“Source Code” von Duncan Jones

Bedauernswertes Kochen nach Rezept

“Source Code” von Duncan Jones

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Nach einem Bombenanschlag auf einen Zug wird Captain Colter Stevens auf eine ungewöhnliche Mission geschickt; er soll sich in das eingefangene Bewusstsein eines der Todesopfer begeben, und die letzten 8 Minuten vor dessen Tod so lange wiederholt durchleben, bis er den Attentäter findet. Dumm nur, dass diese durchaus reizvolle Filmidee in die Hände eines durchschnittlichen Hollywoodschreiberlings geriet.

Von Lukas Hunziker.

Die effektivste Waffe grosser Filmstudios gegen erfolgreiche Regiefrischlinge, die mit kleinem Budget grosse Filme drehen, ist der Sirenengesang des Geldes – man lockt sie mit Millionenbudgets zu sich und lässt sie dann am Felsen schlechter Drehbücher zerschellen. Auch Duncan Jones, dessen Science Fiction Thriller „Moon“ zu den interessantesten Erstlingen im letzten Jahr gehörte, scheint dem Gesang gefolgt zu sein: Für das mehr als sechsfache Budget von „Moon“ durfte der gebürtige Brite und Sohn David Bowies seinen zweiten Film in Hollywood drehen, topbesetzt mit Jake Gyllenhaal, Michelle Monaghan und Vera Fermiga. Passend zu unserer Metapher beginnt der Film ebenso grossartig wie „Moon“ aufhörte, rammt dann ein hartes Klischee des amerikanischen Mainstreamfilms nach dem anderen und geht schliesslich in Einzelteilen unter.

Absehbar trotz Twistgewitter

Die Handlung von „Source Code“ vollbringt das Kunststück, von Anfang bis Schluss mit Twists vollgepackt und trotzdem von der fünften Minute an komplett durchschaubar zu sein: Ein Mann erwacht in einem Zug gegenüber eine Frau, die mit ihm redet, die er aber nicht kennt – genau, die beiden verlieben sich später im Film. Er hat keine Ahnung, wo er ist und läuft rastlos durch den Zug, bis dieser explodiert – genau, der Mann stirbt dabei nicht. Stattdessen wacht er verwirrt in einem Bunker auf und spricht über ein Bildtelefon mit einer Vorgesetzten, die ihn darüber aufklärt, er sei über den sogenannten Source Code in das Bewusstsein eines bei einem Attentat gestorbenen Zugpassagiers geschickt worden, um den Attentäter zu finden – und genau, welcher der anderen Zugpassagiere der Attentäter ist, weiss man spätestens dann schon, wenn Captain Colter Stevens, so der Name des Mannes, zum zweiten Mal die letzten 8 Minuten vor der Detonation der Bombe erlebt.

© Studio / Produzent
© Studio / Produzent

Allein wer noch nie in seinem Leben einen Thriller gesehen hat, und sich von „Source Code“ diesbezüglich entjungfern lassen wollte, hat das Recht, obige Handlungsskizze Spoiler zu schimpfen. Auch nur halbwegs intelligente Filmgeniesser erkennen in den viel zu durchschaubaren Bildmontagen, die Colter Stevens „Bewusstseinsreisen“ darstellen sollen, die letzte grosse Pseudoüberraschung der Story. Das zwanghafte Verlangen des Mainstreams nach Happy Ends und die Angst davor, alles Unrealistische mit an den Haaren herbeigezogenen wissenschaftlichen Erklärungen wegzuerklären, schaufeln dem Film nach spätestens zwei Dritteln das Grab. Die Obsession rezeptgetreuer Charaktergestaltung führt in „Source Code“ dazu, dass Colter Stevens vor dem grossen Finale noch den ihn prägenden Konflikt mit seinem Vater löst – ohne dass dies der Handlung auch nur annähernd dienen oder es den Zuschauer irgendwo im verblödetsten Eckchen seines Gehirns interessieren würde.

„Source Code“ ist der Beweis dafür, dass das ausgeleierte Getriebe der einstigen Traumfabrik selbst aus den besten Filmideen verkitschte Jammerfilme macht, dass es auch aus Kaviar und Trüffel nur fettig triefenden Fastfood fabrizierend kann. Was die Sache in diesem Fall noch schlimmer macht, ist, dass man bei den ersten paar Bissen noch die guten Zutaten rausschmeckt, einem aber dann mit jedem weiteren Mundvoll mehr nach Erbrechen zu Mute ist. Immerhin: nur wenig andere Filme führten einem dieses Jahr so deutlich vor Augen, dass man eine Diät nötig hat, und anfangen sollte, sich in anderen Regionen der Welt nach Köstlichkeiten umzuschauen.

Ausstattung

Neben einem Audiokommentar von Duncan Jones, Jake Gyllenhaal und Drehbuchautor Ben Ripley enthält die DVD ein als „Cast & Crew“ betiteltes Making of, Kürzestdokumentarfilme zu Quantenphysik und Zeitreisen sowie einen knapp 20minütigen Vortrag eines Quantenphysikers zur Möglichkeit von Zeitreisen und der Existenz von Parallelwelten.


Seit dem 3. November 2011 im Handel.

Originaltitel: Source Code (USA 2011)            
Regie: Duncan Jones
Darsteller: Jake Gyllenhaal, Michelle Monaghan, Vera Fermiga, Jeffrey Wright
Genre: SciFi Thriller
Dauer: 90 Minuten
Bildformat: 1:1,85
Sprache: Englisch, Deutsch
Untertitel: Deutsch
Audio: Dolby Digital 5.1
Bonusmaterial: Audiokommentar von Duncan Jones, Jake Gyllenhaal und Drehbuchautor Ben Ripley, Cast & Crew, Im Brennpunkt, Expertenwissen, Trivia Tracks, Trailers
Vertrieb: Warner

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Lukas Hunziker

Lukas Hunziker ist Gymnasiallehrer für Deutsch und Englisch. In seinem Garten stehen drei Bäume, in seinem Treppenhaus ein Katzenbaum. Er schreibt seit 2007 für nahaufnahmen.ch.

Ein Gedanke zu „“Source Code” von Duncan Jones

  • 07.12.2011 um 17:02
    Permalink

    Genau. Danke für den Review. Die Idee ist toll, aber die Umsetzung gähnend langweilig. Wollte hier jemand den Erfolg von Matrix oder Inception nachahmen? Fail.

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