religion zu verteidigen.

In den letzten Jahren versuchten Mönche von anderen Klöstern das Esphigmenou-Kloster zu stürmen – ohne Erfolg. Die „Rebellen“ machten auchklar, was passieren würde, sollte die Polizei versuchen das Kloster zu stürmen: Mit Gasflaschen, Benzinkanistern und sogar Dynamit wollen sie das tausendjährige Kloster in die Luft sprengen.

Die Versorgung des Klosters mit Lebensmitteln und Medizin ist nicht mehr gewährleistet, da es weitgehend isoliert wurde. Dies stellt vor allem die teilweise bejahrten Mönche vor grosse Probleme. Nach eigenen Angaben erhalten die Mönche über den Seeweg Unterstützung von Sympathisanten.

Zwischen Tradition und Moderne
Diese Geschichte zeigt die Zerrissenheit einer Gemeinschaft auf, die sich trotz ihrer selbstgewählten und konsequent verteidigten Isolation mit der Moderne konfrontiert sieht. Ein asketisches Leben, wie es in Athos angestrebt wird, wird durch die Versuchungen der weltlichen Lebensweise auf den Prüfstein gelegt. Ziel des christlichen Mönchtums war seit jeher eine Entsagung an die Welt gewesen. Das ist heute schwieriger als zur Zeit der ersten christlichen Mönche in der ägyptischen Wüste. Obwohl heutigen Mönche um diese Schwierigkeiten wissen, nehmen sie diese Herausforderung an.

Die Mönche von Esphigmenou leben zwar eine besonders radikale Form des orthodoxen Konservatismus aus. Durch dieses Beispiel wird aber erst recht sichtbar, welchen Konflikten sich Menschen ausgesetzt sehen, die ein äusserst religiöses Leben gewählt haben. Religiöser Radikalismus kann als ein Ausdruck von Schwierigkeiten verstanden werden, das moderne Leben zu akzeptieren.

 

Im Netz:

Die Webseite der Autonomen Mönchsrepublik Athos

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